"Tierwohl-Gipfel" in Bütikofen

Mo, 13. Nov. 2017

KIRCHBERG: Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, traf sich mit Experten zum Austausch auf dem Munimast-Betrieb von Pächter Tobias Steffen auf dem Luderhof in Bütikofen. ra 

Den Schweizer Konsumenten ist eine tierfreundliche und naturnahe Haltung der Nutztiere wichtig. Traditionell ist sie ein bedeutendes Qualitätsmerkmal von Schweizer Fleisch. Unsere Nutztierhaltung gilt vielen als Vorbild. Strenge gesetzliche Auflagen sowie freiwillige, marktorientierte Programme und Labels garantieren einen hohen Standard beim Tierwohl. Es sind Stärken, die die Schweizer Fleischwirtschaft mit Blick auf die Konsumentenansprüche und die internationale
Konkurrenz immer wieder neu definiert. Am 9. November 2017 gaben Experten am «Tierwohl-Gipfel» von Proviande auf dem Luderhof in Bütikofen Einblick in die Haltung und Fütterung der Schweizer Nutztiere. Gemeinsam diskutierten Heinrich Bucher (Direktor Proviande), Samuel Geissbühler (UFA AG), Thomas Jäggi (Schweizer Bauernverband SBV), Dr. med. vet. Kaspar Jörger (Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV) sowie Cesare Sciarra (Schweizer Tierschutz STS) über ihre Ansprüche und Interessen gegenüber Tier und Markt.

Strukturwandel und Tierwohl-­Programme
Die Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz haben seit dem Jahr 2000 um rund einen Viertel abgenommen auf 53 000 im Jahr 2015. Im Gegenzug konnte die landwirtschaftliche Nutzfläche gesteigert werden. Sie ist von gut 15 auf 20 Hektaren pro Betrieb angestiegen. Die Rindviehhalter haben um 28 Prozent abgenommen, die Schweinehalter um 55 Prozent. Zur Entwicklung der Tierbestände: Die Milchkühe sind deutlich zurückgegangen, hingegen haben sich die Mutterkühe in den erwähnten 15 Jahren fast verdreifacht. Der Schweinebestand blieb stabil. «Bei den Nutzhühnern ging die Post ab – plus 58 Prozent», so Thomas Jäggi. Zum Tierwohl gibt es zwei Anreizprogramme des Bundes: BTS (besonders tierfreundliche Stallhaltung) und RAUS (regelmässiger Auslauf ins Freie). Diese Anreizprogramme beinhalten eine Mehrleistung gegenüber der Tierschutzgesetzgebung. Sie sind freiwillig. Der Anreiz ist vom Bund her über Beiträge sichergestellt.

Einschätzung durch den Schweizer Tierschutz STS
«Ich bin von der Proviande zu diesem Tierwohl-Gipfel eingeladen worden», so Cesare Sciarra, Leiter Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes STS. Dass er als Tierschützer der grössten Tierschutzorganisation der Schweiz teilnehmen könne, hänge wahrscheinlich damit zusammen, dass seine Organisation pragmatisch arbeite. «Wir versuchen das Augenmass zu behalten für das, was machbar ist in der Landwirtschaft.» Aus Sicht des STS sind die Label BTS, RAUS usw. der Motor für die Weiterentwicklung der artgerechten Nutztierhaltung in der Schweiz. Die Hälfte des Verzehrs von Fleisch und tierischen Produkten entfällt auf den Gastrokanal. Hier fordert der STS ganz klar ein grösseres Engagement. Wichtig ist dem STS auch, dass den Konsumenten nicht falsche Tatsachen vorgegaukelt werden mit idyllischen Bildern in Werbespots. «Und wir fordern eine gerechte Margenverteilung! Die Bauern haben ein Anrecht auf entsprechende Preise für tiergerechte Haltungsformen. Die Produzentenpreise sinken seit Jahren, aber die Konsumentenpreise bleiben gleich», schloss er.

Rundgang auf dem Luderhof
Tobias Steffen bewirtschaftet in Pacht und in Tierhaltergemeinschaft mit Martin Wälchli, Niederösch, den 28,5 ha grossen Landwirtschaftsbetrieb von Hanspeter Luder seit Anfang Jahr. Unterstützt wird Steffen von seiner Lebenspartnerin Jamilia Tinguely, ebenfalls Landwirtin. Angebaut wird Winterweizen, Wintergerste, IPS-­Urdinkel und Silomais. 2,5 ha sind Kunstwiesen, 3, 1 ha sonstige Flächen. 260 Mastmunis werden auf dem Luderhof gehalten. «Das sind IP-Suisse-­Munis. Sie werden an die Migros verkauft und dort als Terrasuisse-Produkte angeboten. Die Strohfläche im Stall gilt als BTS, der nicht überdachte Betongang als RAUS. Täglich wird ausgemistet und neu eingestreut. Das benötigt grosse Mengen Stroh und verursacht viel Zusatzarbeit», so Steffen. Momentan werden täglich 4,5 Tonnen Futter verwendet. Gras- und Maissilage aus eigener Produktion, Brot von der GROWA-­Bäckerei und via Futterplan errechnetes Ergänzungsfutter werden mittels Futtermischwagen gemischt und den Tieren vorgelegt.

Gentechfreie Schweizer Fütterung
«Vor 50 Jahren hat ein Schweizer Schwein bis zum Schlachthof 100 kg mehr gefressen als heute. Die Schweineproduktion in der Schweiz benötigt heute 370 000 Tonnen weniger Futter. Das ist Effizienzsteigerung und Nachhaltigkeit», liess Samuel Geissbühler von der UFA verlauten. Futter ist der grösste Kostenfaktor für den Schweizer Tierhalter. 86 Prozent des eingesetzten Tierfutters in der Nutztierhaltung stammen aus der Schweiz. «Eine Million Tonnen Futter müssen wir aber importieren», so Geissbühler. Der grosse Anteil stammt von Brasilien – wegen der gentechfreien Soja.

Tierwohl als Differenzierungsfaktor
Kaspar Jörger klärte über das Schweizer Tierschutzrecht auf. Die staatlichen Förderprogramme BTS und RAUS sind auf dem Tierschutzgesetz aufgebaut. Erstere wiederum bilden die Grundlage für noch höhere private Standards wie Terrasuisse usw. FAZIT: In der Schweiz wird Fleisch mit Respekt produziert. Es gilt, die Tierschutzgesetzgebung nicht mit den Labels zu vermischen. «Und es darf nicht vergessen werden, dass die Landwirte ihre Tiere nicht nur aus lauter Freude halten. Es ist auch ihr Business. Sie müssen davon leben können», schloss Dr. Kaspar Jörger.
Barbara Schwarzwald

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