London-Korrespondent Peter Balzli im Fokus

| Fr, 24. Mai. 2013

REGION: Seit zehn Jahren ist Peter Balzli aus Burgdorf als Auslandskorrespondent für das Schweizer Fernsehen tätig: die letzten fünf Jahre in London. Nun kehrt er im Oktober 2013 von seinen Auslandseinsätzen in die Heimat zurück. red

In einer neuen Serie stellt die «D’REGION» beruflich erfolgreiche Söhne und Töchter der Stadt Burgdorf und Umgebung vor. Im Hinblick auf seine Teilnahme an der BUGA 2013 unterhielt sich die «D’REGION» als erstes mit Peter Balzli, seit 2007 Korrespondent des Schweizer Fernsehens in London. Nach zehn Jahren Auslandeinsatz für SRF kehrt er im Oktober in die Schweiz zurück. Im Interview spricht er über seine Karriere beim Schweizer Fernsehen, wirft einen ganz persönlichen Blick auf Englands Metropole und verrät, worauf er sich bei seiner Heimkehr in die Schweiz am meisten freut.

«D’REGION»: Vor Ihrem Einsatz als Auslandskorrespondent beim Schweizer Fernsehen haben Sie für ganz unterschiedliche Medien gearbeitet. Wie kam es schliesslich dazu, dass es Sie als Frankreich-Berichterstatter nach Paris zog?
Peter Balzli: Ich kam zu meinem Posten in Paris, wie die Jungfrau zum Kinde. 2001 hatte ich ein Jahr lang in Sri Lanka für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz gearbeitet und wollte eigentlich eine Weltreise machen. Da erfuhr ich, dass das Schweizer Fernsehen einen Paris-Korrespondenten suchte, und bewarb mich. Wenige Tage später hatte ich den Job, sagte die Weltreise ab und reiste stattdessen durch Frankreich.

«D’REGION»: 2007 haben Sie sich in Englands Metropole niedergelassen. Was hat Sie an London beeindruckt, womit Sie nicht gerechnet hatten?
Balzli: Ich kam im Herbst 2007 in London an. Die Stadt war förmlich betrunken von Geld und schwindelerregend teuer. Dann kam die Finanzkrise und innerhalb weniger Monate war nichts mehr wie zuvor. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass sich eine Stadt ohne Krieg oder Naturkatastrophe in so kurzer Zeit so stark verändern könnte. Auch die Menschen sind seither wieder netter zueinander.

«D’REGION»: Was macht London als Stadt aus?
Balzli: Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson antwortete mir kürzlich auf diese Frage: «Ganz einfach, es ist die grossartigste Stadt der Welt.» Es sind die Grösse, Geschichte und die unglaubliche kulturelle Vielfalt dieser Stadt, die sie einzigartig machen. Dazu kommt, dass die Engländer in ihrer Geschichte unzählige Freizeitvergnügen und Sportarten erfunden haben und diese leidenschaftlich pflegen. Für mich als Fussballfan ist es natürlich ein Geschenk, in einer Stadt zu leben mit (bis vor wenigen Tagen) sechs «Premier League»-Vereinen.

«D’REGION»: Was mögen Sie am Inselvolk?
Balzli: Die sprichwörtliche Höflichkeit und die Offenheit. Ihr grosses Interesse an Kultur und Wissenschaft. Dazu ihre Neigung zur Exzentrik und zum Feiern. Und natürlich ihre Liebe zum Sport und zum Fairnessgedanken.

«D’REGION»: Was stört Sie an Grossbritannien?
Balzli: Zum einen das ausgeprägte Klassendenken der Briten. Die Kinder der reichen Leute gehen in die guten Privatschulen, machen dort gute Abschlüsse und kriegen die Plätze an den guten Unis. Die Kinder der weniger begüterten Leute gehen in die öffentlichen Schulen und schaffen es von dort nur selten an die guten Unis. Noch schlimmer: Lehrstellen für jene, die nicht studieren, gibt es kaum. Und keinen scheint das gross zu stören. Zum anderen nervt die Besessenheit der Briten für «Health and Safety», die oft völlig übertriebenen und sinnlosen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften.

«D’REGION»: Weshalb schlugen Sie Ihre Zelte damals ausgerechnet im Londoner East End auf, ein – besonders unmittelbar vor Olympia 2012 – als wilder Osten der Weltstadt verschriener Stadtteil?
Balzli: Das Stadtzentrum war schlicht unerschwinglich, als ich 2007 in London ankam. Also hielt ich Ausschau nach einem lebendigen und spannenden Stadtteil in Ostlondon. Die nahenden Olympischen Spiele hatten sicher auch ihre Anziehungskraft. Und sicher auch die Tatsache, dass in Ostlondon meine Lieblingsfussballvereine Arsenal, Tottenham Hotspur und West Ham United beheimatet sind. Ich fand eine tolle Wohnung mit toller Aussicht an einem Park in Hackney und dort blieb ich. Es war ohne Zweifel ein guter Entscheid.

«D’REGION»: Ein halbes Jahr nach der Schlussfeier ist der Londoner Olympiapark aus dem medialen Rampenlicht verschwunden. Was ist momentan auf dem 250 Hektar grossen Gelände los?
Balzli: Zurzeit werden temporär erstellte Stadien und Gebäude abgebaut. Der erste Teil des Parks wird im Juli geöffnet. Im Medienzentrum werden Firmen angesiedelt, vor allem Internet Business. Und ins Olympiastadion wird nach einem teilweisen Rückbau der Fussballclub West Ham United einziehen.

«D’REGION»: Wie arrangiert sich die Londoner Bevölkerung mit den Überresten des gigantischen Spektakels, errichtet auf einer vollständig umgestalteten Industriebrache?
Balzli: Viele Londoner sind gespannt auf die Öffnung des Parks. Es ist ein toller, aufwendig gestalteter Park mit vielen Sehenswürdigkeiten. Insbesondere der Orbit, ein 115 Meter hoher roter Aussichtsturm neben dem Olympiastadion, dürfte ein neuer Publikumsmagnet werden.

«D’REGION»: Welches war für Sie während Ihres Aufenthalts im Vereinigten Königreich (neben den Olympischen Spielen) das eindrücklichste Ereignis, von dem Sie berichtet haben?
Balzli: Das war sicher die Finanzkrise und alles, was ihretwegen passierte. Vor allem die Krise in Irland. Als Ökonom musste ich mich von vielen lieb gewonnenen «Gewissheiten» verabschieden. Ich musste akzeptieren, dass vieles, was ich über Wirtschaft zu wissen glaubte, schlicht und einfach nicht stimmte. Dass Grossbanken die Regeln der Wirtschaft ausser Kraft setzten und die Steuerzahler für ihre Fehler bezahlen lassen. Auf meinen Reportagereisen in Irland traf ich Menschen, die bitter bezahlen für die Fehler der Bankmanager. Das zu sehen, war teilweise nur schwer zu ertragen.

«D’REGION»: Die Aufgabe als Auslandskorrespondent verlangt unglaublich viel ab. Ist Auslandsberichterstatter ein Traum- oder ein Knochenjob?
Balzli: Beides. Es ist sicher ein Traumjob, weil er so abwechslungsreich ist und weil man so viel reisen kann. Ein Kollege von mir sagte einmal: «Auslandskorrespondenten sind wie Zehnkämpfer.» Etwas weniger schmeichelhaft kann man auch sagen: Korrespondenten sind Generaldilettanten, weil wir von allem ein wenig verstehen, aber nichts richtig. Die Arbeit macht Spass, aber sie ist extrem unvorhersehbar. Man ist eigentlich sieben Mal 24 Stunden auf Pikett und muss manchmal innerhalb weniger Minuten packen und abreisen. Deshalb ist es ein Knochenjob. Aber die Zehnkämpfer können auch nicht ein Leben lang Wettkämpfe bestreiten. Irgendwann ist ihre Karriere vorbei. Ich freue mich jetzt auf ein geregeltes Leben, in dem ich abends ins Bett gehen kann, ohne das Natel neben das Kopfkissen legen zu müssen.   

«D’REGION»: Per 1. Oktober übernimmt «Tagesschau»-Moderator Urs Gredig als neuer Grossbritannien-Korrespondent, Sie kehren zu SRF in die Schweiz zurück. Wie wird Ihre neue Aufgabe beim Schweizer Fernsehen aussehen?
Balzli: Das ist noch völlig offen. Wenn ich hier in London an Urs Gredig übergeben habe, möchte ich erst mal ein paar Wochen Ferien.

«D’REGION»: Sie waren fünf Jahre in Frankreich, jetzt fünf Jahre in England. Wie leicht fällt einem da das Zurückkehren?  
Balzli: Ich freue mich sehr, wieder in die Schweiz zu ziehen und meine Freunde öfter zu sehen. Aber vieles in London wird mir natürlich fehlen. Es wäre ja auch kein gutes Zeichen, wenn ich ohne Wehmut hier abreisen würde.

«D’REGION»: Wie regelmässig und zu welchen Anlässen statteten Sie der Schweiz während Ihres Auslandsaufenthaltes einen Besuch ab?
Balzli: Ich bin pro Jahr vier- bis achtmal in die Schweiz gereist. Immer vor Weihnachten für das jährliche Treffen der Auslandskorrespondenten. Aber auch sonst und am liebsten im
Sommer, wenn man in der Aare schwimmen kann.

«D’REGION»: Haben Sie während Ihrer Zeit in Frankreich und England das politische und wirtschaftliche Geschehen in der Schweiz mitverfolgt?
Balzli: So gut wie möglich. Ich habe natürlich täglich Schweizer Zeitungen im Internet gelesen und Schweizer Fernsehen geschaut. Aber ich bin sicher nicht mehr so gut auf dem Laufenden wie früher, als ich in der Schweiz gelebt habe. Ich werde ein paar Monate brauchen, bis ich wieder aufdatiert bin. Da wartet viel Arbeit auf mich.

«D’REGION»: Worauf freuen Sie sich als Rückkehrer in die Schweiz am meisten?
Balzli: Auf Tausend kleine Dinge: Spaziergänge im Wald, Skifahren, Züpfe mit Emmentaler Honig. Burgdorfer Bier. Und natürlich darauf, meine Freunde öfter zu sehen und frisch von der Leber weg Berndeutsch reden zu können.

Interview: nwb

 

 

Angaben zu Peter Balzli:
Geburtsort:  Zollikofen
Schulzeit:  Primarschule Zollikofen/Bütikofen, Sekundarschule Kirchberg, Gymnasium Burgdorf
Zivil-/Familienstand: ledig/in festen Händen
Hobbys: Reisen, Lesen, Kino, Sport
 
Während des Gymnasiums (Matura 1984 in Burgdorf) und seines Studiums der Volkswirtschaftslehre und Medienwissenschaften in Bern sowie Berlin arbeitete Peter Balzli für verschiedene Lokalzeitungen. 1992 trat er seine erste Festanstellung bei Radio Förderband an und war für die Wirtschaftszeitung Cash tätig. 1993/94 absolvierte er die Journalistenschule Ringier. 1995 stiess er zum Schweizer Radio und Fernsehen, arbeitete für den «Kassensturz» (1995/96) und für die Sportsendung time out (1997–2000), bevor er 2002 als Frankreich-Korrespondent nach Paris ging. Seit 2007 ist er Korrespondent des Schweizer Fernsehens in London.

 

 

 

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