Das Sterben ist so einzigartig wie das Leben

| Mo, 30. Jul. 2018

BURGDORF: Im Gespräch mit freiwilligen, palliativen Begleiterinnen wollen wir herausfinden, warum ihre sehr schlichte und menschliche Arbeit trotz Spitzenmedizin wichtig ist. Isabelle Keller

Es gibt keinen Leitfaden für das Sterben, kein Drehbuch. Das erleben die freiwilligen Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter bei jedem ihrer Einsätze. Sie sind ohne Vorurteile bereit, den schwer Kranken und ihren Angehörigen wertvolle Zeit zu schenken. Ihr Lohn: intensive Begegnungen und eine Dankbarkeit gegenüber dem eigenen Leben. Den Angehörigen verschaffen sie einige Stunden der Erholung. Gegenüber den Sterbenden treten sie mit allem Respekt nur so weit in Erscheinung, wie diese es zulassen möchten. Das kann mal mehr, mal weniger sein.

Es gibt keine Rezepte – nur Offenheit
Alle sind sich einig: es gibt keine Routine. Auch langjährige Freiwillige erleben jede Begegnung als einzigartiges Erlebnis. Manchmal wird ihre Präsenz sichtlich geschätzt und es kann berührend sein, indem eine Hand fest gedrückt wird oder es zu einem Gespräch kommt. Manchmal müssen sie achtsam auf Distanz gehen. Vielleicht reicht es aus, im Nebenzimmer zu sitzen und auf den Atem zu hören. Da zu sein, wenn der Patient Hilfe braucht, Angst äussert oder unruhig ist. Darum sind ihre Einsätze auch meistens in der Nacht, damit die Angehörigen wieder mal durchschlafen können. Doch auch tagsüber wachen sie am Krankenbett. Dies ist hilfreich, damit die Nahestehenden entlastet sind und sich getrost mal ihren eigenen Bedürfnissen widmen können. Sie dürfen darauf zählen, dass jemand da ist. Die Freiwilligen übernehmen zwar keine Pflege, können aber Hilfestellungen anbieten wie beispielsweise beim Lagern oder der Mundpflege. Manchmal mag der Patient eine kleine Massage geniessen, manchmal schätzt er es, wenn ihm jemand etwas vorliest, das Radio anstellt oder kurz das Fens­ter öffnet. Aber niemals würden die Begleitenden dem Sterbenden etwas aufzwingen. Den Ablauf und das Mass an Nähe bestimmt einzig der Patient.
Für diese Arbeit braucht es Menschen, die bereit sind, sich auf Unbekanntes einzulassen. Jedes Mal, wenn sie eine fremde Türe öffnen, müssen sie darauf gefasst sein, dass dahinter eine ganz individuelle Geschichte geschrieben wird. Ihre Offenheit und eine stabile Psyche sind eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Gelingen. Sie müssen das Spiel zwischen intimer Nähe und genügend Distanz beherrschen, damit die Einsätze nicht zur Belas­tung für sie selber werden. Immerhin rücken sie manchmal bei Nacht und Nebel aus, suchen irgendwo im Dunkeln ein Haus, fühlen sich mulmig und wissen nicht, was sie erwartet. Meistens aber geht es um Menschen, die bald für immer Lebewohl sagen. Auf diesem Weg gibt es Ängste und Schmerzen. Und dennoch: Sterben ist kein Akt des Schreckens. Die Freiwilligen haben alle erlebt, dass Sterben auch etwas Schönes sein kann. Ja, etwas Schönes und Friedvolles. Wenn sich die Muskeln entspannen, der Atem ruhig wird und das Gesicht die Züge von Sorgen verliert. Sterben ist kein Tabu, es ist ein Bestandteil des Lebens und er darf gestaltet werden.

Zu Hause sterben ist möglich
Das Angebot «Spitex Palliative Begleitung» dürfen alle in der ganzen Region nutzen. Es handelt sich um eine Zusatzleistung der Spitex-Kerndienste. Seit 2010 übernimmt die Spitex Burgdorf-Oberburg die Finanzierung des Angebots. Die Kosten für die Abklärung und Beratung durch eine Pflegefachperson übernimmt die Krankenkasse im Grundangebot. Die effektiven Einsätze werden gegen eine bescheidene Gebühr in Rechnung gestellt. Diana Bertschi leitet das Angebot der Spitex Burgdorf-Oberburg. Sie rekrutiert die Palliativen Begleiterinnen und Begleiter (ja, es sind auch Männer im Team) und ist verantwortlich für deren Schulung und Supervision. Sie tätigt auch alle Vorabklärungen, und vernetzt sich mit den beteiligten professionellen Organisationen. So kann sie den Freiwilligen bereits einige Informationen mit auf den Weg geben und die Einsätze optimal planen.
Diana Bertschi betont ganz besonders den palliativen Aspekt der Begleitung. Kleine Gesten, einfache Handreichungen und vor allem Zeit da zu sein, sind eine wunderbare und unerlässliche Ergänzung zur medizinischen Versorgung. Das lässt aufhorchen in einer Zeit, da es oft darum geht, alles zu tun, um den Tod aufzuhalten. In der Phase, da Diana Bertschi und ihr Team aktiv werden, geht es nicht mehr darum, etwas zu verhindern. Es geht vielmehr darum, das was geschieht in Würde zu gestalten, mit der bestmöglichen Unterstützung für alle Beteiligten. Für ganz viele Menschen kann damit der Wunsch in Erfüllung gehen, daheim im eigenen Bett sterben zu dürfen.

Isabelle Keller

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