«Solange die Hoffnung lebt…»
25.04.2016 Aktuell, Burgdorf, GesellschaftSchon früher steht der Langnauer Arzt Dr. Hansueli Albonico in verschiedenen Krisenregionen auf mehreren Erdteilen im Einsatz. Im Dezember 2015 / Januar 2016 arbeitet er für «Médecins du Monde» in Idomeni in Nordgriechenland an der Grenze zu Mazedonien, wo derzeit Tausende auf der Balkanroute gestrandete Flüchtlinge vergeblich auf eine Weiterreise nach Zentral- oder Nordeuropa hoffen.
Nicht zum ersten Mal
Auf die Frage, ob sein sechswöchiger Einsatz in Idomeni zugunsten von Flüchtlingen langer Überlegungen bedurfte, verneint der Langnauer Albonico. Für diesen habe er sich am 30. September 2015 spontan entschieden, als er ein Inserat von «Médecins du Monde» in einer Ärztezeitschrift gelesen habe, die Ärzte für einen Einsatz im früheren Durchgangslager (heute Endstation) Idomeni in Griechenland gesucht haben.
«Das Thema Einsätze für Flüchtlinge war für mich schon vor 30 Jahren aktuell. Damals war ich für das IKRK in Kambodscha und Thailand, später zusammen mit meiner Ehefrau mehrere Male und teils jahrelang in Simbabwe, wo wir ein Regionalspital geleitet haben. Mit Flüchtlingen haben wir schon früher zu tun gehabt, so beispielsweise im Rahmen der Aktion ‹Freiplatz-Aktion für Flüchtlinge aus Chile›, als nach dem Putsch im September 1973 gegen Präsident Salvador Allende zahlreiche Chilenen das Land verliessen. Für die mehrheitlich illegal in die Schweiz eingereisten Flüchtlinge wurden Gastfamilien gesucht.»
Seit circa 18 Monaten haben Albonico und seine Ehefrau Danielle Lehmann zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich aufgenommen, da dies für sie die beste Art von Integration bedeutet.
Im Nadelöhr der Balkanroute
Bei seiner Zusage steht bereits fest, dass Albonico in Idomeni zum Einsatz kommt. «Idomeni ist im Sommer 2015 als Durchgangslager an der Grenze zu Mazedonien für 800 bis 1000 Personen aus dem Boden gestampft worden», erläutert er. «Für diese Anzahl Personen war es damals sehr gut eingerichtet. Es war nie als Auffanglager für die derzeit 12 000 bis 14 000 gestrandeten Flüchtlinge der jetzt geschlossenen Balkanroute gedacht», erklärt er.
«Bevor ich im Herbst 2015 gegangen bin, hat das auch noch gut funktioniert. Im September 2015 haben täglich bis 8000 Flüchtlinge die Grenze von Griechenland nach Mazedonien überquert. Vielfach sind sie an einem Tag angekommen und sofort weitergereist. Nachdem Mazedonien am 18. November 2015 unter dem Druck der westeuropäischen Länder entschieden hat, nur noch Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan mit gültigen Papieren passieren zu lassen, fingen die Probleme an. Die Flüchtlingsmassen haben sich gestaut, die Menschen verzweifelten.» Immerhin können zu diesem Zeitpunkt noch rund 2000 Personen täglich die Grenze passieren.
Hilfe bei Grenzübertritten
Das medizinische Team kann gut arbeiten, was für die Flüchtlinge einen Segen bedeutet. Sie können medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, ihre vielfach durch Strapazen und Witterung hervorgerufenen Blessuren behandeln lassen. Daneben leisten die Ärzte Hilfestellung, damit Verletzte, Geh-Unfähige oder Rollstuhlpatienten die Grenze passieren und ins nahe gelegene und gut eingerichtete Spital von Gevgelija auf der mazedonischen Seite eingeliefert werden können, wo vertiefte Hilfe geleistet wird. «Bisweilen gelingt es uns Ärzten in kritischen Fällen, Flüchtlinge mit mangelhaften Papieren persönlich an die Grenze zu begleiten und sie dem inzwischen informierten mazedonischen Spitalpersonal – das am Grenztor wartet – zu übergeben. Die Zusammenarbeit von uns MdM-Ärzten und dem dortigen Personal hat stets gut funktioniert.»
Der Idomeni-Einsatz hat sechs Wochen, vom 7. Dezember 2015 bis 29. Januar 2016, gedauert. «Es ist immer schwer, Ärzte über die Feiertage zu finden», erläutert Albonico. «Meine Kinder sind erwachsen, was mir die Möglichkeit für einen Einsatz über Weihnachten / Neujahr geboten hat. Meine Ehefrau Danielle Lehmann – auch sie ist Ärztin – hat in dieser Zeit die Praxis in Langnau aufrechterhalten. Es war schwierig für sie, da die für mich vorgesehene Vertretung krankheitshalber ausgefallen ist. Dazu kamen Haus und Garten und eine schwere Erkrankung unsere Tochter.»
Berührende Dankbarkeit
Im Lager Idomeni arbeiten die Ärzte in einem vom norwegischen Roten Kreuz gestifteten, gut eingerichteten und stabilen Spitalzelt, das bereits mehreren Stürmen getrotzt hat. «Sowohl bei den Instrumenten als auch den Medikamenten sind wir gut ausgerüstet. Es gab klare Schichten, in die wir mit drei anderen Organisationen eingeteilt waren. Das stellte sicher, dass die medizinische Versorgung Tag und Nacht gewährleistet war. Natürlich gab es auch Notfälle, aber meistens waren es nur Bagatellen wie Hals-, Nasen- oder Ohrenentzündungen. Schwierig ist es geworden, wenn die Menschen nach ihrer langen, teils lebensgefährlichen Flucht an der Grenze zurückgewiesen worden sind. Vor allem junge Männer begingen Verzweiflungstaten: Sie wollten sich vor einen Zug werfen oder versuchten sich zu erhängen.»
Als besonders beeindruckend hat Albonico die tiefe Dankbarkeit der Flüchtlinge empfunden, wenn sich diese nach medizinischer Hilfe oder Gesprächen erstmals seit Langem wieder als Menschen behandelt vorgekommen sind und das auch kommuniziert haben.
Bedrohlich zugespitzt
Als Albonico Ende Januar das Lager verlässt, hat sich die Situation bedrohlich zugespitzt: «Österreich hat seine Grenzen dicht gemacht, was einen Domino-Rückstau-Effekt durch die fünf tangierten Balkanländer bewirkt hat. Die griechischen Behörden haben begonnen, die Flüchtlinge rund 30 Kilometer südlich der Grenze an einer Tankstelle zurückzuhalten. Es gab keine Infrastruktur, keine Versorgung, Ausharren unter freiem Himmel, bei bis zu minus 10 Grad. Manchmal standen 60 Busse stunden- und tagelang an dieser Tankstelle, den Motor zwecks Benzinsparens abgestellt. Die Situation war einfach desolat.» Das Ärzteteam hat versucht, mit einer mobilen Equipe Hilfe zu leisten, was sich als sehr schwierig und zunehmend gefährlich herausgestellt hat.
Nach wie vor gelangen nur noch sehr wenige Flüchtlinge nach Griechenland, um Asyl zu beantragen: «Sie sind stark auf Mitteleuropa, die nordwestliche EU und die Schweiz fixiert. Hier haben wir versucht, ein Umdenken zu bewirken», meint Albonico.
Im Anschluss an den Lichtbildervortrag ist eine Diskussionsrunde mit dem Publikum vorgesehen.
Gerti Binz
Weitere Informationen:
Vortrag am Dienstag, 3. Mai 2016, 19.30 Uhr in der Aula Schule Gsteighof, Pestalozzistras-
se 73, Burgdorf. Eintritt frei, Kollekte zugunsten von «Médecins du Monde».

