Kein Wahlkonzept, kein Terminplan, zu wenig Unterstützung

  24.08.2016 Aktuell, Politik, Burgdorf, Gesellschaft

Bereits vor vier Jahren hat die noch amtierende Stadtpäsidentin Elisabeth Zäch (SP) im Vorfeld ihrer Erneuerungswahl angekündigt, dass sie nach zwei Legislaturen Ende 2016 definitiv aufhören werde. Womit die bürgerlichen Parteien, die sich verbal für eine weniger rot-grüne Politik in Burgdorf stark machen, vier ganze Jahre Zeit für die Suche und den Aufbau von einer oder mehreren Personen als Nachfolger für dieses Amt gehabt hätten. Ausser dem amtierenden FDP-Gemeinderat Peter Urech, der wegen Amtszeitbeschränkung (12 Jahre) nicht wiedergewählt werden kann, hat sich niemand als Kandidat für den «Stapi-Stuhl» aufstellen lassen. Und Urech selbst hat nach eigenen Worten Anfang letzter Woche «enttäuscht über mangelnde Unterstützung vor allem seitens seiner eigenen Partei» das Handtuch geworfen.

Zu wenig Unterstützung
Auf die Frage, warum und zu welchem Zeitpunkt für ihn – trotz seiner einstimmigen Nomination der FDP zum Stapi-Kandidaten – nur noch ein Rückzug seiner Kandidatur infrage gekommen sei, antwortet er: «Es handelt sich bei meinem Entscheid keinesfalls um einen Schnellschuss, sondern um einen sich seit einer gewissen Zeit abzeichnenden Entscheid. Für mich war es ein innerer Prozess aufgrund der mangelnden Unterstützung durch meine Partei, die FDP. Ich habe diesen wohlüberlegten Rückzug für mich, mein Wohlbefinden und nicht zuletzt im Interesse der Stadt gefällt. Um einen erfolgreichen Wahlkampf führen zu können, braucht es eine gut aufgestellte Wahlkampf-Organisation mit klar definierten Verantwortlichen», betont Urech. «Ein solches Team existiert dreieinhalb Monate vor den Wahlen am 27. November 2016 aber immer noch nicht. Weiter fehlt seit Monaten ein durchstrukturierter Zeitplan sowie Überlegungen zur Wahlkampf-Finanzierung sowie ein konsolidiertes Budget. Auch eine entsprechende Stapi-Website ist trotz meiner Interventionen erst im Entstehen; hier wäre die FDP bezüglich ihres Kandidaten in der Pflicht gestanden.» Folglich müsse er befürchten, den «Wahlgang quasi im Alleingang zu organisieren und zu führen, was aus beruflichen, familiären und politischen Erwägungen ausgeschlossen ist. Ich will und kann das nicht.»


«Bei uns lief überhaupt nichts!»
«Auch mir und den Parteivertretern von FDP, SVP und BDP sind seit Anfang 2016 die periodisch wiederkehrenden Aktivitäten, mit denen sich mein SP-Konkurrent Stefan Berger in der Öffentlichkeit mit Aktivitäten zugunsten von Burgdorf profilieren konnte, nicht verborgen geblieben. Bei uns lief überhaupt nichts. Ich hatte zwar gute Rückmeldungen aus unseren Partnerparteien und den Verbänden HIV und HGV, aber bezüglich einem von meiner Partei organisierten Wahlkampf, einer Strategie, der Beschaffung von Finanzmitteln usw. lief nichts. Einzelne zaghafte Diskussionen haben stattgefunden, doch niemand von der FDP hatte genügend zeitliche Kapazität, um sich in ein Wahlgremium einzubringen. Schliesslich entschied der FDP-Parteivorstand, dass alle Mitglieder das Wahlgremium darstellen. Eine durchorganisierte Wahlkampf­organisation existiert nicht, folglich auch keine Wahlkampfstrategie und kein Zeitplan.» Und das, obgleich Urech nach eigenen Worten «mehrmals schriftlich und mündlich» darauf hingewiesen hat, dass hier «Anstrengungen unternommen werden müssen. Andernfalls laufen wir Richtung rot-grüne Stadt Burgdorf.»

Vielleicht endlich reagieren
Urech erinnert an die zwei verbleibenden Mitglieder im siebenköpfigen Gemeinderat und daran, dass im November 2016 Weichen gestellt werden. «Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch hat gemäss der weitverbreiteten Meinung gute Arbeit für Burgdorf geleistet. Der SP-Stapi-Kandidat segelt in ihrem Windschatten und hat sicher einen Bonus. Die Bürgerlichen müssen langsam reagieren.»
Seiner Meinung nach spricht vieles für eine bürgerliche Wende: Die Stadtpräsidentin hat viele Projekte aufgegleist, zum Teil realisiert oder weitgehend auf den Weg gebracht. Jetzt gilt es, diese Projekte bei der aktuellen Finanzlage zu Ende zu bringen beziehungsweise über die nächsten Jahre hinweg am Laufen zu halten, und das ohne Steuer­erhöhung. Das alles bedingt eine genaue Kenntnis der finanziellen Situa­tion und eine möglichst langjährige Mitarbeit im Gemeinderat.»
Rückblickend bezeichnet es Urech als seinen Fehler, dass er zwar mehrmals auf diese Punkte hingewiesen, aber zu sehr und vergeblich auf eine entsprechende Bewegung im bürgerlichen Lager gehofft habe, die nicht eingetroffen sei. «Vor allem habe ich bei meiner Partei FDP, mit der ich 40 Jahre ‹verheiratet› gewesen bin, das ‹feu sacre› vermisst.»

Keine anderen Interessenten
«Schliesslich bin ich meiner Partei insofern entgegengekommen, als ich mich mangels anderer Kandidaturen bereit erklärt habe, für das Stapi-Amt zu kandidieren. Andernfalls hätte die FDP überhaupt niemanden für einen Gemeinderatssitz ins Rennen schicken können. Zwei Jahre lang hat der Vorstand vergeblich nach einer geeigneten Kandidatur gesucht; niemand hat sich gemeldet. Ich habe immer wieder davor gewarnt, alles laufen zu lassen und zu hoffen, dass ‹der Urech schliesslich die Kohlen aus dem Feuer› holt. Damals habe ich mich von meinen Verantwortungsgefühl für meine Partei und meine Stadt – die ich gern habe – leiten lassen. Mir ist nicht gleich, was mit Burgdorf passiert.» Auch SVP und BDP hätten rechtzeitig eine jüngere und valable Kandidatur vorbereiten und aufbauen sollen.
Abschliessend hält Urech fest, dass er im Oktober 62 Jahre alt wird, weder sich oder anderen noch etwas beweisen müsse, einen interessanten und sehr anspruchsvollen Beruf als Chef des Burgdorfer Gerichtes (Vorsitzender der Geschäftsleitung des Regionalgerichtes Emmental-Oberaargau) ausübe und sich seit einigen Tagen dank seines unwiderruflichen Rückzugs wirklich «sehr erleichtert» fühle.

Gerti Binz


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