Radwegring in der Buchmatt als Velofalle
27.08.2012 Aktuell, BurgdorfSeit vielen Jahren trägt Burgdorf die umweltfreundliche Bezeichnung «Fussgänger- und Velo-Modellstadt» und wird in der näheren und weiteren Umgebung als Vorzeigemodell präsentiert. Alle paar Tage beobachten Mitarbeiter der Maschinenfabrik Aebi & Co. AG, wie vor ihrer Firma Velofahrer mit den Rädern in die hier die Buchmattstrasse querenden Zug-Geleise der Firma Camion Transport Wil AG (CT) geraten und zu Fall kommen. Wenn nötig leisten Aebi-Mitarbeiter Erste Hilfe, öffnen den firmeneignen Verbandskasten oder informieren die Sanität. Wer nach Arbeitsende oder am frühen Morgen verunfallt, muss sich selber helfen.
Abhilfe vor ganz grossem Unfall
Neben Blessuren, Verstauchungen und teils blutigen Abschürfungen, die von den Beteiligten und den Aebi-Mitarbeitern noch als «Glück gehabt» abgehakt werden, müssen Letztere auch Brüche beziehungsweise eine schwere Kopfverletzung mit Überführung ins Inselspital wegen eines Schädelbruches miterleben. Eine der Redaktion bekannte Velofahrerin gerät ebenfalls in die Schienenfalle; sie trägt eine gebrochene Nase davon und erleidet zahlreiche blutige, teils schwere Verletzungen. Eine andere gerät im Juni bei Regen auf den Schienen ins Rutschen, stürzt und erleidet so schwere Knieverletzungen, dass sie auch zwei Monate nach dem Unfall noch nicht ganz verheilt sind. Die Aufzählung persönlich bekannter Unfallopfer liesse sich fortsetzen.
Weitere Unfälle trotz Markierungen
Die Vorkommnisse im Juli veranlassen Hugo Bürge (Marketing Aebi), die Baudirektion auf diese Vorkommnisse hinzuweisen. Kurz darauf lässt die Firma Camion Transport Wil AG den gefährlichen Strassenbereich, wo die Geleise die Strasse queren, mit Farbe markieren. Trotzdem sind seither schon wieder Velofahrer gestürzt.
Um Geleise zu überqueren, wäre ein rechter Winkel (90 Grad) ideal, um mit den Velorädern nicht in die Geleisefurche zu geraten. Die zwei Firmengeleise queren die Buchmattstrasse aber in wesentlich spitzerem Winkel von 45 Grad oder weniger. Falls ein Auto überholen will oder entgegenkommt, muss sich der Velofahrer strikt auf seinen Strassenbereich beschränken und gerät derart viel zu oft in die Velofalle.
Kein Dauerzustand
Hugo Bürge hat vor seiner Intervention im Juli zwei grössere Unfälle beobachtet, die sich nahtlos in die Vorkommnisse der vergangenen Wochen und Monate einreihen: «Von meinem Fenster habe ich zufällig eine gute Sicht auf die Buchmattstrasse und dieses gefährliche Strassenstück mit der Geleisequerung. So kann ich im Bedarfsfalle schnell Erste Hilfe leisten. Aber das darf einfach kein Dauerzustand sein.» Die Geleise werden laut Bürge praktisch nur in den Nacht- und frühen Morgenstunden (zirka 22.00 bis 5.00 Uhr) von Güterwagen befahren, die eine Lok langsam rangiert.
Bürge stimmt zu, dass die Geleise von Velos «theoretisch unfallfrei überfahren werden können, wenn keine Autos kreuzen und der Velofahrer etwas ausholt, um rechtwinklig über die Geleise zu fahren. Auch Personen, die tagtäglich hier durchfahren, sind schon verunfallt wie die Ehefrau eines Bürokollegen, die sich hier den Arm gebrochen hat. Auch ihr ist ein Automobilist entgegengekommen, weshalb sie an den Strassenrand ausweichen musste und in die Geleisfurche geriet.» Er hat der Baudirektion die Beseitigung dieses Gefahrenherdes vorgeschlagen, das heisst, die Geleisefurchen mit Gummifüllungen zu versehen.
Ist das ein Radweg?
Bruno Suter (Personal Aebi) spricht bei diesem Teilstück des städtischen Radwegringes von einer «eigentlichen Autostrasse», die nicht mehr den Velofahrern vorbehalten ist. Auch er ist der Meinung, das Strassenstück im Bereich der Geleisequerung sollte mit einer Gummifüllung in den Schienen entschärft werden, die beidseits der Strasse zirka 1,5 Meter weiterzuführen sei. «Diese Füllung könnte beispielsweise mit roter Farbe markiert werden, damit sie jedem Velofahrer sofort ins Auge fällt und er entsprechend vorsichtig fährt.» Da die Geleise nur nachts und nicht sehr viel beansprucht werden, sollten diese Gummifüllungen recht lange halten.
Laut Suter verunfallen wöchentlich sogar zwei bis drei Personen. «Ich habe schon diverse Männer und Frauen verarztet, sei es am Kopf, an den Armen oder Beinen. Das müsste einfach nicht sein. Vor rund zehn Wochen musste ich den Krankenwagen kommen lassen, der Verunfallte musste mit einem Schädelbruch direkt in die Insel überführt werden.» Nicht zuletzt dieser Vorfall hat die Aebi-Mitarbeiter bewogen, sich Gedanken zur Velo-Modellstadt und den tatsächlichen Zuständen zu machen und ihre diesbezüglichen Beobachtungen den zuständigen Behörden mitzuteilen.
Gummifüllungen bevorzugt
Georg Brechbühl, Leiter Werkbetrieb der Baudirektion, bestätigt den Eingang des Informationsschreibens vom Juli. «Wir sind der Sache nachgegangen und haben festgestellt, dass die unfallträchtige Geleiseführung vom Bundesamt für Verkehr schon vor Jahren bewilligt worden ist. Die Strassen- und Gebäudesituation hat seinerzeit keine andere Geleisegeometrie zugelassen. Ob die damals erlassenen Vorschriften erfüllt worden sind, wird geprüft.» Der zweite Geleise-Anschluss ist vor einigen Jahren im Zusammenhang mit einem Erweiterungsbau der Camion Transport Wil AG (CT) erstellt worden.
Brechbühl geht davon aus, dass die CT Wil AG die ihr gehörenden Geleise gesetzeskonform auf der im Besitz der Stadt gelegenen Strasse verlegt hat: «Wir prüfen, wie die Unfallgefahr in diesem Bereich reduziert beziehungsweise ausgeschlossen werden kann, damit für Velofahrer kein Gefahrenpotenzial mehr vorhanden ist.» Er weist auf die Verkehrsschilder «Achtung Geleise» hin und die von der CT Wil AG frisch aufgemalte Markierung bei den Schienen. Nach den Sommerferien sind weitere Gespräche geplant.
Brechbühl findet die von den Aebi-Mitarbeitern bereits vorgeschlagenen «Gummieinlagen in den Geleisefurchen die einzige Lösung, die eine grössere Verkehrssicherheit verspricht. Immerhin war dieses Teilstück des städtischen Radwegrings schon vor den Geleisen in Betrieb.» Gerti Binz

