Konkrete Schritte Richtung Campus-Erhalt
24.06.2014 Aktuell, Politik, Wirtschaft, Region, Burgdorf, Gesellschaft, Bildung / SchuleDie Stadt Burgdorf, Vorstand und Mitglieder des Handels- und Industrievereins Sektion Burgdorf-Emmental (HIV), des Handwerker- und Gewerbevereins Burgdorf (HGV) und derjenigen von umliegenden Gemeinden, der Regionalkonferenz sowie zahlreiche Vertreter von Unternehmen, Banken, Versicherungen usw. lassen sich im BFH-Auditorium über die bisherigen Schritte informieren, die zum Erhalt des 1892 gegründeten «Technikums» führen sollen.
Lösung auf dem Servierbrett
In ihrem Rückblick weist Burgdorfs Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch darauf hin, dass gemäss den Vorstellungen des Berner Regierungsrates vom Dezember 2012 das traditionelle «Tech» mit den Fachbereichen Architektur, Technik und Informatikn nach Biel verlegt und mit Holz und Bau zusammengeführt wird, der Standort Burgdorf gemäss der Abstimmung im Grossen Rat aber ausdrücklich erhalten bleiben soll. «Entsprechend wichtig ist also, in Burgdorf ein anderes attraktives Bildungsangebot der BFH zu realisieren», erläutert Zäch und präsentiert eine «überzeugende Lösung, da auf dem bereits bestehenden Campus Gsteig auf kantonseigenem Areal das gesamte Departement WGS (Wirtschaft, Gesundheit, Soziales) zusammengefasst werden kann». Anhand von Tabellen zeigt die Stadtpräsidentin auf, dass es sich um eine kostengünstige und schnell umsetzbare Lösung handelt, welche für den finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kanton und die Fachhochschule nur Vorteile bietet.
Eine viertel Milliarde günstiger
Heute sind die Departemente der BFH Bern an 30 verschiedenen Standorten verzettelt, wo jährlich zirka zehn Millionen Franken Miete zu zahlen sind. «Trotz des klaren Grossrats-Beschlusses wirbt der BFH-Rektor vom Campus Bern dafür, in Biel demnächst für 300 Millionen Franken einen neuen Campus Technik zu bauen und die restlichen Departemente in Bern zu zentrieren. Das heisst: Burgdorf verschwindet», empört sich Elisabeth Zäch. «Es war ein Schlag in den Magen, der betäubend gewirkt hat. Aber dann sind wir aufgestanden und haben nach einer realisierbaren Lösung gesucht und diese auch gefunden: Wir übernehmen das Departement Wirtschaft, Gesundheit, Soziale Arbeit. Allerdings warten wir nicht, bis demnächst die geplante Begleitgruppe eingesetzt wird, welche den Standort Burgdorf und die hiesigen Gegebenheiten analysieren soll, sondern wir legen ein realisierbares Projekt vor.»
Detailliert werden in der Potenzial-Studie Punkte wie Flächenbedarf, Gesamtkosten, Abriss, Stilllegung, Umnutzung, Renovationen und vieles mehr analysiert und mit den Möglichkeiten eines alleinigen Campus-Standortes Bern verglichen. Für Burgdorf sprechen die eine viertel Milliarde Franken tieferen Realisierungskosten, die Konzentrierung des Departementes WGS auf einem kompakten Areal, kurze Verbindungswege von drei und fünf Minuten zum Bahnhof und dem Tiergarten-Areal mit weiterem Platzangebot sowie eine wesentlich raschere Realisierung der Bauarbeiten. Offene Fragen mit der Denkmalpflege sind bereits geklärt. Vorgesehen ist, nur die zwei grossen, denkmalgeschützten Gebäude auf dem Gsteig bestehen zu lassen und durch einen flügelartigen Neubau zu ergänzen. Neu bietet dieser Campus für 3000 Studierende 25 355 m2 Hauptnutzungsfläche. Als optimal darf laut Zäch das Ausbaupotenzial von über 10 000 m2 im Tiergarten – ebenfalls auf Kantonsareal – bezeichnet werden. Eine Entscheidung fällt voraussichtlich 2016/17.
Alle sind gefordert
Sichtlich erfreut vernehmen die mehreren hundert Anwesenden, dass die vorgenannte Lösung betreffend die Departementsfrage eingebettet ist in das Projekt «Gesundheitswirtschaft Burgdorf». Verantwortlich für die Lancierung und Ausarbeitung beider Projekte ist eine gemeinsame Initiative der Stadt Burgdorf, von Wirtschaftsvertretern und Investoren, denen die künftige Entwicklung der Stadt ein grosses Anliegen ist. Ein Campus-Erhalt ist gemäss sämtlichen Rednern für die Interessen der Wirtschaft von Stadt und gesamter Region von extrem grosser Bedeutung.
Samuel Leuenberger, Präsident der Regionalkonferenz, wirbt mit grossem Einsatz «für ein weit herum vernehmbares Lobbying zugunsten des Campus-Standortes Burgdorf. Wir dürfen uns nicht verzetteln, dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen, sondern müssen geschlossen auf dem Erhalt unseres ‹Techs› bestehen. Burgdorf ist mit der bereits vorhandenen Infrastruktur an entsprechenden Unternehmen der ideale Standort für Gesundheitsberufe, also wollen wir uns für die Übernahme des BFH-Departements WGS einsetzen.»
«Wertvolle Unterstützung erhält Burgdorf durch die Generalunternehmung Alfred Müller AG in Zug, welche das ehemalige Aebi-Areal in Bahnhofnähe (ca. 56 800 m2) gekauft hat und nun gewisse Flächen bis zum Grossratsentscheid von 2017 für einen eventuellen Campus-Bedarf frei hält», erläutert Stadtpräsidentin Zäch.
Gesundheit und Überalterung
Simon Michel, der Anfang Juli von seinem Vater Willi Michel die Leitung der Ypsomed (früher Disetronic) übernimmt, erläutert die den meisten Anwesenden bis dahin unbekannte «Gesundheitswirtschaft Burgdorf». Laut Michel beschlossen im Frühjahr 2013 die Stadt Burgdorf zusammen mit Unternehmern, dem HIV, dem Spital Emmental und dem Eigentümer der Suttergut Firma A. Müller AG in Zug, bezüglich Burgdorfs wirtschaftlicher Zukunft auf die Sektoren Gesundheit und Bildung zu setzen.
«Die Silver Society nimmt eine massiv steigende Bedeutung in der Zukunft ein», führt Michel aus, «denn Gesundheit und Überalterung gehören zu den elf globalen Megatrends». Bei der künftigen Positionierung wolle man den Fokus auf Gesundheit legen, da hier die Chancen mit dem grössten Erfolgspotenzial lägen. Elementar wichtig sei die Vermarktung. Firmen anderer Branchen dürften selbstverständlich nicht ausgeschlossen werden. In einem ersten Schritt will man sich auf Flächen in Burgdorf – ohne AMP über 300 000 m2 Geschossfläche, die 24 Eigentümern gehören – konzentrieren, später kann der Radius erweitert werden. Gemäss den Unterlagen von ESP Bahnhof (Entwicklungsschwerpunkt) befinden sich hier rund 136 000 m2 Geschossfläche mit einem Potenzial für ca. 700 Wohnungen und bis zu 2200 Arbeitsplätze.
Gesundheitswirtschaft ist laut Michel als Sammelbegriff für alle Wirtschaftszweige zu interpretieren, die etwas mit Gesundheit zu tun haben. Den Kernbereich stellen die stationäre und ambulante Akut-Versorgung und Altenhilfe dar, um die sich die Pharmaindustrie, Medizintechnik, Zulieferer und der Gesundheitshandel gruppieren. Als gesundheitsrelevante Randbereiche werden Fitness und Wellness, betreutes Wohnen usw. definiert.
Umsetzung und Finanzierung
Die Initianten rechnen mit einer Umsetzung der Gesundheitswirtschaft Burgdorf in drei Phasen mit dem Ziel «Akquisition von Unternehmen und Gesundheitsdienstleistern». Als erster Schritt erfolgt die Gründung der Trägerschaft mit Landbesitzern und Unternehmern, die von der gemeinsamen Bewerbung profitieren werden. Es folgen die Zusammenstellung des Angebotes und das Bereitstellen der Kommunikationsmittel, gefolgt von der aktiven Akquisition von Unternehmen und Gesundheitsdienstleistern. Geschätzt wird mit einem Gesamtaufwand von zirka 150 000 Franken pro Jahr, wobei die eine Hälfte für die noch zu schaffende Stelle und die andere für Kommunikationsmittel und Vermarktungsmassnahmen gerechnet wird.
Als Träger der ersten Stunde nennt Michel das Generalunternehmen Alfred Müller, egb-immobilien AG, procimmo SA, Marti Generalunternehmung AG, ZentrumNord Burgdorf sowie die Stadt Burgdorf. Als Förderer der ersten Stunde werden das Spital Emmental, Ypsomed, Sanitized, Keller Wellness Company und Swiss Wellness Academy sowie die Stadt Burgdorf erwähnt. Vor dem anschliessenden Apéro fordert HIV-Präsident Roland Loosli die Anwesenden auf, sich quer durch die Bevölkerung und alle hiesigen Organisationen für einen Campus und die Gesundheitswirtschaft Burgdorf einzusetzen.
Gerti Binz

