Ernst Iseli, der Korber von Wynigen

  25.01.2016 Aktuell, Wynigen, Region, Kultur

Viele kleinere Gewässer wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren korrigiert, begradigt oder verschwanden einfach unterirdisch in Röhren. Mit ihnen verschwanden auch die schönen Weidenbäume, die besonders von Honigbienen gerne besucht werden.
Vor zirka 15 Jahren wurde im Wynigental im Rahmen einer Güterzusammenlegung ein Bachlauf verlegt. Ein angrenzender Streifen Land durfte nun nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden.
Ernst Iseli nutzte diese Gelegenheit und steckte in gleichmässigen Abständen Weidentriebe in den Boden. Durch regelmässigen Beschnitt des Stammes während Jahren verdickt sich dieser und bildet den «Kopf», aus dem die Weidenruten wachsen.
Schon als Schuljunge fertigte der im Kaltacker aufgewachsene Iseli Weidenkörbe. Jahre später wurde das Korben seine Leidenschaft, eine Passion, die inzwischen nur noch von wenigen Menschen in der Region geteilt wird. Das Rohmaterial wächst während den wärmeren Jahreszeiten praktisch vor Iselis Haustüre in Wynigen.
Bis zu drei Meter wachsen die schlanken und biegsamen Weidenruten in die Herbstzeit. Während den oft grauen und düsteren Wintertagen erfreuen uns die goldgelben, gegen den Himmel ragenden Äste. Und wenn sich ein Sonnenstrahl im filigranen Geäst verfängt, leuchten die Weiden auf zauberhafte Weise in der eher farblosen Winterlandschaft.
Jetzt, von allen Blättern befreit, sind die Ruten «erntebereit». Mit der Baumschere kappt Iseli die Äste direkt am «Kopf» des Stammes. Sie werden nun sorgfältig nach Länge und Dicke zu sechs Sorten gestapelt, gebündelt und zu Hause bis zum Frühling ins Wasser gestellt. Erst dann kann die Rinde abgeschält werden.
Zum Flechten eines grossen stabilen Weidenkorbes benötigt Iseli ungefähr vier Stunden. Dafür erhält er zum Beispiel auf dem Markt in Fraubrunnen um die 50 Franken. «Reich wird man davon nicht», lacht Iseli schelmisch. Aber das Korben scheint dem sympathischen Mann mit der Zipfelmütze etwas zu bieten, was in der heutigen Berufswelt eher selten anzutreffen ist: ein freudiges, ruhiges Schaffen mit wunderschönem, natürlichem Rohstoff, welcher zudem noch von ihm selbst angepflanzt wurde!
Henry Oehrli


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