Letzte Chance für eine Umfahrungsstrasse

| Mi, 25. Feb. 2015

REGION: Überaus gross war das Interesse der geladenen Gäste am Info-Anlass der Regionalkonferenz Emmental. Barbara Egger, Samuel Leuenberger und Elisabeth Zäch (v.l.) informierten über den Projektstand «Verkehrssanierung Emmental». red

Der grosse Konferenz-Saal der Firma Blaser Swisslube AG in Rüegsau ist mit mehreren hundert geladenen Personen aus Wirtschaft, Verbänden, Behörden, Kommissionen, Arbeitsgruppen sowie weiteren Entscheidungsträgern bis auf den letzten Platz besetzt, als RE-Präsident Samuel Leuenberger auf die Tragweite der unbefriedigenden Verkehrssituation hinweist: «Der Verkehrsfluss ins Emmental ist je länger, je mehr ein Problem, dieses Thema beschäftigt viele Menschen. Es muss dringend eine Lösung gefunden werden.» Er freut sich, dass zwei «kompetente Fachfrauen die Anwesenden umfassend über den Projektstand informieren werden.»

Verkehrsaufkommen wie am Gotthard
Leuenberger erklärt den verdutzten Gästen, dass das Verkehrsaufkommen auf der Achse Burgdorf Richtung Emmental mit dem auf der Gotthard-Route vergleichbar ist und noch zunehmen wird: «Handeln ist also zwingend nötig. Es gilt, gute Bedingungen für Industrie und Handel zu schaffen; jetzt ist es die Aufgabe der Politik, entsprechende Lösungen zu finden.» Er wirft «ein Wattebäuschchen» Richtung Barbara Egger: «Sie sind zu spät gekommen und mussten selber unter der unbefriedigenden Verkehrssituation leiden.»

Die Regierungsrätin (Direktorin Bau, Verkehr, Energie) erklärt lächelnd, dass sie nicht der lokale Verkehr, sondern Staus in der Stadt Bern am pünktlichen Erscheinen gehindert haben. Hingegen sei schon in den Sechzigerjahren bekannt gewesen, dass die Verkehrsbelastung im Raum Burgdorf zu hoch ist. Verschiedene Planungen der Siebziger- und Achtzigerjahre verlaufen im Sande, die Verkehrssituation verschärft sich. Die Strassen sind dem Verkehr nicht mehr gewachsen, die Verkehrssicherheit – besonders für schwächere Teilnehmer – ist nicht mehr gewährleistet, die Lärm- und Luftbelastung überschreitet vielfach die gesetzlichen Grenzen. Barbara Egger wartet mit Zahlen auf: 2012 werden auf der Achse Hasle – Oberburg – Burgdorf bis zum Autobahnzubringer Kirchberg an Werktagen durchschnittlich 17 000 bis 21 000 Fahrzeuge mit einem Schwerverkehrsanteil von bis zu 6.5 Prozent gezählt. «Das ist höher als im Gotthard-Tunnel und deutlich höher als auf der Transjurane.» Prognosen gehen bis 2030 von 15 bis 25 Prozent zusätzlichem Verkehrsaufkommen aus, was für Burgdorf an Werktagen vor der Gotthelfschule 19 000 bis 22 000 Fahrzeuge heissen wird.

Allerhöchste Zeit
«Es ist allerhöchste Zeit, dass wir dieses Verkehrsproblem endlich lösen», bekräftigt Barbara Egger. «Wir müssen die Erreichbarkeit im Emmental sichern und verbessern sowie die Ortsdurchfahrten in Burgdorf, Oberburg und Hasle entlasten. Den Anliegen von Umwelt- und Landschaftsschutz muss Rechnung getragen werden.» Sie kommt auf die empfohlenen Massnahmen der Verkehrserschliessung Emmental aus dem Jahr 2007 zu sprechen, gemäss denen Verbesserungen für Öffentlichen Verkehr (ÖV) und Langsamverkehr ausgeführt worden sind. «Es wurde schon sehr viel getan, doch die umgesetzten Massnahmen lösen das Verkehrsproblem bei Weitem nicht», hält sie fest. «Daher werden die Planungsarbeiten zum Vorprojekt für eine umfassende Lösung vorangetrieben. Neben der Umfahrungs-Lösung mit flankierenden Massnahmen wird auch die sogenannte Variante Null+ vertieft geprüft, wie es einem Auftrag des Grossen Rates entspricht.
Die Verkehrsdirektorin kommt auf die Finanzierung zu sprechen: «Nach der Ablehnung durch den Bund, das ursprüngliche Projekt ‹Autobahnzubringer Emmental› ins Nationalstrassennetz aufzunehmen, steht jetzt eine Integration des Projektes ins Agglomerationsprogramm Burgdorf (Siedlung und Verkehr) mit einer Mitfinanzierung durch den Bund im Vordergrund.» Bundesrätin Doris Leuthard habe diesen Tipp gegeben.

Fondsgelder können helfen
Da der Kanton Bern das Projekt trotz erwarteter Bundesbeteiligung nicht aus den zur Verfügung stehenden Mitteln finanzieren kann, beantragt der Regierungsrat dem Grossen Rat, die verbleibenden Gelder von 150 bis 280 Millionen Franken aus dem Investitionsspitzenfonds freizugeben (siehe letzte Ausgabe vom 17.2.2015). Wenn das Kantonsparlament nächsten Monat zustimmt, bietet sich laut Egger die «einmalige Chance, die Verkehrsprobleme in absehbarer Zeit nachhaltig lösen zu können». Das Geld wäre allerdings für zwei Sanierungsprogramme bestimmt.

«Basierend auf der verkehrsträgerübergreifenden Zweckmässigkeits-Beurteilung ‹Verkehrserschliessung Emmental› von 2007 wird derzeit die Umfahrung Burgdorf – Oberburg – Hasle mit den flankierenden Massnahmen zum Vorprojekt ausgearbeitet», erläutert die kantonale Verkehrsdirektorin.

Und mahnt, dass «Investitionen in den Infrastrukturbereich nicht einfach nur Ausgaben in den Konsum, sondern in die Zukunft darstellen. Es wäre grundlegend falsch, wenn wichtige und dringende Investitionen aus Spargründen nicht realisiert werden. Das wäre für den Wirtschaftsstandort verheerend und würde finanzpolitisch nichts bringen und dem Kanton und seiner Wirtschaft massiv schaden.»

Interessante Linienführung
Die projektierte Strasse beginnt beim Autobahnanschluss Kirchberg und führt bis zum Kreisel Lyssach-Schachen, von wo eine neue Linienführung via Buchmatt vorgesehen ist: Sie umfährt die Stadt Burgdorf offen und in Tunnels auf der Westseite und endet an der bestehenden Strasse zwischen Burgdorf und Oberburg. Die neue Strasse umfährt das Dorfzentrum Oberburg ebenfalls ober- und unterirdisch bis zum südlichen Dorfeingang. Die Fortsetzung verläuft bis zum Dorfeingang Hasle auf der bestehenden Strasse. Auf einem neuen Trassee wird Hasle südwestlich umfahren. Die neue Strasse schliesst bei der Verzweigung Richtung Langnau i. E. bzw. Thun an das bestehende Kantons-Strassennetz an. Diese Planungsarbeiten seien relativ weit fortgeschritten.

Als Alternative wird gemäss der Forderung des Grossen Rates die Variante Null+ ohne Umfahrung entwickelt, wobei die Bewirtschaftung des vorhandenen Strassenraums im Vordergrund steht. Die Finanzierung der hier nötigen Massnahmen wird auch nicht einfach sein.

Barbara Egger warnt vor übertriebenen Hoffnungen bei der Realisierung: «Bis Ende 2015 werden alle möglichen Varianten und Kombinationen geprüft und die Bevölkerung zur Mitwirkung eingeladen. Nach deren Auswertung beantragt der Regierungsrat dem Grossen Rat die Bau-Projektierung und später die Ausführung der besten Lösung.» Sie rechnet frühestens mit einem Baubeginn ab 2021/22.

Worte an Kritiker
Abschliessend wendet sie sich an die Kritiker des Strassenbauvorhabens und erinnert daran, dass der Kanton Bern in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Projekte für den ÖV und Langsamverkehr realisiert hat. Daneben sind wichtige Projekte für die kombinierte Mobilität ins Leben gerufen worden. «Wir sind sehr behutsam mit Beton und Asphalt umgegangen.» Und trotzdem gehe es bisweilen nicht ohne grössere Strassenprojekte wie hier im Emmental: «Nur mit der neuen Strasse oder einem wesentlichen Ausbau des bestehenden Strassennetzes wird es uns gelingen, die wirklich beeinträchtigten Ortsdurchfahrten Burgdorf, Oberburg und Hasle verträglich zu gestalten. Ganz ohne Beanspruchung von Kulturland ist das nicht realisierbar.»

Gerti Binz

 

Gemeinsam kämpfen
Burgdorfs Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch, Mitglied der Geschäftsleitung Regionalkonferenz und Präsidentin der Arbeitsgruppe Agglomeration, spricht bezüglich des Agglomerationsprogramms und der Vorprojekte über die anstehenden Herausforderungen und Auswirkungen. Sie offeriert «Einblicke in das Werkstattprogramm, an dem alle mit Engagement arbeiten. Die Regierung hat wichtige finanzielle Impulse gegeben, um Gelder für die Verkehrssanierung Emmental freizuspielen. Das ist ein überaus wichtiges Zeichen, für das wir sehr dankbar sind.»

Jetzt muss auch die Agglomeration Burgdorf mit ihren zwölf Gemeinden und insgesamt 42 000 Einwohnern ihre Hausaufgaben machen, alle sind jetzt gefordert. «Es gilt, mit dem bereits dritten Agglo-Programm 2019 – 2022 die Weichen richtig zu stellen und Bundesgelder für die Verkehrssanierung zu erhalten, die auf ca. 370 Mio. Franken veranschlagt wird. Das stellt eine Riesen-chance dar, um Bundesgelder zu holen. Diese Chance wollen und müssen wir packen.»

Trümpfe ausspielen
Elisabeth Zäch spricht von mehreren Trümpfen, die jetzt ausgespielt werden. «So verzichten sämtliche zwölf Agglo-Gemeinden auf andere wichtige Projektgelder. Zusammen setzt man auf das wichtige Projekt Verkehrssanierung und gibt so ein starkes solidarisches Zeichen fürs Emmental. Weiter kann problemlos nachgewiesen werden, dass diese Verkehrssanierung in ein Gesamtkonzept eingebettet ist. Im ersten und zweiten Agglo-Programm sind von allen zwölf Gemeinden solidarisch Anliegen des ÖV, Veloverkehrs und der Fussgänger realisiert worden», wovon eine lange Liste Zeugnis ablege. All das ist nicht nur mit Geldern von Bund und Kanton, sondern auch mit Beiträgen der Standortgemeinden finanziert worden.

Zudem ist das Busangebot in allen Gemeinden ohne Agglo-Gelder hochgefahren worden. «Wir spielen keinesfalls den ÖV gegen das Auto aus, sondern streben ein Nebeneinander an. In der Agglomeration Burgdorf sind überdurchschnittlich viele Menschen mit dem ÖV oder dem Velo unterwegs.»

Diese Investitionslogik deckt sich mit sämtlichen laufenden Planungen auf der Achse Kirchberg – Emmental zur Optimierung der Standorte für Wirtschaft und Wohnen. «Es braucht jetzt einen Befreiungsschlag», fordert Zäch und ruft die umliegenden Gemeinden auf, sich an der Mitwirkung zu beteiligen.

In der folgenden Diskussion mit Fragen aus dem Publikum spricht sich eine namhafte Mehrheit der Anwesenden für eine möglichst rasche Verkehrssanierung aus, bevor beim Apéro weiter diskutiert wird.

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