Weg der Selbsthilfe bei psychischer Erkrankung
30.08.2016 Aktuell, Bildung, Region, Burgdorf, GesellschaftDie Wiedergesundung – englisch Recovery – ist das Ziel. «Warum wurde ich krank – warum ausgerechnet ich?», fragen sich viele psychisch Erkrankte, wobei nach Ansicht von Fachleuten die Frage «Wie werde ich wieder gesund?» zielführender wäre. Für Karl Madörin, Leiter ambulante Gruppentherapien am Psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental, ist Recovery ein Gesundungsprozess: «Beim Akzeptieren dessen, was wir nicht werden tun oder sein können, beginnen wir zu entdecken, wer wir sein können und was wir tun können. Recovery findet dann statt, wenn Menschen mit ihrer speziellen Lebenslage gut zurechtkommen.» Der Austausch in der Gruppe soll diesen Akzeptanz- und Selbstheilungsprozess unterstützen.
«D’REGION»: Wer hat den Infoanlass vom 31. August initiiert, an wen richtet er sich, und was dürfen die Teilnehmenden erwarten?
Verena Christen: Eine Projektgruppe des Psychiatrischen Dienstes hat für diesen Anlass die Initiative ergriffen. Zielpublikum ist die Bevölkerung der Region. Wir werden an diesem Abend – ganz im Sinne des Recovery-Gedankens – den Schwerpunkt nicht auf psychische Erkrankungen und deren Symptome sowie Folgen legen, sondern – im Gegenteil – auf Möglichkeiten und Wege der Gesundung und der Selbstermächtigung – genannt Empowerment.
«D’REGION»: Wie ist der Anlass mit Christian Feldmann, Raoul Ris und Ihnen aufgebaut – wer wird worüber sprechen?
Verena Christen: Nach einer grundsätzlichen Einführung in die Haltung und das Vorgehen der Recovery-Bewegung werden Christian Feldmann und ich die bestehende Recovery-Gruppe vorstellen und über unsere Erfahrungen berichten. Raoul Ris
wird danach das «Zeitungsprojekt» präsentieren, welches noch im Aufbau ist. Ergänzend dazu wird Christian Feldmann über seinen eigenen Weg zur Gesundung und zum Peer-Mitarbeiter berichten. Der dritte Teil des Abends soll Raum bieten, um Fragen zu klären, Erfahrungen auszutauschen und erste Kontakte zu den beiden Gruppen zu knüpfen.
«D’REGION»: Was bedeutet der Begriff Peer-Arbeit?
Verena Christen: Peer-Arbeit bedeutet, dass Menschen mit Erfahrung in psychischer Erschütterung und Genesung ihr reflektiertes, persönliches Erleben zur Unterstützung von Betroffenen einsetzen und somit als «Expertinnen und Experten aus Erfahrung» tätig werden.
«D’REGION»: Wie geht es nach diesem Infoanlass weiter – sind Fortsetzungsveranstaltungen geplant, bei denen es primär um den Austausch unter Betroffenen und Ratschläge von Fachleuten geht – und für welche Zeitspanne sind weitere Anlässe vorgesehen?
Christian Feldmann: In der alle zwei Wochen stattfindenden «Recovery-Gruppe für Genesung und Wohlbefinden» steht der Austausch in der Gruppe im Zentrum. Es geht darum, aus den Erfahrungen der anderen Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer zu lernen. Die beteiligten Fachleute haben die Aufgabe, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihrem Weg zu unterstützen, aber: Jeder soll Experte in eigener Sache werden!
Der Informationsanlass dient auch dazu, die Eintrittsschwelle in die beiden Gruppen tief zu halten. Wir hoffen, die anwesenden interessierten Menschen ermutigen zu können, ihren eigenen Gesundungsprozess, der in den meisten Fällen schon angelaufen ist, zu vertiefen. So beispielsweise durch die Teilnahme an einem oder an beiden der vorgestellten Recovery-Projekte.
«D’REGION»: Der Psychiatrische Dienst Emmental beteiligt sich an Recovery-orientierten Projekten. Was kann sich der Laie unter Recovery vorstellen?
Christian Feldmann: Recovery heisst übersetzt unter anderem «Wiederentdeckung». In einer psychischen Krise und Erkrankung geht oft der Bezug zu den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten verloren. Man erlebt sich als mut- und hoffnungslos. Recovery versucht, dort anzusetzen, wo die eigenen Stärken und Ressourcen liegen. Eigentlich geht es darum, die Selbstwahrnehmung auf jenes zu lenken, das noch funktioniert, wo man sich noch als kräftig erlebt, was Freude und Hoffnung macht. Es gilt, den aufgetretenen Schwierigkeiten ein Gegengewicht gegenüberzustellen. Recovery ist ein ganz persönlicher Prozess der Veränderung von Verhalten, Werten, Gefühlen, Zielen, Fähigkeiten und Rollen. Das Paradoxe an Recovery ist: Beim Akzeptieren dessen, was wir nicht werden tun oder sein können, beginnen wir zu entdecken, wer wir sind und was wir tun können. Recovery ist also eine Art zu leben.
«D’REGION»: Wo sehen Sie die Vorteile von Recovery – ist Recovery eine Art Ersatz für bisherige, nicht mehr im Angebot stehende Dienstleistungen?
Verena Christen: Recovery ist kein Ersatz, aber eine wichtige Ergänzung zu den bestehenden Angeboten im Rahmen der psychiatrischen Grundversorgung der Bevölkerung.
«D’REGION»: Wie können Sie das Projekt «Zeitung» umschreiben – und an wen richtet es sich?
Rauol Ris: Das Projekt basiert auf drei verschiedenen Ebenen: Erstens und zentral ist eine alltägliche Geschichte, ein Erlebnis. Diese Geschichte soll mit Hilfe der anderen Kursteilnehmenden sichtbar gemacht und in Zeichnung sowie Bild festgehalten werden. Die Geschichte muss nicht zwingend in einem psychiatrischen Zusammenhang stehen. Zweitens soll durch «Landschaftsmalerei» in der Umgebung der Buchmatt die subjektive Wahrnehmung durch die objektive, sichtbare Realität überprüft und achtsam wahrgenommen werden. Drittens soll durch die Inszenierung eines Wunschporträts von sich selbst neuer persönlicher Entwicklungsraum entstehen. Es soll versucht werden, neue innere Erinnerungen zu finden, Spuren von Bildern und Tönen, mit denen die alten Erinnerungsmuster und Gedankenvernetzungen «überschrieben» werden können. Ganz gelöscht werden sie nie. Inhalt des Kurses ist, durch die Erzählung zu einer Geschichte zu kommen und so zu einem Gesicht – und durch die Mitarbeit an anderen Geschichten in deren Erzählung wesentlich zu werden. Der Mensch ist, wie er ist. Krank macht die Empfindung, irgendwie «falsch» zu liegen, und die Verzweiflung, gar nicht «richtig» werden zu können. Die gestalterische Arbeit vermag durch ihre materielle Direktheit und ihre sinnliche Berührbarkeit mit Augen, Ohren und Händen «Anker im Hier und Jetzt» zu sein. So entsteht aus Erzählung neue Erzählung. Der Kurs wird in Blöcken von sechs Dienstagnachmittagen von je drei Stunden durchgeführt. Es gibt keine Aufnahmekriterien, und gestalterische Vorkenntnisse sind nicht nötig. Der Kurs ist kostenlos.
«D’REGION»: Richtet sich der Infoanlass vom 31. August primär an die Angehörigen von Personen, die in einer psychischen Krise stecken, während die weiteren Veranstaltungen dann von Betroffenen sowie Angehörigen von Betroffenen gemeinsam besucht werden?
Verena Christen: Die Recovery-Gruppe richtet sich primär an Betroffene, während das Zeitungsprojekt offen ist für alle Menschen im Umfeld des Psychiatrischen Dienstes Emmental, also nicht nur für Patienten.
«D’REGION»: Wie werden die Recovery-Projekte finanziert?
Verena Christen: Die Recovery-Gruppe wird im Rahmen der psychiatrischen Grundversorgung vom Psychiatrischen Dienst Emmental in Zusammenarbeit mit den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern – UPD – getragen.
Das Projekt «Zeitung» hingegen wird ermöglicht durch einen grosszügigen Unterstützungsbeitrag des Werner-Kummer-Fonds, was wir an dieser Stelle verdanken.
«D’REGION»: Sollte man sich für den Infoanlass vom 31. August anmelden – und wenn ja, wo?
Verena Christen: Eine Anmeldung ist nicht nötig. Für die Vorbereitung wäre eine kurze telefonische Mitteilung an das Sekretariat, 034 421 27 70, hilfreich.
«D’REGION»: Haben Sie selber schon Erfahrungen mit Recovery-Projekten sammeln können oder stützen Sie sich auf positive Rückmeldungen von bereits in Recovery-Projekten involvierten Fachleuten?
Christian Feldmann: Durch Teilnahme am trialogisch aufgebauten Psychose-Seminar – Gruppenaustausch unter Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen – sowie später in der Begleitung eines Dozenten bei Weiterbildungen wechselte ich die Perspektive vom akut Betroffenen zum Experten aus Erfahrung. Unter anderem dieser Rollenwechsel befähigt mich, meine Krankheitserfahrung nun als Gewinn von Lebensqualität zu sehen.
Zu den Personen
Raoul Ris arbeitet als Bildermaler und Zeichner in Bern. Seine bildnerischen Arbeiten erweitert er durch Texte, Musik und Schauspiel – bis hin zu Erzählungen. Von 2013 bis 2015 arbeitete er als Peer-Mitarbeiter in der Begegnungsgruppe des Psychiatrischen Dienstes Emmental.
Christian Feldmann arbeitet seit 2015 im Wohnverbund der UPD Bern in Oberburg als Peer-Worker und initiierte
eine Recovery- Gesprächsgruppe in Burgdorf. Zudem ist er in der Selbsthilfe aktiv und stellt sich für Weiterbildungen als Experte aus Erfahrung zur Verfügung.
Verena Christen ist Pflegefachfrau, hat langjährige Erfahrung auf einer Akutstation und in der Tagesklinik. Seit 2012 ist sie Co-Bereichsleiterin des Ambulanten Zentrums Buchmatt.
Karl Madörin ist Sozialpädagoge. Er leitet die ambulanten Gruppentherapien am Psychiatrischen Dienst des Spitals Emmental und ist Angehörigenberater am Psychiatrischen Dienst Emmental.
Hans Mathys
