Dringliche Suche nach Schlafplätzen

  28.09.2015 Aktuell, Politik, Burgdorf, Gesellschaft

In den letzten Wochen beherrschen Berichte über die zu Tausenden nach Europa strömenden Flüchtlinge – vornehmlich aus Syrien und Eritrea – die Medien. In Syrien herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, zusätzlich terrorisiert der mörderische IS (Islamischer Staat) in den von ihm eroberten Gebieten die Bevölkerung. Eritrea zählt zu den totalitärsten Staaten überhaupt; Willkür und Verfolgung sind an der Tagesordnung. Entsprechend stellen diese beiden Natio­nen einen Grossteil der übers Meer oder auf dem Landweg nach Europa gelangenden Flüchtlinge, wobei diese zu Hunderten ertrinken oder sonst wie auf der Flucht umkommen.

AMP umnutzen
Die SP Burgdorf rechnet wie die Landesregierung mit einem zunehmenden Flüchtlingsstrom und hat daher den «Auftrag der SP-Fraktion betreffend Asylunterkunft im Armeemotorfahrzeugpark (AMP)» eingereicht. Darin fordert sie den Gemeinderat auf, «sich bei den zuständigen Behörden dafür einzusetzen, das AMP Burgdorf und insbesondere die dortigen Truppenunterkünfte als Asylunterkunft zu nutzen.»
Als Begründung führen die SP-Mitglieder an, dass das Durchgangszent­rum in der Zivilschutzanlage Lindenfeld ursprünglich für hundert Asylsuchende ausgelegt, seit einigen Wochen aber durch 150 belegt sei. Der Platz wird immer enger; die Infrastruktur gerät an ihre Grenzen. Anschliessend weist die SP auf die obenerwähnten Fakten hin und erwartet, dass «sich die teils äusserst schwierige Situation in absehbarer Zeit kaum bessern wird». Daher sei ein Anstieg der Asylsuchenden zu erwarten.

Humanitäre Tradition
Die Schweiz und somit auch die Gemeinde Burgdorf stünden in einer humanitären Tradition und Verpflichtung, hält die SP fest und fordert vom Gemeinderat, dafür zu sorgen, «dass in der bereits bestehenden Unterkunft im Lindenfeld die Platzverhältnisse nicht zu eng werden und andererseits in Burgdorf auch weitere Asylsuchende aufgenommen werden können». Nach Ansicht der Fraktionsmitglieder, die allesamt den Antrag persönlich unterschrieben haben, «ist das AMP mit seinen Truppenunterkünften für die Unterbringung von Asylsuchenden bestens geeignet». Entsprechend solle sich der Gemeinderat bei den zuständigen Behörden einsetzen. Wegen der Überbelegung im Lindenfeld erachtet die SP rasches Handeln als angesagt.
Da es sich beim AMP um eine militärische Liegenschaft und keine im Besitz der Stadt Burgdorf handelt, kann der Gemeinderat nur Abklärungen treffen und mit den zuständigen Amtsstellen das Gespräch suchen. Obwohl das AMP seit Jahren nicht mehr im ursprünglichen Sinn genutzt wird, ist gesprächsweise zu vernehmen, dass «die Unterkünfte nach wie vor recht gut von Armeeangehörigen belegt sind».

Technisch nicht machbar
Berufsoffizier Daniel Suppiger, Verantwortlicher für die AMP-Truppenunterkunft mit rund 120 Betten, bestätigt das: «Die Unterkünfte stehen keinesfalls leer. An 50 von 52 Wochen pro Jahr sind die Zimmer belegt, und zwar von Teilnehmern diverser Rekrutenschulen, von solchen der Jung-Motorfahrerkurse, von Soldaten des WK usw. Von leeren Betten kann also keine Rede sein. Und selbstverständlich hat das militärische Personal Vorrang, wenn es um die Bettenbelegung geht.»
Auf die Frage, ob eventuell eine Aufteilung der Unterkunft in einen Block für Asylbewerber und einen für militärisches Personal möglich wäre, winkt Suppiger klar ab: «Das ist nicht möglich. Es gibt nur einen Eingang für das ganze Gebäude. In gewissen Bereichen lagert sensitives Material, wo jeglicher unbefugter Kontakt streng zu vermeiden ist. Es ist nicht realistisch, in diesem Gebäude Militärpersonen und Flüchtlinge gemeinsam unterzubringen.»

Überirdisch ist besser
Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch hält fest, dass der Gemeinderat jetzt Kontakt mit dem fürs AMP zuständigen Eidgenössischen Amt für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) aufnehmen müsse, um diesbezügliche Abklärungen zu treffen. Ein Vorteil wäre, dass diese Unterkünfte nicht unterirdisch angelegt sind und im
Lindenfeld die dort gelegenen Schulen entlastet würden. Der Gemeinderat wird sich in nächster Zeit mit dem Antrag befassen. Vor allem die
zuständige Gemeinderätin Charlotte Gübeli (Ressort Soziales) ist jetzt gefragt.
Als Ende August in Oberburg junge Menschen auftauchen, die auf Grund ihres Aussehens schnell als Flüchtlinge eritreischer Herkunft eingestuft werden, ist die Aufregung gross. In Gemeinderat und Verwaltung fühlt man sich überrumpelt, niemand ist vorgängig über den Zuzug von Asylbewerbern in dem an der Emmentalstrasse gelegenen alten «Vögeli­haus» informiert worden. Rückfragen in Bern und bei Angelika Spindler, die zusammen mit ihren Töchtern 2011 die Liegenschaft gekauft hat, ergeben, dass in dem mit rund 20 Zimmern recht grossen Haus anfangs 16 und später wesentlich mehr Asylbewerber untergebracht worden sind. Diese werden gleich wie die Asylsuchenden im Burgdorfer Lindenfeld von der auf Flüchtlingsbetreuung spezialisierten Firma ORS Service AG begleitet, womit es sich praktisch infolge der dortigen Überbelegung (150 statt wie ursprünglich geplant 100 Personen) um eine Aussenstation des Lindenfelds handelt.
Die in Oberburg untergebrachten Flüchtlinge befinden sich bereits seit einiger Zeit in der Schweiz und sprechen teilweise ganz gut Deutsch. Es sei ursprünglich vorgesehen gewesen, die Oberburger Flüchtlinge wenn möglich später im Lindenfeld unterzubringen, was allerdings aufgrund des erwarteten grossen Zustroms illusorisch sein dürfte. Vielmehr wird der ursprünglich auf einen Monat befristete Mietvertrag zwischen Spindler und dem Kanton Bern mit grosser Wahrscheinlichkeit über den September hinaus verlängert werden.

Bemerkenswerte Ordnungsliebe
Ein Augenschein im Haus zeigt, dass in der neuen Küche gekocht, gewaschen und aufgeräumt wird. Boden und Herd sind auffallend sauber, in den Waschmaschinen dreht sich die Wäsche. Ums Haus herum ist gewischt und aufgeräumt, die Velos stehen ordentlich in Reih und Glied. Immer wieder fahren junge Männer hinters Haus und stellen ihre Velos ab, grüssen freundlich auf Berndeutsch oder sagen Hallo.
Ein frühpensionierter Schweizer, der für die Flüchtlinge als Ansprechperson fungiert, lobt deren Sinn für Sauberkeit und Rücksichtnahme: «Sie sind wirklich höflich und anständig, machen weder Lärm noch Unordnung. Mit Schweizern haben wir eher Probleme als mit diesen jungen Menschen.» Lobend hebt er die Ehrlichkeit der hier Untergebrachten hervor: «Niemand hat je lange Finger gemacht.»
Gerti Binz




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