An der Tankstelle vom Heimweh übermannt

  24.09.2013 Aktuell, Region, Gesellschaft

Kürzlich tanke ich meine Vespa an einer Tankstelle in London. Als ich bezahle, erblickt der indisch aussehende Mann an der Kasse das kleine Schweizerkreuz auf meiner Jacke. Er fragt mich, ob ich die Schweiz kenne. Ich erzähle ihm, dass ich Schweizer sei. Er fragt, woher. Er habe nämlich jahrelang in Bern gelebt, sagt er, und es habe ihm dort ausgesprochen gut gefallen. Ich bin entzückt und erzähle ihm, ich hätte ebenfalls jahrelang in Bern gelebt und würde bald wieder ins Länggass-Quartier ziehen. Ich frage, woher er denn ursprünglich stamme. Aus Sri Lanka, antwortet er. «Sri Lanka!», rufe ich und erzähle ihm freudig, ich hätte einst ein Jahr lang in Jaffna, im Norden seines Heimatlandes, gelebt und gearbeitet. «Jaffna», wiederholt der Tankstellenmann ungläubig. «Ich komme aus Jaffna.»
Ich erzähle ihm, dass ich in Jaffna an der Temple Road gewohnt und gearbeitet habe. Er kennt die Temple Road gut und erzählt mir, wie sich die Strasse in den letzten Jahren verändert hat, seit der Bürgerkrieg vorbei ist. Ich erzähle ihm von Bern und wie sich das Länggass-Quartier in den letzten Jahren verändert hat. Eine merkwürdige Stimmung bemächtigt sich unser. Ein Gemisch aus Freude und Nostalgie, aus Entzücken und Melancholie.
Wir stehen an dieser scheinbar seelenlosen Londoner Tankstelle und schauen uns an. Aber eigentlich schauen wir uns nicht wirklich an. Ich bin in Gedanken in Bern, wo ich in ein paar Wochen wieder wohnen werde. Und er ist in Gedanken ganz offensichtlich in Jaffna, hört wahrscheinlich das Hupen der uralten Morris-Autos und riecht den Geruch der Curry-Küchen. Mir geht die Geschichte des Mathematikers Srinivasa Ramanujan durch den Kopf. Der Tamile feierte vor ziemlich genau hundert Jahren grosse wissenschaftliche Erfolge in England, doch aus lauter Heimweh versuchte er, sich vor die Londoner U-Bahn zu werfen, und konnte nur knapp von andern Reisenden daran gehindert werden. Während ich noch an diese Begebenheit denke, sehe ich den Tamilen gegenüber von mir still lächeln. Und jetzt lächeln wir beide wortlos an der Tankstelle.
Ein Filmkritiker schrieb einst, ein Film sei dann gut, wenn der Zuschauer am Ende das Gefühl habe, die Erde erhebe sich unter seinen Füssen, und man bekomme dadurch einen besseren und klareren Blick auf die Welt und darauf, was wirklich wichtig ist. So etwas ist uns beiden wohl passiert an dieser Tankstelle in London. Zwei Männer, weit weg von zu Hause und ganz plötzlich von einem – durchaus angenehmen – Schub Heimweh übermannt.
Ich verabschiede mich und fahre lächelnd mit meiner Vespa davon. Und noch heute lächle ich, wenn ich an unsere Begegnung denke. Und ich hoffe, der Mann aus Jaffna erinnert sich noch an mich – und lächelt auch.


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