Emotionen, Traurigkeit und Verzweiflung

| Di, 06. Sep. 2016

BURGDORF: Am 8. September 2016 von 19 bis 20 Uhr, spricht Katrin Endtner (Bild) im Mehrzweckraum (Erdgeschoss) des Ambulanten Zentrums Buchmatt an der Kirchbergstrasse 97 in Burgdorf zum Thema «Borderline – Symptome und Behandlungsmöglichkeiten». red

Die Referentin – Fachgebiet Psychiatrie des Spitals Emmental – ist Bereichsleiterin des Ambulanten Zentrums Buchmatt. Katrin Endtner ist Spezialistin auf dem Gebiet der Borderline-Störung. Menschen mit dem Borderline-Syndrom reagieren vielfach impulsiv. Ihre Gefühlslage ist intensiv und kann rasch wechseln – von oft gedrückter Stimmung zu Phasen starker Erregung. Aufkeimende Wut, Verzweiflung und Angst sind von Betroffenen teilweise nur schwer kontrollierbar. Nicht selten werden am Borderline-Syndrom Leidende jedoch mit zunehmendem Alter im psychischen Bereich stabiler. Die Referentin behandelt seit über zwei Jahrzehnten Menschen mit psychischen Störungen und kann aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen. Ihre Botschaft heisst: «Früher galt: Wer eine Borderline-Störung hat, ist unheilbar krank. Heute gilt: Es gibt Hilfe für Personen mit Borderline-Störung.»

«D’REGION»: Was bietet der Borderline-Publikumsvortrag?
Katrin Endtner: Es ist ein Vortrag mit der Möglichkeit, Fragen zu stellen beziehungsweise anschliessend zu diskutieren.

«D’REGION»: Leiden eher Frauen oder Männer an einer Borderline-­Störung – und ab wann tritt dieses Syndrom altersmässig auf?
Katrin Endtner: Man geht davon aus, dass etwa 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer diese Symptomatik aufweisen. Die Symptomatik tritt entweder in der späten Jugend / dem frühen Erwachsenenalter oder dann im Alter von 30- bis 35-jährig zutage. Dies oft nach einschneidenden Lebensereignissen.

«D’REGION»: Wie erfolgt die Diagnose – und ist es meist der Hausarzt, der ein Borderline-Syndrom vermutet und Ihnen Betroffene zur Abklärung zuweist?
Katrin Endtner: Oft haben Zuweisende – also zum Beispiel Hausärztinnen, Hausärzte, Sozialarbeiterinnen, Sozial­arbeiter – eine Vermutung, dass eine Borderline-Symptomatik vorliegen könnte. Manchmal weisen sich auch Betroffene selber zu, wenn sie das Gefühl haben, dass etwas mit ihnen anders ist, als sie es bei andern in ihrem Umfeld wahrnehmen. Die Diagnose wird meist in psychiatrischen Kliniken oder anderen psychiatrischen / psychologischen Institutionen oder Praxen überprüft und dann gestellt.

«D’REGION»: Nimmt die Anzahl der an der Borderline-Störung leidenden Patientinnen und Patienten tendenziell zu, seit wann beschäftigt sich das Ambulante Zentrum Burgdorf damit und was kann es diesbezüglich anbieten?
Katrin Endtner: Nein, die Anzahl der Patientinnen und Patienten nimmt nicht zu, sondern ist immer ungefähr gleichbleibend. Seit es das Ambulante Zentrum Buchmatt gibt, bietet es Einzel- und Gruppentherapien sowie bei Bedarf pflegerische Betreuung und Unterstützung zu Hause an. Ebenfalls kann für sechs Wochen eine tagesklinische Behandlung in Anspruch genommen werden.

«D’REGION»: Arbeiten Sie mit anderen Institutionen wie beispielsweise den UPD (Universitäre Psychiatrische Dienste Bern) und dem Wohnverbund UPD Oberburg zusammen?
Katrin Endtner: Auf jeden Fall. In der Behandlung von Betroffenen mit Borderline-Störung ist eine gute Vernetzung mit andern Institutionen unbedingt notwendig, um den Betroffenen möglichst jenes Angebot zu ermöglichen, das am hilfreichsten ist.

«D’REGION»: Was geschieht bei Ihnen mit Menschen, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden – und wie binden Sie hier die Angehörigen solcher Patientinnen und Patienten ein?
Katrin Endtner: Wir machen eine genaue Diagnostik und versuchen, eine tragende und wertschätzende Beziehung zu den Betroffenen aufzubauen. Zentral ist zudem, dass sie ihre Emotionen und Verhaltensweisen immer besser kennenlernen sowie Fertigkeiten erhalten, um ihre Emotionen und teils impulsiven Verhaltensweisen zu kontrollieren und in eine konstruktive Richtung zu lenken. Wenn immer möglich versuchen wir die Betroffenen zu motivieren, ihre nahen Bezugspersonen in die Behandlung einzubeziehen.

«D’REGION»: Welche Erfahrungen haben Sie in Burgdorf mit Leuten gemacht, die an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden – überwiegt bei ihnen eine gedrückte Stimmung / Depression, die Wut, die Angst oder gar die Verzweiflung?
Katrin Endtner: Wir erleben alle diese Emotionen – es ist jedoch davon auszugehen, dass die darunterliegende Emotion oft Traurigkeit oder Verzweiflung ist.

«D’REGION»: Sind Menschen mit dem Borderline-Syndrom auch bezüglich Alkohol, Drogen oder gar Suizid gefährdet?
Katrin Endtner: Ja. Alle hier aufgezählten Themen kommen vor. Wir nehmen diese Themen in der Behandlung prioritär auf und geben den Betroffenen Unterstützung, um in eine kons­truktive Richtung zu gehen.

«D’REGION»: Eine Therapie des Borderline-Syndroms muss schwierig sein – welche positiven oder negativen Erfahrungen haben Sie diesbezüglich bisher gemacht?
Katrin Endtner: Zentral ist, eine tragende und wertschätzende Beziehung mit den Betroffenen aufzubauen. Es gilt, diese in ihren Gefühlen, Gedanken und ihrem Verhalten wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und sie gleichzeitig zu motivieren, sich auch zu verändern. Die Therapien gestalten sich meist intensiv – in einem positiven Sinn. Es gelingt oft, gut miteinander in Kontakt zu kommen. Immer wieder lerne ich viel von Betroffenen mit Borderline-Störung.

«D’REGION»: Ist die Impulsivität der an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidenden Personen ein Problem – und wenn ja, wie begegnen Sie diesem?
Katrin Endtner: Teilweise tritt Impulsivität als Symptom auf. In der Behandlung versuchen wir gemeinsam zu verstehen, wie und weshalb das impulsive Verhalten zustande kommt. Danach erarbeiten wir Fertigkeiten, die es erlauben, so mit der Impulsivität umzugehen, dass sie mittelfristig keine negativen Konsequenzen mehr hat.

«D’REGION»: Weiss man, bei wie vielen Menschen in der Schweiz das Borderline-Syndrom diagnostiziert ist?
Katrin Endtner: Man weiss, dass 1,5 bis 2 Prozent der Weltbevölkerung an einer Borderline-Störung leiden.

«D’REGION»: Stimmt es, dass Leute mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sich teilweise Selbstverletzungen zufügen – und wenn ja, wie erklären Sie sich das?
Katrin Endtner: Ja. Menschen mit einer Borderline-Störung wenden teilweise Selbstverletzungen oder ein anderes selbstschädigendes Verhalten an. Es geht immer darum, auf diese Weise mit einem inneren Druck umzugehen beziehungsweise schwierige Emotio­nen zu regulieren. Auch hier versuchen wir – wie beim impulsiven Verhalten – gemeinsam zu verstehen, wie und weshalb die Selbstverletzungen, das selbstschädigende Verhalten zustande kommen. Danach erarbeiten wir Fertigkeiten, die es erlauben, so mit dem Druck und den schwierigen Emotionen umzugehen, dass mittelfristig keine negativen Konsequenzen mehr entstehen.

«D’REGION»: Welches sind Ursachen fürs Borderline-Syndrom?
Katrin Endtner: Es gibt verschiedene Erklärungsansätze in Bezug auf die Ursache einer Borderline-Störung, die alle ihre Berechtigung haben. Erwiesen ist, dass die Betroffenen einen hohen Leidensdruck haben, der nicht selbstverschuldet ist. Jedoch sind sie es, die sich mit Unterstützung wieder daraus befreien müssen.

«D’REGION»: Gibt es fürs Borderline-Syndrom geeignete Medikamente – mit welchen Nebenwirkungen?
Katrin Endtner: Es gibt leider bis heute kein Borderline-Medikament. Zum jetzigen Zeitpunkt behandelt man Betroffene psychopharmakologisch so genannt symptomorientiert. Das heisst, dass man medikamentös diejenigen Symptome zu reduzieren versucht, die am meisten im Vordergrund stehen.

Zur Person
Dr. phil. Katrin Endtner arbeitet seit 1. Oktober 2015 im psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental beziehungsweise im Ambulanten Zentrum Buchmatt in Burgdorf. Sie ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und behandelt seit über 20 Jahren Menschen mit psychischen Störungen. Katrin Endtner hat in verschiedenen klinischen Settings gearbeitet – ambulant, tagesklinisch und stationär. Als ihre Spezialisierung hat sich die Behandlung von Patientinnen und Patienten herauskristallisiert, die an einer Borderline-Störung oder Traumafolge-Störung leiden und / oder Schwierigkeiten in der Emotionsregulation bekunden. Die Referentin ist seit rund zehn Jahren in Leitungsfunktionen tätig. Vor zehn Jahren hat sie ihre Dissertation zum Thema «Emotionsregulation von Frauen mit Borderline-Störung» abgeschlosssen.

Hans Mathys

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