Sucht und psychische Erkrankung

  27.01.2014 Aktuell, Burgdorf, Gesellschaft

Knapp zwanzig Personen waren anwesend, als unter der Moderation von Karl Madörin Bernhard Huwiler ein Kurzreferat hielt über Krankheit und Sucht, über Wechselwirkungen zwischen Cannabis, Alkohol und Medikamenten.

Noch vor Jahren wurde Sucht als soziale Problematik eingestuft und mit erzieherischen Massnahmen bekämpft. Erst wenn sich aus der Abhängigkeit medizinische Probleme entwickelten, wurde ein Arzt zugezogen: Die Medizin musste sich zunehmend um die Sucht und ihre gesundheitlichen Folgen kümmern. Durch die offene Drogenszene wurde die Politik gefordert und es entstanden in der Schweiz innovative präventive und therapeutische Konzepte wie beispielsweise die medizinische Verschreibung von Heroin, die internationale Ausstrahlung hatte. Suchtmedizin und Suchtpsychotherapie sind heute etablierte medizinische Disziplinen.

Früher unterschied man zwischen illegalen und legalen Drogen, heute redet man differenzierter von den verschiedenen Betäubungsmitteln. Zudem teilt man den Konsum eines Produktes ein in Genuss-, Risiko-, Missbrauchs- und Abhängigkeitsbereiche. Untersuchungen haben gezeigt, dass Sucht meist in Zusammenhang mit begleitenden, oft versteckten psychischen Krankheiten auftritt, die erst im Laufe einer Behandlung erkannt werden. Der Griff zu Betäubungsmitteln kann somit als Bewältigungsstrategie verstanden werden. Deren Folgen werden aber oft nicht bedacht. Als Beispiel sprach Huwiler von einem Patienten, der sich unter einer schweren Depression zurückzog von seiner Umwelt, sich fürchtete vor Begegnungen mit andern Menschen. Mit der Zeit realisierte er, dass er Kontakte weniger mied, wenn er Alkohol  trank. Immer häufiger griff er zur Flasche, wurde schliesslich süchtig. Oft kann erst im Laufe einer Behandlung das Grundleiden erkannt und eine entsprechende Therapie  eingeleitet werden.

Huwiler sprach auch über das «Problem Cannabis», welches oft überbewertet wird. Nicht zu verharmlosen ist allerdings der langjährige und hohe Cannabiskonsum. Der Zusammenhang von Psychose und Cannabiskonsum kam ebenfalls zur Sprache: Gewisse Personen weisen eine erhöhte Anfälligkeit für Psychosen auf. Bei diesen wird der Cannabiskonsum zum Risikofaktor. Diese Problematik zeigt sich oft im Übergang zum Erwachsenenalter und bedarf fachlicher Beurteilung.

Das Publikum, das diesen Anlass besuchte, setzte sich zusammen aus  drei Gruppen, nämlich aus Angehörigen psychisch kranker oder süchtiger Menschen und aus Betreuern im sozialen sowie pflegerischen Bereich. Auch direkt Betroffene äusserten sich im Dialog. Madörin wies darauf hin, dass in dieser Gesprächsrunde nicht nur das Referatsthema Platz hätte, sondern alle Fragen im Bereich der Psychiatrie und der Suchtproblematik. Eine Mutter berichtete über die Probleme mit ihrer mehrmals rückfälligen alkoholkranken Tochter. Dadurch wurde die schwierige Situation der Angehörigen zum Thema. Ein Mensch, der unter dem Einfluss eines Betäubungsmittels stehe, könne sich wie ein Fremder verhalten und seine Nächsten zutiefst verletzen. Wer versuche, Grenzen zu setzen, stosse bald an seine eigenen. Wichtig sei es, Strukturen zu schaffen für sich und den Suchtkranken und möglichst  im Team zu agieren. Selbstschutz sei unerlässlich, denn kein Mensch kann Unterstützung bieten, wenn er selber am Boden zerstört ist. Direkt Betroffene und Angehörige leiden oft unter der Stigmatisierung  psychischer Krankheiten oder einer Sucht. Diese Situation kann ihnen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erschweren und sie als Aussenseiter in  eine Negativspirale drängen.

Der Anlass fand im Rahmen der Vortragsreihe «Gemeinsam statt Einsam» statt. In dieser Reihe führt der psychiatrische Dienst Emmental weitere Anlässe durch (siehe Kasten).

Helen Käser

 

«Gemeinsam statt Einsam»
Im Rahmen dieser Vortragsreihe findet nach einem einführenden Kurzreferat ein Austausch im Gespräch statt. Weitere Daten:

18. Februar:Drohung gegen sich selber oder andere: Notfälle / Suizidalität / Prophylaxe
18. März: Alltagsbewältigung bei psychischer Erkrankung: Unterstützung für Angehörige
15. April: Alle sind schuld – Niemand ist schuld: Wer übernimmt welche Verantwortung?
20. Mai: Wenn der Körper leidet, hat er etwas zu sagen! Psychosomatische Erkrankungen

Im «Ambulanten Zentrum Buchmatt», Kirchbergstrasse 97, 3400 Burgdorf, jeweils von 19.30 bis 21.30 Uhr.
Angehörige von Menschen mit einer psychischen Erkrankung sind oft hohen Belastungen ausgesetzt. Ihnen steht das Angehörigentelefon (kostenlos) zur Verfügung: 079 586 43 47.


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