Publikumsvortrag: Was bei offenem Bein zu tun ist
26.04.2016 Aktuell, Bildung, Burgdorf, GesellschaftDr. med. Stephanie Scherz ist seit August letzten Jahres für das Spital Emmental tätig – und zwar an beiden Standorten Burgdorf und Langnau. Sie ist leitende Ärztin an der chirurgischen Klinik und verantwortlich für die ärztliche Leitung des Wundambulatoriums Burgdorf sowie neu auch für Langnau. Dr. med. Michael Wyss ist Facharzt für innere Medizin und Angiologie. Maria Häni-Di Mauro ist Pflegeverantwortliche für die Leitung des Wundambulatoriums. Im Anschluss an den Vortrag werden alle drei Fachpersonen zur Verfügung stehen, sodass das Publikum beim gemeinsamen Apéro bilateral Fragen stellen darf.
«D’REGION»: Wie ist der Publikumsvortrag aufgebaut, wer wird worüber sprechen?
Dr. Scherz: Entsprechend den verschiedenen Fachgebieten und Kompetenzen wird der Vortrag in drei Teilen gestaltet. Nach meiner kurzen Einführung startet der Vortrag mit den Ausführungen von Dr. med. Michael Wyss. Die Erkenntnis, dass ein offenes Bein kein unabänderlicher Schicksalsschlag darstellt, führt ins Thema. Vor jeglicher Therapie muss die Suche nach der Ursache stehen. Dr. Wyss wird erläutern, welche Ursachen für ein offenes Bein verantwortlich sein können. Dabei stehen Gefässprobleme an erster Stelle. Diese können im Zusammenhang stehen mit einem Vernenleiden – aber auch mit einer Durchblutungsstörung im Rahmen eines arteriellen Gefässverschlusses oder einer Stoffwechselerkrankung wie der Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. Dr. Wyss wird erklären, welche Abklärungen vorzunehmen sind, um die Ursachen aufzudecken. Maria Häni-Di Mauro ist eine äusserst erfahrene Wundexpertin und Leiterin des Wundambis. Sie wird uns erzählen, welche Möglichkeiten bestehen, die Wunden offener Beine gezielt zu behandeln und welche Wundauflagen zum Einsatz kommen.
«D’REGION»: Innerhalb welcher Zeit heilen in der Regel Wunden ab?
Dr. Scherz : Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig in einem Satz beantworten. Es gibt verschiedene Wunden: Schürfwunden, Quetschwunden, Stichverletzungen, Bisswunden, Verbrennungen / Verkühlungen. Abhängig von der Tiefe der Wunde und dem Verschmutzungsgrad ist die Wundheilung unterschiedlich. Zeigt die Wunde keine Heilungstendenz nach Ablauf von 14 Tagen, treten zunehmend Schmerzen und Rötung auf und / oder Sekretion aus der Wunde. Hier muss von einer Wundheilungsstörung ausgegangen werden. Heilt eine Wunde trotz Beschwerdefreiheit innerhalb von etwa vier Wochen trotz geeigneter Massnahmen nicht ab, kann von einem chronischen Verlauf gesprochen werden.
«D’REGION»: Welche Wunden heilen rasch, welche kaum?
Dr. Scherz: Grundsätzlich ist die Wundheilung abhängig von der Durchblutung und damit auch von der Immunabwehr des Körpers sowie vom Alter des Patienten. Dementsprechend wird eine oberflächliche Schürfwunde beim Jugendlichen am Arm sehr schnell zur Abheilung kommen, während eine Ablederungsverletzung am Schienbein bei Senioren mit Zuckerkrankheit zur Herausforderung werden kann. In einer Gegend wie dem Emmental mit den vielen ländlichen Betrieben, Feldern und Tieren ist besonders zu erwähnen, dass tiefe Verletzungen, welche mit Erde, tierischem Material oder gar Gülle verschmutzt werden, in die Hand des Arztes gehören. Solches stellt eine richtige Bedrohung für den Patienten dar. Auch Bissverletzungen können ernsthafte Folgen zeigen, sind aber eher selten.
«D’REGION»: Was ist bei solchen chronischen Wunden zu tun?
Dr. Scherz: Bei Unsicherheit soll sich der Patient bei seinem Hausarzt beziehungsweise bei seiner Hausärztin oder bei der betreuenden Spitex Pflege melden, damit die Wunde professionell untersucht und ein Therapieplan entworfen werden kann. An erster Stelle steht die Erhebung der sogenannten Anamnese im Rahmen der Ursachenforschung: wie ist es zu der Wunde gekommen, seit wann besteht diese, was könnten Gründe sein, warum die Wunde nicht abheilt? Hier kommen Krampfadern, Zuckerkrankheit und Infektion infrage. Im Weiteren muss die Wunde beurteilt werden: Grösse, Durchblutung, Beläge, Sekretion, Hinweis auf einen Infekt. Bei Verdacht auf einen Infekt soll primär versucht werden, den auslösenden Wundkeim zu isolieren, um ein geeignetes Antibiotikum zu finden. Niemals sollte einfach so ein Antibiotikum eingenommen werden. Nach Erhebung aller möglichen Faktoren zur Beurteilung der Situation wird im Team Hausarzt, Spitex, Spezialfacharzt, Angiologe und Wundexperten ein Behandlungsplan aufgestellt. Das Miteinander und gegenseitige Gespräch ist dabei das Erfolgsrezept.
«D’REGION»: Welches sind neben Gefässkrankheiten weitere Gründe für eine chronische Wunde?
Dr. Scherz: Am häufigsten leiden Patienten mit chronischen Wunden und offenen Beinen unter einem Venenleiden mit Stauung der Beine, was die Wunde erhält. Daneben spielen aber auch arterielle Durchblutungsprobleme eine Rolle. Diese treten in der Peripherie akzentuiert auf bei der Zuckerkrankheit Diabetes mellitus. Diese Krankheit führt unter anderem zum Befall sehr kleiner Gefässe vor allem an den unteren Extremitäten, also an den Füssen und Zehen. Hautkrankheiten, generalisierte Schwäche – Tumoren – und Infektionen der Wunden mit problematischen – antibiotikaresistenten – Keimen – sind weitere Faktoren.
«D’REGION»: Was gilt beim venösen Beingeschwür?
Dr. Scherz: Hier gelten alle Prinzipien der Wundbehandlung, welche bereits genannt wurden. Besonders wichtig ist hier aber die angiologische Abklärung beim Spezialisten im Rahmen der Ursachensuche. Sollte sich ein Krampfaderleiden bestätigen, stehen verschiedene Therapiekonzepte zur Verfügung – angefangen von einer konsequenten Kompressionstherapie mit Binden oder Strümpfen bis zur operativen Behandlung oder Verödung der Venen mit einem dafür geeigneten Medikament – Sklerotherapie.
«D’REGION»: Stimmt es, dass Kompressionsstrümpfe gelegentlich als Prophylaxe eingesetzt werden?
Dr. Scherz: Im Laufe des Lebens entwickeln viele Menschen mehr oder weniger symptomatische Krampfadern. Dazu neigen Menschen, welche eine stehende Tätigkeit ausüben, schwaches Bindegewebe haben, in der Schwangerschaft und solche, welche eine familiäre Disposition aufweisen. Diese profitieren vom Tragen eines Kompressionsstrumpfes.
«D’REGION»: Werden im Spital Emmental bei offenen Beinen auch Fliegenmaden und Antibiotika eingesetzt? Welches ist der Nutzen von Kortison?
Dr. Scherz: Im Wundambulatorium werden in Abhängigkeit von der Wundgrösse, dem Belag und dem Heilungsverlauf einer Wunde auch Fliegenmaden angewendet. Allerdings werden diese eingeschlossen in einem speziellen Stoff aufgesetzt. Viele Studien zeigen ausgezeichnete Resultate mit dieser Technik. Antibiotika gehören in die Hände des behandelnden Arztes. Diese werden eingesetzt, wenn eine Wunde bakteriell infiziert ist. Vorher entnehmen die Wundexperten einen sogenannten Abstrich, um den auslösenden Keim nachweisen zu können. Kortison soll nur sparsam eingesetzt werden, weil die Substanz den Teufel mit dem Beelzebub vertreibt und selbst hautschädigend sein kann nach längerer Anwendung. Die Anwendung ist häufig bei bekannten Hautkrankheiten mit autoimmuner Ursache, dann bei ausgeprägtem Pruritus und Entzündung auf nicht-bakterieller Basis.
«D’REGION»: Wann spätestens sollte man bei chronischen Wunden zum Arzt?
Dr. Scherz: Alle landwirtschaftlichen, tiefen Verletzungen und Wunden mit starker Verschmutzung gehören sofort zum Arzt. Weiter grosse Wunden, solche, welche stark schmerzen, gerötete Wunden und solche, welche Eiter absetzen. Generell alle, welche innerhalb von zwei bis drei Wochen keine Heilungstendenz zeigen.
«D’REGION»: Gibt es typische Falschbehandlungen von Patienten, ehe diese letztlich dann doch noch zum Arzt gehen?
Dr. Scherz: Besonders bei tiefen, verschmutzten Wunden vor allem im landwirtschaftlichen Bereich, tiefe Stichverletzungen, tiefen tierischen Bisswunden, Wunden, welche stark eitern, schmerzen und gerötet sind. Verbrennungswunden vor allem bei Kindern und im Gesicht, an Händen und Füssen.
Zur Person
Dr. med. Stephanie Scherz ist seit August 2015 am Spital Emmental als leitende Ärztin tätig. Dies an beiden Standorten Burgdorf und Langnau. Sie ist Fachärztin FMH für Chirurgie – Schwerpunkt FMH Allgemeinchirurgie und Unfallchirurgie. Ihre Ausbildung genoss sie an der Universität Bern. Sie war ab Februar 1992 ein Jahr stellvertretende Chefärztin für Chirurgie und Gynäkologie am Hôpital Albert Schweitzer in Lambarene in Guinea. Kaderarztstellen bekleidete sie in Grabs, Erlenbach im Simmental, Grenchen, Zürich und Sursee. Vor ihrem Engagement als leitende Ärztin am Spital Emmental war Dr. med. Stephanie Scherz leitende Ärztin Chirurgie Spital Netz Bern Münsingen sowie stellvertretende Chefärztin und Standortleiterin Chirurgie Spital Netz Bern Riggisberg. Sie ist auch Dozentin an der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytomedizin. Neben ihrer Anstellung am Spital Emmental führt Dr. med. Stephanie Scherz weiterhin gemeinsam mit ihrem Partner eine Praxis in Thun.
Hans Mathys
