«Ich bin nicht ganz dicht!»
28.08.2013 Aktuell, Burgdorf, Kultur, GesellschaftAdrian Merz war jahrelang auf zahlreichen Bühnen in der Schweiz und Deutschland unterwegs. Daneben war er für Radio Emme tätig und schrieb für die «Berner Zeitung» satirische Kolumnen. «D’REGION» hat sich mit dem Slam-Poeten über das Kabarett und Slam-Poetry unterhalten.
«D’REGION»: Woher kommt Ihre Leidenschaft für Kabarett und Poetry-Slam?
Ich habe als Jugendlicher als Pianist in der Kabarettschule Cabavari erste Erfahrungen mit der Bühnenwelt gemacht. Als ich später eigene Texte zu verfassen begann und diese auch selbst auf der Bühne performte, merkte ich, dass mir dies liegt. Ja, ich bin ein bisschen eine «Rampensau», wie wir dem sagen. Und deshalb bin ich dann dabei geblieben.
«D’REGION»: Ist es gleichzeitig auch Freude an der Sprache?
Ja natürlich! Jeder Künstler hat seine Spezialität; mir liegt der spielerische Umgang mit der Sprache am Herzen. Er macht einen guten Teil der Komik aus in meinen Texten – natürlich nicht in allen, kein Publikum möchte sich 90 Minuten in Reimform anhören…
«D’REGION»: Sie wechseln zwischen Mundart und Hochdeutsch. Warum?
Zum einen geht es darum, im abendfüllenden Programm «Dichtschädel» den Rhythmus zu brechen; Mundart und Schriftsprache haben ganz natürlich andere Tempi und Intensitäten. Das macht das Ganze für den Zuschauer abwechslungsreicher. Aus diesem Grund habe ich auch musikalische Einlagen im Programm.
Zum anderen geht es um Begriffe: Gewisse Dinge kann man hochdeutsch einfach besser auf den Punkt bringen. Andererseits kennt die Mundart Wörter, die einfach gut klingen und sich nicht übersetzen lassen. Zum Beispiel: «…chlüngle u chnuuschte u chafle u chääre u chätsche u chlefele u chlepfe u pschiisse u trööle u pöögle…»
«D’REGION»: Ihr Programm heisst «Dichtschädel». Sind Sie denn ein dichtender Dickschädel?
Das Wortspiel im Programmtitel zielt natürlich in diese Richtung und es bringt das Programm ganz gut auf den Punkt. Vieles ist gereimt und kommt halt so daher, wie es in meinem Kopf ist, und nicht, wie es viele Leute vielleicht gerne hören würden. Ich begründe das in meiner Eröffnungsnummer so: «Ich bin nicht ganz dicht! Also muss ich Dichter werden, dachten meine wankenden Gedanken, langten in den Reimtopf und verlangten, dass ich diesen Eintopf in mein’ Kopf reinstopf!» («Und das hab ich nun davon: In meinem Grind ist von hinten bis vorn alles verworr’n, ich wedel mit meinen reinen Reimen im Nebel in meinem Dichtschädel.»)
«D’REGION»: Ecken Sie mit Ihren Texten häufig an? Sind ein geschliffenes Mundwerk und eine spitze Zunge notwendig für gutes Kabarett oder Slam-Poetry?
Na ja, häufig würd ich nicht grad sagen, aber es gibt manchmal schon Zuschauer, die sich etwas auf den Schlips getreten fühlen von gewissen Passagen oder Nummern. Das gehört dazu und ist auch eine Art Kompliment: Hier habe ich den Finger auf einen wunden Punkt gelegt. Treffer, versenkt! Aber normalerweise bin ich recht gut darin, solche Situationen noch auf der Bühne zu entschärfen, schliesslich möchte ich die Leute unterhalten und nicht «plagen».
Ein geschliffenes Mundwerk ist für Poetry-Slam schon ein bisschen Voraussetzung. Zwar ist man in der Textgestaltung völlig frei: Lyrik oder Prosa, witzig oder ernsthaft, aggressiv oder nachdenklich, alles ist erlaubt. Aber die Qualität des Vortrags fliesst in die Bewertung mit ein; da hilft «e gueti Schnure» schon weiter.
Die spitze Zunge ist vor allem fürs Kabarett hilfreich, dies wird vom Kabarettpublikum quasi erwartet. Und da ich vom Kabarett herkomme, sind auch meine Slam-Texte meist recht satirisch.
«D’REGION»: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration respektive was ist Ihrer Meinung nach gutes Kabarett?
Die Inspiration liegt sozusagen auf der Strasse; man kann fast alles aus einem humoristischen Blickwinkel betrachten. Das reicht aber noch nicht für gutes Kabarett: Dieses soll auch den Geist fordern, zum Nachdenken anregen, vielleicht sogar neue Perspektiven aufzeigen. Ich bringe das gern auf einen ganz einfachen Nenner: Wenn mich ein Programm auch beim zweiten Ansehen/Anhören noch fesselt und unterhält, dann ist das gutes Kabarett.
«D’REGION»: Vor Kurzem hatten Sie einen Auftritt in der Sendung «Comedy aus dem Labor» des SRF. Wie kam es zu diesem Auftritt?
Caspar Fierz, er ist Redaktor beim SRF, Bereich Unterhaltung, Comedy und Quiz, hat einen Auftritt von mir gesehen an der «Krönung» hier in Burgdorf. Das hat ihm gefallen und als das SRF Leute für «Comedy aus dem Labor» gesucht hat, hat er mich angefragt. Die «Krönung» ist wirklich eine super Plattform für Künstler, sich und ihr Schaffen bekannter zu machen.
«D’REGION»: War der Auftritt im Fernsehen eine besondere Herausforderung?
Na ja, es läuft halt beim Fernsehen etwas anders als am Slam. Beim Slam komm ich hin, werde aufgerufen und dann gilts gleich ernst. Beim Fernsehen gibt es Tonproben und Stellproben und Durchlaufproben und und und… Da rechnet man einen ganzen Tag Aufzeichnung für die Sendung, plus Vorproduktion des Kurzporträts. Aber der Auftritt selbst war nicht gross anders als auf einer normalen Bühne. Das heisst, doch: Ich musste das Mikrofon etwas tiefer halten, als ich das normalerweise tue...
«D’REGION»: Sind schon weitere Live- oder Fernsehauftritte geplant? Oder ist gar ein neues Programm in Arbeit?
Fernsehauftritte sind leider grad keine mehr in Planung… Ich werde kommende Saison vor allem Slams bestreiten – ein Höhepunkt wird sicher die Schweizer Meisterschaft am 18. und 19. Oktober in Bern.
Für diese Slams werden neue Nummern entstehen, und ich plane, aus diesen wieder ein Kabarettprogramm zusammenzustellen; die Premiere ist allerdings erst für Herbst 2014 geplant.
Interview: Jasmin Welte
Der Auftritt von Adrian Merz in der Sendung «Comedy aus dem Labor» kann auch auf
www.srf.ch angesehen werden.

