Erfolg dank intensiver Begleitung

  29.08.2011 Aktuell, Burgdorf, Gesellschaft

Die Anlehre als Verkäuferin längst abgebrochen, verbringt die junge Frau ihren Alltag in den eigenen vier Wänden. Sie zieht sich immer mehr zurück – von den Eltern, von der Aussenwelt –, hat keine geordnete Tagesstruktur, fehlende berufliche Perspektiven, Ende Monat kaum Geld übrig und pflegt wenig soziale Kontakte. Eine ziemlich aussichtslose Situation. Tatsache ist, dass die Stadt Burgdorf überdurchschnittlich viele junge Erwachsene hat, die Sozialhilfe beziehen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, startete die Stadt Burgdorf das Projekt «Junge Erwachsene in der Sozialhilfe» mit dem Ziel, Jugendliche im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, die von der Sozialhilfe abhängig sind, mit intensiverer Betreuung und Begleitung beruflich zu integrieren, die Vernetzung der Institutionen zu verstärken und Sozialhilfeunterstützungen einzusparen. Das Projekt zeigt auf, dass eine Anpassung der Sozialhilfe dringend nötig ist. Aktuell fallen auf 100 Stellenprozente 100 Sozialfälle.
«Zu Beginn der Zusammenarbeit mit den jungen Menschen führten wir jeweils eine Ressourcenanalyse durch, um einerseits Einblick in ihre Lebenswelt zu erhalten, sie zum Nachdenken über ihre Situation aufzufordern und andererseits, um Lebensumstände zu erkennen, die sich positiv oder auch negativ auf die soziale und berufliche Integration auswirken könnten. Die Klienten ihrerseits mussten ihre aktuelle Situation ständig anhand von Fragebögen beurteilen», erzählte Simona Steibli, Sozialarbeiterin und Projektmitarbeiterin. Im Rahmen des Projekts hatten die beiden Sozialarbeiterinnen für die zu betreuenden Personen doppelt so viel Zeit zur Verfügung als sonst üblich, was ihnen ermöglichte, eng mit den Klienten zusammenzuarbeiten. Gemeinsam wurden Ziele festgesetzt, ihre Entwicklung beobachtet und sich intensiv mit deren Potenzial und Grenzen auseinandergesetzt. So auch im eingangs des Artikels geschilderten Fall der jungen Frau, die dank der Unterstützung der Sozialhilfe schliesslich eine zweijährige Lehre als Hotelfachassistentin beginnen konnte.

68 Teilnehmer/innen im Projekt
Das Projekt, das von der bock-consulting aus Bremgarten extern begleitet wurde, startete im August 2009 und musste bereits im Oktober gleichen Jahres mit der Kündigung der Projektleitung für vier Monate unterbrochen werden. Zudem wurde aufgrund der Sparbemühungen für das Budget 2010 das Projekt redimensioniert. «Trotz schwieriger Startverhältnisse und einer verkürzten Projektdauer können sich die Ergebnisse sehen lassen», sagt Daniel Bock. Über die neun Monate hinweg haben insgesamt 68 Personen am Programm teilgenommen, davon waren 20 nach Ablauf der Projektzeit nicht mehr von der Sozialhilfe Burgdorf abhängig. Weiter wiesen 14 Personen eine positive Entwicklung auf und 29 eine stabilisierte.

Berufliche Integration basiert auf sozialer Integration
«Die Sozialarbeiter müssen die jungen Erwachsenen erst für sich gewinnen, um deren Visionen und Potenzial erkennen zu können. Das bedingt eine gute Vertrauensbasis, die in intensiven Gesprächen erst geschaffen werden muss», sagt Roland Arni, Projektleiter der Sozialdirektion Burgdorf an einer Medienorientierung.
Es sei von Vorteil, das soziale Umfeld, insbesondere die Eltern der jungen Menschen, in den Prozess einzubinden, ergänzt Arni. Trotz hohem finanziellem und politischem Druck sei darauf zu achten, dass die Aufnahme einer Arbeits- oder Ausbildungsstelle sorgfältig erfolge. Bei erneuter Sozialhilfeabhängigkeit hätten die Klienten einen weiteren Misserfolg in ihrem Gepäck. «Gerade deshalb ist es sehr wichtig, langfristige Lösungen
anzustreben und verstärkt in die Bildung zu investieren, die jungen Erwachsenen zu motivieren, eine Ausbildung anzupacken und das Bildungsangebot für alle zugänglich zu machen», so Arni.

Kategorisierung der Klienten
Eine so intensive Begleitung der jungen Menschen, wie sie im Projekt stattgefunden hat, ist in der Realität kaum möglich. Gemeinderätin Annette Wisler Albrecht ist sich dessen bewusst. Deshalb sei es umso wichtiger, die personellen Ressourcen gezielt einzusetzen. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse empfiehlt die Steuergruppe des Projekts dem Gemeinderat in den vier Bereichen Prävention, Bildung, Beschäftigung und Ressourcenmanagement aktiv zu werden. Konkret schlägt sie eine Aufteilung der Sozialhilfeabhängigen in A-, B- und C-Klienten vor, damit Sozialhilfebezüger/innen Unterstützungsmassnahmen erhalten, die ihrem individuellen Integrationsbedürfnis am besten entsprechen. Dass eine solche Kategorisierung der Klienten aus politischer und ethnischer Sicht heikel sei, sei sie sich im Klaren. Man müsse jedoch akzeptieren, dass bei älteren Sozialhilfeempfängern die Sicherung der Grundbedürfnisse und die Stabilisierung eher angestrebt würden, als sie in ein Beschäftigungsprogramm zu integrieren, so Wisler Albrecht. Über sämtliche Empfehlungen berät sich die Kommission für Soziales in der nächsten Sitzung. Danach wird der Bericht an den Gemeinderat weitergeleitet. red\n

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