«Verstehen, unterstützen und bewältigen»

  24.02.2015 Aktuell, Bildung, Burgdorf, Gesellschaft

Organisiert ist der Anlass vom Psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental. Titel: «Verstehen, unterstützen und bewältigen.» Federführend ist der diplomierte Sozialpädagoge Karl Madörin. Die Angehörigenberatung des Psychiatrischen Dienstes hat sich personell verändert. Neu gehören dem Team neben Karl Madörin Pflegefachmann Samuel Baumann und Sozialarbeiter Markus Widmer an. Die Seminar­abende bauen inhaltlich aufeinander auf. Trotzdem ist es möglich (aber nicht ideal), nur einzelne Seminarabende zu besuchen. Die Teilnehmenden erhalten Infos zu Fragen wie «Was ist eine psychische Krankheit?», «Welche Formen und Symptome gibt es?», «Wie kann man sie behandeln?», «Wie reagiere ich günstig auf einen erkrankten Menschen?», «Was ist sinnvoll, und was verschlimmert eine Situation?» Der erste Teil der Seminarabende ist jeweils wie ein Kurs gestaltet. Im zweiten Teil haben die Angehörigen psychisch kranker Menschen Gelegenheit, die angesprochenen Themen zu vertiefen, Fragen zu stellen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach zu erleben, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine sind. Anmeldungen per Mail, SMS oder Telefon 079 586 43 47 sowie  angehoerigenberatung@spital-emmental.ch – der Eintritt ist frei.

«D’REGION»: Für die Angehörigenberatung des Spitals Emmental sind weiterhin Sie, neu aber zudem Samuel Baumann und Markus Widmer zuständig. Wie ist die Aufgabenteilung?
Karl Madörin: Ich werde wie bisher die Koordination der Angehörigenberatung gewährleisten. In der Regel werde ich auch die erste Anlaufstelle sein. So betreue ich zum Beispiel unser Beratungstelefon, führe persönliche Beratungsgespräche und organisiere weitere Angebote. Samuel Baumann wird einerseits die monatliche Austauschgruppe moderieren, anderseits ist er der Ansprechpartner für Angehörige, aber auch Teammitglieder innerhalb des Pflegeteams der psychiatrischen Bettenstation, die zurzeit in Langnau ist. Markus Widmer wird ebenfalls bei der Austauschgruppe mitmachen. Als zweiten Schwerpunkt wird er die Beratungsgespräche im Oberemmental führen, damit die Anfahrtswege für die Ratsuchenden möglichst kurz sind.

«D’REGION»: Was ändert mit der neuen Besetzung – ist jemand auf einem Gebiet der Top-Spezialist?
Karl Madörin: Niemand ist absoluter Spezialist auf einem bestimmten Gebiet. Wir alle haben jedoch längere Berufserfahrung innerhalb der regionalen psychiatrischen Grundversorgung. Unsere Erfahrungen sind unterschiedlich, ergänzen sich aber. Samuel Baumanns Schwerpunkt wird sicherlich sein, zu gewährleisten, dass Situation und Anliegen von Angehörigen nicht in der alltäglichen Hektik einer psychiatrischen Akutstation untergehen – und dass möglichst alle Angehörigen der hospitalisierten Patientinnen und Patienten über die Angehörigenberatungsangebote informiert werden. Markus Widmer wird seine Erfahrungen aus der Sozialarbeit und dem Coaching in unser kleines Team einbringen. An dieser Stelle gilt es zu betonen, dass insgesamt nur 30 Stellenprozente für diese Arbeit zur Verfügung stehen. Unsere Ressourcen sind also begrenzt.

«D’REGION»: Ab 1. Februar 2015 ist Dr. med. Daniel Bielinski neuer Chefarzt Psychiatrie am Spital Emmental. Wie sieht es mit den Zuständigkeiten aus?
Karl Madörin: Zunächst sind wir sehr froh, dass mit Dr. med. Bielinski wieder ein Chefarzt gefunden wurde, der langjährige klinische Erfahrung hat und verschiedene regionale sowie kantonale psychiatrische Dienste geführt hat. Sicherlich werden wir nach seiner Einarbeitung zusammen mit ihm die Angebote im Angehörigenbereich evaluieren und nach Bedarf anpassen. Ich gehe davon aus, dass ihm die spezifischen Anliegen der Angehörigen psychisch kranker Menschen vertraut sind und hohe Priorität geniessen.

«D’REGION»: Wo liegen die Schwerpunkte des Seminars?
Karl Madörin: An den ersten drei Abenden bilden Ursachen, Symptome und Behandlung von psychischen Erkrankungen die Ausgangspunkte zur Vorstellung des bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells. In der zweiten Hälfte des sechsteiligen Kurses stehen der persönliche Umgang mit der Erkrankung, die Fähigkeit zu kommunizieren und die eigene Befindlichkeit im Zentrum.

«D’REGION»: Ist es meist der Hausarzt, der Patienten dem Psychiatrischen Dienst Emmental zuweist – und wie ist danach in der Regel das weitere Vorgehen?
Karl Madörin: Wie bei allen Erkrankungen ist der Hausarzt auch bei psychischen Problemen der erste Ansprechpartner. Bei Bedarf weist er die Patienten weiter an den Psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental. Oft ist es so, dass der Hausarzt schon genauere Vorstellungen hat, ob eine ambulante psychiatrische Behandlung ausreicht oder ob eine teilstationäre – in der Tagesklinik – oder stationäre Behandlung – 24-Stunden-Betreuung – notwendig ist. Manchmal erteilt der Hausarzt auch den Auftrag, die Situation des Betroffenen genauer abzuklären und überlässt die Planung der Behandlung den abklärenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Psychiatrischen Dienstes. Für akute Notfälle besteht am Spital Emmental ein Psychiatrischer Notfalldienst, der sieben Tage in der Woche rund um die Uhr erreichbar ist.

«D’REGION»: Der Psychiatrische Dienst Emmental arbeitet mit dem Psychiatriezentrum in Münsingen zusammen. Was bedeutet das?
Karl Madörin: Bei einer psychischen Erkrankung kann es zu akuten Zuständen kommen, die eine intensive, stationäre Behandlung notwendig machen, damit die Sicherheit des betroffenen Patienten, aber auch seines sozialen Umfeldes oder des therapeutischen Personals gewährleistet werden kann. Die psychiatrische Bettenstation in Langnau ist eine offen geführte Krisenstation mit 24-Stunden-Betreuung. Bei akuter Suizidgefahr oder Fremdgefährdung werden Patientinnen und Patienten vorübergehend ins Psychiatriezentrum Münsingen verlegt, das über geschlossene Stationen verfügt. Hat sich die Situation wieder stabilisiert, kann die Behandlung dann wieder am Psychiatrischen Dienst Emmental fortgesetzt werden.

«D’REGION»: Kinder und Jugendliche werden an die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern verwiesen. Gibt es viele junge Patienten mit psychischen Problemen?
Karl Madörin: Psychische Erkrankungen können in jedem Lebensalter auftreten. In der Adoleszenz – also dem Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen – oder der Lebensphase des Älterwerdens kann man von einer erhöhten Gefährdung ausgehen. Generell besteht in den Übergangsphasen des Lebens ein erhöhtes Risiko zu einer psychischen Störung oder Erkrankung.

«D’REGION»: Leiden eher Frauen oder Männer an psychischen Erkrankungen?
Karl Madörin: Es ist davon auszugehen, dass Männer und Frauen gleich betroffen sind. Frauen haben jedoch weniger Schwierigkeiten, sich einzugestehen, an psychischen Schwierigkeiten und Krankheiten zu leiden. Sie lassen sich deshalb häufiger auf eine Behandlung ein.
Männer tendieren eher dazu, psychische Schwierigkeiten zu verdrängen oder zu verheimlichen. Sie versuchen öfters als Frauen, mit selbst gefährdenden Verhaltensweisen wie Alkohol, Risikoverhalten oder Flucht in die Arbeit, ihre Probleme zu bewältigen. Dadurch lassen sie sich eher später auf eine angemessene Behandlung ein. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass psychische Krankheiten leider in unserer Gesellschaft weiterhin stark stigmatisiert werden und Betroffene eine Ausgrenzung befürchten.

«D’REGION»: Psychische Erkrankungen seien meist heilbar. Wie lange und wie dornig ist dieser Weg, bis die Patienten geheilt sind?
Karl Madörin: Diese Frage kann man nicht allgemein beantworten. Ich habe den Eindruck, dass dabei weniger die Schwere der Erkrankung, sondern mehr die Ressourcen und die erlernten Bewältigungsstrategien des Betroffenen und seines Umfeldes eine Rolle spielen.

«D’REGION»: Hängt diese Heilbarkeit stark damit zusammen, wie kooperativ der Patient ist?
Karl Madörin: Das gegenseitige Vertrauen zwischen Erkrankten und Therapeuten ist sicherlich ein zentrales Fundament für eine erfolgreiche Behandlung. Oft bildet das Akzeptieren der Krankheit die Voraussetzung zu ihrer Bewältigung. Etwas, was ich nicht «sehen kann», werde ich auch schlechter überwinden können. Trotz Aufklärung suchen viele Betroffene und ihr Umfeld nach Schuldigen. Schuldzuweisungen führen jedoch dazu, sich als Opfer oder Täter zu sehen, was einer Bewältigung der Schwierigkeiten oft entgegenwirkt.

«D’REGION»: Welches sind die Hauptursachen einer psychischen Erkrankung?
Karl Madörin: Es gibt sehr wenige psychische Erkrankungen, die sich auf eine Ursache zurückführen lassen. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens auf der Basis seiner Veranlagung, seiner körperlichen und seelischen Entwicklung und seinen äusseren, sozialen Lebensumständen individuelle Bewältigungsmuster – aber auch Verletzlichkeiten. Oft spielen auch Schicksalsschläge, wie schwere Erkrankungen, Verlust von nahen Bezugspersonen, Stellenkündigungen oder finanzielle Probleme, eine mitauslösende Rolle. Schwere Traumatisierungen durch Kriegserlebnisse, Flucht, Entwurzelung, Gewalt – insbesondere sexuelle Gewalt – können ebenfalls zu psychischen Erkrankungen führen.

«D’REGION»: Ist eine psychische Erkrankung vererbbar – so dass Kinder psychisch angeschlagener Eltern eher psychische Probleme haben als Kinder aufgestellter Eltern?
Karl Madörin: Es gibt nur eine einzige psychische Erkrankung, die direkt vererbbar ist. Diese ist sehr selten. Im sogenannten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell bildet die konstitu­tio­nelle Veranlagung nur eine mögliche Ursache unter vielen anderen Faktoren. Sicherlich haben Kinder von lebensfrohen, lebensbejahenden Eltern eher Chancen, schwierige Lebensumstände, wie sie psychische Erkrankungen darstellen, besser und schneller zu bewältigen. Anderseits können Kinder aus belasteten Familien auch eine gewisse Übung entwickeln, mit schwierigeren Lebensumständen klarzukommen. Dies bedingt aber, dass die psychischen Erkrankungen in der Herkunftsfamilie nicht tabuisiert wurden.

«D’REGION»: Welches ist die Hauptmotivation dafür, dass Sie Ihren Beruf mit Herzblut ausüben?
Karl Madörin: Die direkte Begegnung mit betroffenen Menschen berührt mich. Ich lerne dabei sehr viel über das Leben und die unterschiedlichen Möglichkeiten, damit klarzukommen. Dies ist für mich eine grosse Bereicherung – aber auch eine interessante Herausforderung.

Zu den Personen
Karl Madörin, Jahrgang 1953, ist diplomierter Sozialpädagoge und Gruppentherapeut. Er ist Leiter und telefonische Anlaufstelle der Angehörigenberatung beim Psychiatrischen Dienst. Als Gruppentherapeut ist er seit 1990 in verschiedenen Funktionen im Psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental tätig.

Samuel Baumann ist als Pflegefachmann HF Psychiatrie im stationären Bereich des Psychiatrischen Dienstes tätig.

Markus Widmer ist Sozialarbeiter FH, Sozialberater, Coach/Organisationsberater BSO – tätig in der Psychiatrischen Tagesklinik Langnau.

Hans Mathys


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