Ein Leben für die Musik

  29.02.2016 Aktuell, Kirchberg, Kultur, Gesellschaft

Eben hat er das Arrangement der Operette «Im weissen Rössl» für die Berner Sommeroperette fertiggestellt, nun steckt er bereits mitten in den Vorbereitungen für die Sommeroper Selzach und die Gartenoper Langenthal, die er dirigieren wird. Die Rede ist von Bruno Leuschner, dem international bekannten Dirigenten, Komponisten und Arrangeur, der sich voll und ganz der Musik verschrieben hat – und seit einigen Jahren in Kirchberg lebt und arbeitet.

Mit fünf Jahren in den Klavierunterricht
Er sei bereits sehr früh in der Kindheit mit Musik in Berührung gekommen, erzählt Bruno Leuschner, der als Kind deutscher Immigranten in Chile geboren ist: «Meine Eltern waren fleissige Konzertbesucher, und meine beiden älteren Geschwister bekamen – so wie das damals in der deutsch-chilenischen Gesellschaft üblich war – Klavierunterricht.» Er habe natürlich zugeschaut, wie seine Geschwister geübt hätten, lacht der heute 58-Jährige: «Man hat mir erzählt, dass ich bereits als Dreijähriger versuchte, diese Tasten zu drücken – und dass ich begann, nach Gehör Klavier zu spielen.» So durfte er schon mit fünf Jahren in den Unterricht gehen: «Ich bekam Privatunterricht bei einer russischen Aristokratin, die vor dem Bolschewismus geflüchtet war, und musste zur Qualitätsüberprüfung einmal pro Jahr ein staatliches Examen in Theorie und Praxis ablegen.»

Rückkehr nach Deutschland – ein Glücksfall
Mit der Wahl Salvador Allendes 1970 ging Bruno Leuschners Zeit in Chile zu Ende: «Mein Vater meinte damals nur: ‹Weg von hier!› – und so zogen wir nach Deutschland zurück.» Für ihn selber habe das grosse Vorteile gehabt: «In Deutschland gab es Jugend-Musikschulen – und ich durfte dort nicht nur den Klavierunterricht besuchen, sondern sogar ein Zweitinstrument erlernen: das Cello.» Er habe den Unterricht immer als sehr anregend empfunden: «Ich hatte gute Lehrer  und zudem die Möglichkeit, in Kammer-Ensembles, im Orchester und mit sehr guten Solisten zusammen zu spielen.»

Die Liebe zum Komponieren
Bereits in seiner Gymnasialzeit habe er begonnen zu komponieren, erzählt der vielseitige Musiker: «Ich habe ausserdem systematisch nach Studien-partituren aus verschiedenen Epochen gesucht, sie mir von meinem Taschengeld gekauft und von vorne bis hinten durchgearbeitet.» Sein Ziel dabei sei nie gewesen, diese Partituren auf dem Klavier ganz spielen zu können:«Mich interessierte vor allem, nach welchen Gesichtspunkten die Komponisten ihre Werke aufgebaut hatten, welche Gesetzmässigkeiten und Besonderheiten die Kompositionen aufwiesen.»

Der Entscheid, Dirigent zu werden
Da ihm aber stets bewusst gewesen sei, dass der Beruf des Komponisten nicht zum Leben reichen würde, sei für ihn bis zum Abitur immer klar gewesen, dass er als Klavierlehrer Schüler unterrichten würde: «Aber kurz vor dem Abitur meinte ein Lehrer, ich solle doch das Dirigieren studieren, das würde mir entsprechen.» Er habe sich also in Hamburg für die Zulassungsprüfung zum Dirigentenstudium angemeldet: «Ich merkte erst während der Prüfung, dass ich völlig unvorbereitet war: Etliche Sachen, in denen ich getestet wurde, hatte ich vorher noch nie gemacht. Doch gleichzeitig merkte ich auch, dass das Ganze mir sehr viel Freude machte – und ich bestand diese Prüfung tatsächlich.»

Beim Orchester den Knopf aufgetan
Bis zum dritten Studienjahr sei er den Professoren nicht als besonders begabt aufgefallen, erzählt Bruno Leuschner: «Im dritten Jahr gab’s dann irgendwann die Möglichkeit, nicht nur die Mitstudenten an zwei Klavieren zu dirigieren, sondern ein ganzes Orches­ter.» Es seien zwei, drei Arien aus «Fidelio» gewesen – und er erinnere sich noch gut daran, wie der eine Lehrer, Professor Klauspeter Seibel, nachher zu ihm gekommen sei: «Er trat zu mir und meinte nur: ‹Heute ist dir der Knopf aufgegangen.› Und es war tatsächlich so: Ich hatte den Draht zu den Leuten im Orchester und meinen Platz gefunden.»

Etwa zu dieser Zeit übernahm Bruno Leuschner ein grosses Studentenorches­ter, später zusätzlich ein Kammer­orchester: «Nun hatte ich zwei verschiedene Gefässe, wo ich mich ausleben durfte.»

Theaterjahre
Nach dem Studienabschluss wurde der junge Dirigent am Stadttheater Freiburg im Breisgau gleich als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung angestellt. «Meine erste Aufgabe war ein Nachdirigat von Carl Millöckers ‹Bettelstudent› – und es war ein Albtraum: Ich hatte keine Ahnung von der Einstudierung und von der Inszenierung und musste die Aufführung leiten. Wahrscheinlich habe ich da nicht allzu gut dirigiert…» Die Stelle habe ihm aber gefallen: «Zudem wurde ich vom Akademischen Orchester als Dirigent engagiert, was für mich natürlich ideal war.»

Nächste Station war Hamburg, wo Bruno Leuschner zuerst «Cats» und später das «Phantom der Oper» dirigierte. «Schliesslich kam der Ruf nach Bern, wo ich am Stadttheater als Studienleiter und Kapellmeister angestellt wurde.» In Bern habe er neben zahlreichen grossen Nachdirigaten auch die gute Gelegenheit gehabt, eigene Einstudierungen zu realisieren: «Das war eine sehr schöne Zeit.» 1994 habe er sich schliesslich selbstständig gemacht: «Ich eröffnete in Bern ein gut laufendes Korrepetitionsstudio, wo ich mit Profisängern, aber auch mit Amateuren arbeitete.»

Vermehrt in der Oper anzutreffen
Seit ein paar Jahren zieht es Bruno Leuschner, der seit 2005 musikalischer Leiter beim Neuen Theater in Dornach ist, vermehrt zum Musiktheater zurück. So ist er seit 2012 Dirigent der Gartenoper Langenthal und der Sommeroper Selzach, wo im August Donizettis «L’elisir d’amore» ansteht. Er arrangiert und dirigiert auch kleinere Produktionen wie etwa die «Dreigroschenoper» in Lyssach 2010. «Mir gefällt diese Herausforderung – gerade wenn ich die Partituren reduzieren, anpassen und retouchieren muss, was mir immer wieder sehr viel Spass macht...»

Andrea Flückiger


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote