Eine halbe Million Franken für Wunderkammern

  30.09.2016 Aktuell, Politik, Burgdorf

Die Sitzung beginnt mit Gelächter. Kürzlich ist in der Oberstadt ein neuer Bankomat eingeweiht worden, was einen ganzen Tag lang im Radio «gefeiert» worden ist. Verschiedene Voten von Anwesenden bei dem «grossen Ereignis» sind pointiert
aufs Korn genommen worden, Anflüge von Hohn und Spott sind unüberhörbar. Man kann den Spiess auch umdrehen, denn «die Werbewirkung für Burgdorf war einmalig», so ein Beteiligter.

Gut investiertes Geld
Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch ersucht die Ratsmitglieder mit eindringlichen Worten, sich ein letztes Mal für das Schloss Burgdorf einzusetzen und den beantragten Inves­titionskredit von 500 000 Franken für die Umsetzung des neues Museums­konzeptes zu sprechen: «Damit nehmen wir die letzte Hürde und ermöglichen dem Schloss mit Jugendherberge, Museum und Gastronomie einen erfolgversprechenden Start.» Das Konzept beruhe auf der Durchdringung von Jugendherberge und Museum, wobei die Räume der Jugendherberge sowohl als Schlaf- oder Aufenthaltsraum dienen, aber auch auf verschiedene, den Räumen angepasste Arten mit Objekten aus den Museumssammlungen bestückt werden. Das dürfte gemäss der Vorlage «dazu führen, dass sich das Schlossmuseum mit seinen Wunderkammern gemäss dem siegreichen Projekt der Arbeitsgemeinschaft Groenlandbasel /Fischteich als einzigartiges und überraschendes Schlossmuseum präsentieren kann und dank immer wieder erfolgender Umgestaltung der Wunderkammern die Besucher wiederholt anzieht». Elisabeth Zäch spricht von «Freiraum, Spielraum und Fantasien, alles soll und kann auf dem Schloss Platz finden. Einzigartig, spannend, überraschend und alle fünf Jahre neu gestaltet», verspricht sie.

Kein finanzielles Risiko
Da der Investitionskredit erst fällig wird, wenn eine ausreichende Finanzierung gewährleistet ist, verneint Elisabeth Zäch ein finanzielles Risiko für Burgdorf. Die Gesamtfinanzierung der Wunderkammern Schloss Burgdorf wird auf 1 990 000 Franken veranschlagt. Bei Minderkosten müsse die Differenz anteilmässig an die Stadt zurückbezahlt werden, soweit das die Auflagen für die kantonalen Beiträge zulassen. Die Finanzierung ist wie folgt geplant: Stadt Burgdorf 500 000 Franken (gesprochen); Kanton Bern 800 000 Franken (beantragt); Eigenleistung IG Kulturschloss 50 000 Franken (zugesichert); Schweizer Jugendherbergen 100 000 Franken (zugesichert); Anteil aus dem Gesuch an innotour 200 000 Franken (ge­plant); Rittersaalverein 30 000 Franken (zugesichert); Gesuche an Stiftungen 310 000 Franken (geplant).
Laut der Stadtpräsidentin würde der «Burgdorfer Beitrag ans Museumskonzept dem Schloss die Krone aufsetzen. Packen wir die Chance!» Damit rennt sie – wie sich in der folgenden Umfrage im Rat zeigt – offene Türen ein, denn sämtliche Parteisprecher äussern sich positiv zum Antrag. Die FDP empfiehlt, zusätzliche Investoren zu suchen, die SVP will künftig nichts von neuerlichen Kosten hören. Genau wie die SP danken alle für die grosse und erfolgreiche Arbeit, die Unterstützung verdiene. Die Sprecherin der Grünen hebt das erfolgversprechende Museumskonzept mit den drei Pfeilern hervor, was eine grosse Chance für die Oberstadt darstelle. Die GFL empfiehlt, das langfristige Umsetzungskonzept im Auge zu behalten. Die Legislative stimmt dem Kredit oppositionslos mit 37 zu 0 zu.

Reglement anpassen
«Nachdem 2015 die Verleihung des 7. Burgdorfer Sozialpreises infolge mangelnder reglementskonformer Bewerbungen nicht stattfinden konnte, haben wir das Reglement vereinfacht und freier gestaltet», erläutert Charlotte Gübeli, Gemeinderätin Ressort Soziales. Gleich bleibt hingegen der Grundsatz, dass die freiwillige oder ehrenamtliche Leistung der hiesigen Bevölkerung und die Förderung der Integration von Personen, die aus sozialen, psychischen oder gesundheitlichen Gründen eingeschränkt sind, anerkannt wird. Dafür ist der Burgdorfer Preis für soziales Engagement vorgesehen, der an Einzelpersonen, Gruppen, Vereine und Organisationen verliehen werden kann. Es geht darum, diesen die Wertschätzung für ihre Arbeit auszudrücken.
Nach einigem Hin und Her beschliesst der Stadtrat, dass künftig die vorgenannten möglichen Gewinner auf Vorschlag der Sozialkommissionsmitglieder nominiert werden. Anschliessend bewertet die Sozialkommission die Nominationen nach den Grundlagen der Jurierung und stellt dem Gemeinderat einen oder mehrere Anträge zur Verleihung des Preises, worauf Letzterer endgültig über die Verleihung entscheidet. Das Preisgeld beträgt 8000 Franken, das auch auf mehrere Gewinner/innen aufgeteilt und als Geld- oder Sachleistung ausgerichtet werden kann. Um eine geringfügige Änderung im Reglement zu erreichen, spannen für einmal die Mitglieder von SP und SVP zusammen und feiern dieses «Vorgehen» beim späteren Umtrunk im Stadthaus als «historisches Ereignis».

Erweiterung Freibad Burgdorf
Tobias Kälin und Michael Ritter (GFL) haben am 1. Februar 2016 vom Gemeinderat eine Machbarkeitsstudie für eine Erweiterung des Freibades Burgdorf gefordert. Ähnliche Vorstösse hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben, aber die räumlichen Verhältnisse rund ums Freibad und das festgeschriebene Verdikt, dass von der Schützenmatte kein Meter mehr zweckentfremdet werden darf, haben alle Erweiterungswünsche verunmöglicht. Dazu kommt, dass die Burgdorfer Finanzen in nächster Zeit kein solches Grossprojekt verkraften könnten.
Zur Erinnerung: Das 1929 neben der Emme errichtete Freibad war auch zu dieser Zeit nicht gratis und die Stadtkasse nicht übervoll, sondern die Badi konnte – angeblich – mit Nach- und Strafsteuern eines einheimischen Unternehmers finanziert werden, weshalb die Hohen Herren von Burgdorf dieses Geld der Bevölkerung gemäss dem Motto «Steuern zahlen macht Sinn» zum Badeplausch zukommen liessen.
In der Diskussion zeigt sich, dass beispielsweise eine Volleyballanlage ganz nett wäre, aber dafür keinesfalls die von zahlreichen Vereinen und Schule genutzte Badimatte geopfert werden sollte. Zum heutigen Zeitpunkt könne die Finanzierung einer fundierten Machbarkeitsstudie und ganz sicher nicht eine folgende Freibad­erweiterung erfolgen. Die Ratsmehrheit nimmt entsprechend dem Antrag des Gemeinderates vom Bericht Kenntnis und schreibt den Auftrag – wie sogar von Ritter erwartet – mit 25 Ja zu 3 Nein bei 9 Enthaltungen ab.

Zufriedenstellende Situation
Zum gleichen Vorgehen entschliesst sich die Legislative beim Auftrag der SP-Fraktion betreffend «alternative Asylunterkunft sowie Bereitstellung von Wohnraum für mindestens fünf Flüchtlingsfamilien». Charlotte Gübeli informiert über die Flüchtlingssituation im Emmental und zeigt anhand von Zahlen die gegenwärtige Unterbringung dieser Menschen in Burgdorf auf. Sie ersucht die Ratsmitglieder, allfällige Wohnmöglichkeiten der für die Betreuung zuständigen Flüchtlingshilfe Heilsarmee zu melden, wobei die Mieten für vier Personen auf 900 Franken pro Monat, die für fünf Personen auf 1050 Franken pro Monat limitiert sind. Bisher konnten so vier Wohnungen in Burgdorf vermittelt werden.
Der Vertrag betreffend die Flüchtlingsunterkunft im Lindenfeld, der im September ausgelaufen ist, kann verlängert werden. Die SP zeigt sich mit dem geschilderten Stand der Asylunterkünfte in Burgdorf zufrieden und stimmt dem Antrag des Gemeinderates gleich wie die anderen Parteien einstimmig zu.
Gerti Binz


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