Berner Fachhochschule Burgdorf

| So, 19. Feb. 2017

BURGDORF: Schwer enttäuscht bis richtig wütend – breite Kreise fühlen sich hintergangen, da vor der Abstimmung im Grossen Rat über die BFH-Standorte wichtige Informationen vorenthalten worden sind. red

Jahrelang kämpft Burgdorf mit grossem Einsatz und unterstützt von zahlreichen Politikern und Wirtschaftsvertretern aus der Agglomeration und Kreisen bis ins Oberland darum, als Standortgemeinde der Berner Fachhochschule – das frühere Technikum (Tech) – erhalten zu bleiben. Schliesslich kommt nicht zuletzt dank des Verhandlungsgeschicks der früheren Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch, selber Mitglied des Grossen Rates, ein Kompromiss zustande.

Angeblich unmöglich
Burgdorf plädiert nicht länger für die vom Regierungsrat vehement abgelehnte Aufspaltung des allseits begehrten Departementes Wirtschaft, Gesundheit und Soziale Arbeit (WGS) und die Verlegung von mindestens einer Sparte nach Burgdorf und fügt sich der ultimativen Forderung, alle drei Bereiche müssten zwingend an einem Standort angesiedelt sein – nämlich in Bern. Dafür solle Burgdorf in den vorhandenen kantonalen Liegenschaften auf dem Gsteig und im Tiergarten die «Lädere» sowie ein TecLab (Cleantech-Kompetenzzentrum) erhalten und demzufolge «eine renommierte Schulstadt und BFH-Standort» bleiben.
Die BFH ist am 1. Oktober 1997 gegründet worden und verfügt heute über fünf kantonale Departemente und eine angegliederte Hochschule (Eidg. Hochschule für Sport in Magglingen). Die fünf Departemente umfassen: 1. Architektur, Holz, Bau; 2. Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften; 3. Hochschule der Künste Bern; 4. Technik und Informatik; 5. Wirtschaft, Gesundheit, Soziale Arbeit.
Zum Schluss der Verhandlungen mit der BFH-Schulleitung ist es darum gegangen, den Bereich Wirtschaft nach Burgdorf in die bereits bestehenden kantonalen Gebäude und die wesen­tlich günstigeren Neubauten zu verlegen. Dem Einwand, eine Aufteilung sei keinesfalls möglich, beugt sich Burgdorf schliesslich.

Das Wichtigste verschwiegen
Jetzt wird durch die Berichterstattung in «Bund» und «Berner Zeitung» bekannt, dass den Mitgliedern des Grossen Rates wichtige Informationen vorenthalten worden sind. Schon während der Zeit, als «Burgdorf um Verständnis, Vernunft und Verzicht auf eines der vorgenannten Departemente aus dem zwingenden Grund eines einzigen Standortes – und der sollte unbedingt in Bern liegen – ersucht worden ist», bestehen Pläne für deren Aufspaltung. Welche aber geflissentlich unter dem Deckel gehalten werden.
Dabei wird jetzt bekannt, dass schon vor vielen Monaten und vor der definitiven Abstimmung im Grossen Rat darüber diskutiert worden ist, das WGS-Departement in die drei vorgenannten Hauptsparten mit unterschiedlichen Standorten aufzusplitten. Anregungen und Diskussionen in diese Richtung haben Regierungsrat, Erziehungsdirektion und Fachhochschule über Monate und Jahre «als völlig unrealistisch und realitätsfern» abgelehnt. Nicht wenige Grossräte und vor allem Burgdorfer Politiker und Wirtschaftskreise fühlen sich jetzt hintergangen.

Seriöse Infos sehen anders aus
Wie der neu gewählte Burgdorfer Stadtpräsident Stefan Berger nach Bekanntwerden diverser Einzelheiten betont, «konnten sich diverse Personen in der Fachhochschule durchaus vorstellen, dass einzelne Fachbereiche oder sogar das gesamte WGS-Departement nach Burgdorf verlegt würden». Inzwischen ist bekannt, dass die drei Leiter der Fachbereiche Wirtschaft, Gesundheit und Soziale Arbeit den Schulrat – das strategische Führungsorgan der BFH – im August 2015 schriftlich informiert haben, sie könnten sich einen Umzug nach Burgdorf vorstellen. BFH-Rektor Herbert Binggeli sei allerdings ausdrücklich gegen einen Standort Burgdorf gewesen. Jürg Römer hat bis Juli 2016 die Leitung des Fachbereiches Wirtschaft innegehabt. Der Verbleib eines einzelnen oder des gesamten WGS-Departements in Bern sei aus strategischen Überlegungen erfolgt und nicht wegen der Standortfrage, betont Römer, der in einem Umzug nach Burgdorf sogar Vorteile gesehen hätte. Das vor allem deshalb, weil es im Emmental und Oberaargau mehr mittlere Unternehmen (KMU) als im Raum Bern gibt, die bekanntlich zu den Hauptkunden des Departementes Wirtschaft gehören.

Abgänge und Schweigen
Interessant sind in diesem Zusammenhang die Abgänge bei der Berner Fachhochschule: Im Juli 2016 zieht Römer nach einem Streit mit seinem Vorgesetzten Thomas Hodel einen Schlussstrich unter seine Tätigkeit bei der BFH, da Römer für eine Aufteilung und Hodel gegen eine solche ist. Als der Schulrat im Dezember 2016 bekannt gibt, das Departement nun doch aufteilen zu wollen, geht auch Hodel.
Auf persönliche Konsequenzen bei Binggeli und Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne), der als Erziehungsdirektor eng mit der Problematik BFH und deren Standorten verbunden ist, warten verbitterte Kreise in und um Burgdorf vergeblich. Binggeli sieht sich seit Anfang Februar mit dem Vorwurf konfrontiert, bezüglich der «niemals stattfindenden Aufteilung der WGS-Departementes» nicht die Wahrheit gesagt zu haben, da eine solche Aufteilung seit mindestens 2015 hinter verschlossenen Türen zur Diskussion gestanden ist. Verschiedene Mitglieder des Grossen Rates werfen ihm nun vor, vom WGS-Departement nur als einem «Alleinstellungsmerkmal mit unverzichtbarer Standortkonzentration» gesprochen und die Aufteilungspläne aus strategischen Überlegungen verschwiegen zu haben.

Relative Wahrheit
Wie der «Bund» schreibt, hat Elisabeth Zäch als Mitglied der Bildungskommission des Grossen Rates am 26. Februar 2016 Binggeli während einer Sitzung ausdrücklich gefragt, ob «geplant ist, das Departement WGS zusammen zu lassen? Es wäre etwas merkwürdig, das Departement Wirtschaft herauszulösen, nachdem man gesagt hat, man wolle departementsübergreifend konzentrieren.» Worauf Binggeli geantwortet habe: «Das Departement WGS bleibt in der heutigen Form bestehen.» Die Folge davon: Nicht wenige sind erbost darüber, dass «Binggeli nicht die Wahrheit gesagt hat». Er selber sieht das anders: «Damals sind zwei Varianten zur Diskussion gestanden; eine Entscheidung war aber noch nicht gefallen.» Er hätte die seinerzeitige Aussage relativieren sollen. Womit er nach Meinung einiger Burgdorfer in die Nähe der momentan in USA praktizierten «relativen Wahrheit» rückt oder nach verbitterten Politikern und anderen «schlicht die Unwahrheit gesagt hat».
In den gleichen Topf werfen diese Erziehungsdirektor Pulver, der nach eigenen Aussagen «vage etwas von Departementsaufteilung gehört, aber keine Informationen nach aussen weitergegeben hat, da das eine Aufgabe der Fachhochschule ist». Und schliesslich habe er «ausdrücklich davor gewarnt, solche Aufteilungspläne publik zu machen». Gemäss seinen Aussagen von letzter Woche im «Bund» hat er sich nach eigener Meinung «korrekt verhalten».

Zuckerbrot und Peitsche
Auf die Frage, ob es jetzt zu einer neuen Standortbestimmung im Grossen Rat kommen werde, führt er aus: «Bei einer Debatte im Grossen Rat mit anschliessender Abstimmung käme wahrscheinlich das gleiche Ergebnis heraus. Doch es könnte auch anders ausfallen. Dann stünde Burgdorf mit leeren Händen da, das TecLab würde nicht realisiert und die Fachhochschule mit den Berner Departementen an ihren jetzigen Adressen belassen, auch wenn diese verzettelt wären.»
Einem Umzug des Departements Wirtschaft nach Burgdorf räumt er kaum Chancen ein, da «diese Variante generell schlechter ist als andere. Synergien könnten nicht realisiert werden; alles würde teurer». Diese Ausführungen werden grundsätzlich bestritten, wofür die frühere Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch diverse Gutachten vorgelegt hat. Die steigende Zahl der Verfechter einer Verlegung der «Wirtschaft» nach Burgdorf beharren auf dem Gegenteil.

Schulrat der BFH
Laut Internet ist der BFH-Schulrat «als strategisches Führungsorgan der BFH dem Kanton gegenüber zuständig für die Positionierung der Hochschule. Er beschliesst auf der Grundlage des Leistungsauftrages des Regierungsrates die Strategie und das Budget der BFH. Er überwacht die Umsetzung des Leistungsauftrages und die Einhaltung des Budgets».
Dem Schulrat gehören sieben vom Regierungsrat gewählte Mitglieder (nicht aus der BFH), der Rektor (Rektorin) sowie je eine Vertretung der Dozierenden und der Studierenden an. Weiter entsenden die Fachhochschulleitung und die Erziehungsdirektion des Kantons Bern je eine Vertretung mit beratender Stimme. Als Präsident amtet Markus Ruprecht, CEO der Güdel AG Langenthal, als Vize Professor Dr. Reto Steiner, Geschäftsführer Schweiz. Institut für öffentliches Management Bern. Mitglieder sind unter anderem Prof. Dr. Herbert Binggeli und Dr. Regula Gloor, Burgdorf. Für die operative Führung ist die elfköpfige Schulleitung zuständig. Den Vorsitz hat Rektor Herbert Binggeli. Und dieser votiert seit Jahren gegen einen BFH-Standort Burgdorf. Seit Tagen laufen im Kanton Bern die Telefone heiss: Politiker und Interessengruppe klären ab, ob ein neuer Grossrats-Beschluss bezüglich der Standortfrage Wirtschaft sinnvoll und aussichtsreich ist. Der Burgdorfer Gemeinderat hat sich an seiner gestrigen Sitzung mit dieser Frage beschäftigt.

Rückkommensantrag im Grossen Rat

Burgdorfs Stadtpräsident Stefan Berger hält zu Beginn seiner Ausführungen betreffend das Verschweigen wichtiger Details vor der Abstimmung im Grossen Rat fest: «Ich selber und viele andere fühlen sich ‹veräppelt› vom Verhalten der verantwortlichen Fachpersonen wie BFH-Rektor Herbert Binggeli und Regierungsrat Bernhard Pulver, die von der lange geplanten Aufteilung des WGS-Departements in die Einzelsparten Wirtschaft, Gesundheit und Soziale Arbeit gewusst und das verschwiegen haben. WGS müsse wegen der Gesundheit in der Nähe des Universitätsspitals Insel bleiben und damit unbedingt in Bern, hiess es. Nach der jetzt bekannt gegebenen Aufspaltung ergibt sich eine völlig neue Ausgangslage. Somit muss die Standortfrage für das neue Einzeldepartement Wirtschaft neu beurteilt werden.» Das bisherige Vorgehen lasse bezüglich Informationspflicht und Demokratieverständnis bei einigen zu wünschen übrig.
 
Versprochenes sichern
Für Berger ist klar, dass dem Entscheid, die Technische Fachschule «Lädere» nach Burgdorf zu holen und die Einrichtung des TecLabs nicht zu gefährden, Rechnung getragen werden müsse. Zusätzlich will er sich mit zahlreichen anderen für einen Umzug des BFH-Departementes Wirtschaft nach Burgdorf starkmachen, das hier einen wesentlich besseren Standort als in Bern vorfinden würde. Berger stellt zur Diskussion, dass Lädere und TecLab näher zusammengeführt im Tiergarten beheimatet werden könnten und das BFH-Departement Wirtschaft auf dem Gsteig untergebracht würde. «Damit kann den – eigentlich unsinnigen – Behauptungen, die Wege zwischen Tiergarten und Gsteig seien zu lang, entgegengewirkt werden.» Immerhin stehen die Gebäude beider bisherigen BFH-Departemente auf kantonalem Grund. Da für die Lädere sowieso neu gebaut werden muss, kann Burgdorf die benötigten Räumlichkeiten im Tiergarten realisieren und die Wirtschaft im Bereich des ehemaligen «Tech» auf dem Gsteig. Hier würde ein Neubau nötig.
 
Wir alle wurden verschaukelt
In den letzten Tagen hat Berger diverse Gespräche – vor allem mit Wirtschaftsvertretern – wegen der neuen Situation rund um das aufzuteilende WGS-Departement geführt. «Alle kommen sich ausnahmslos gleich verschaukelt vor wie ich», hält er fest. «Wir wollen gemeinsam ein Konzept entwickeln, damit wir das Versprochene nicht gefährden und trotzdem die Wirtschaft nach Burgdorf bringen.»
Immerhin hat sich der Grosse Rat unmissverständlich dafür ausgesprochen, dass Burgdorf auch in Zukunft als BFH-Standort erhalten bleiben muss. Der Umzug der Wirtschaft würde das untermauern. Bereits seit 1891, als sich die Kantonsregierung für den Bau des Technikums in Burgdorf statt in Bern entschieden hat, glänzt die Stadt als Bildungsstätte.
 
Regionale Verankerung
Berger weist auf die BFH-eigene Strategie der «regionalen Verankerung als Ausgangspunkt» hin, wonach starke Partnerschaften und die geografische Nähe zu universitären Instituten und Kliniken, zu kantonalen und Bundesbehörden sowie zu Kultureinrichtungen gewünscht sind. Hier ist anzumerken, dass die Infrastruktur in wirtschaftlicher Hinsicht bezüglich leistungsstarker KMUs und Medizinalinstitutionen in und um Burgdorf hervorragend ausgestaltet ist. «Teilweise besser als in Bern», haben führende Köpfte dem BFH-Schulrat schriftlich mitgeteilt und sind ausgebremst worden.
«Folglich muss der Standortentscheid betreffend die Wirtschaft noch einmal angesehen werden. Ich werde in der grossrätlichen Bildungskommission für eine Verlegung der Wirtschaft nach Burgdorf kämpfen», bekräftigt Berger. Daneben stellt er den Campus Biel mit den zugesicherten Departementen «keinesfalls in Frage» und votiert gleichzeitig für einen Verbleib des Departementes Gesundheit in Bern neben der «Insel».
 
Regeln einfach ändern
Berger erinnert an die mehrfach wechselnden Beurteilungskriterien bezüglich eines Campus-Standortes Burgdorf. Sobald sich nach fundierten Gutachten gezeigt hat, dass fälschlicherweise bemängelte Nachteile jeglicher Grundlage entbehren, hat der BFH-Schulrat mehrfach die Regeln geändert, um Vorteile unwichtig werden zu lassen. «Damit muss nun Schluss sein. TecLab und Lädere sind in Burgdorf höchst willkommen, aber bis heute mit vielen Unsicherheiten behaftet. Gemäss vorliegendem BFH-Zeitplan sollen die neuen Campusgebäude von Biel und Bern in fünf bzw. sieben Jahren bezogen werden. Für Burgdorf besteht bis über das Jahr 2026 hinaus nach einem Zeitplan für Kreditsprechungen (2018 Kredit Wettbewerb, 2020 Kredit Projektierung, 2023 Ausführungskredit) keine weitere Planung für die Ausführung der Neubauten und eine Inbetriebnahme. Vielleicht ist bis dahin das Geld längst ausgegangen. Das bedeutet für mich ein riesiges Fragezeichen.» Wenn dann noch bei der nächsten kantonalen Sparrunde die Lädere von der Priorität A hinuntergestuft wird ins B, fehlen auch hier die Gelder. Die Technische Fachschule könnte am alten Standort in Bern verbleiben oder im schlimmsten Fall aufgehoben werden. Dann wird auf dem «Tech»-Areal ein neues Gymnasium gebaut und alles andere löst sich in Rauch auf. Dagegen sollte der Campus Biel im Herbst 2022, der in Bern 2024 bezogen werden. «Wo bleibt da Burgdorf?» Abschliessend bekräftigt Berger nochmals: «Ich werde mich so engagiert wie möglich mit Gleichgesinnten für ein Departement Wirtschaft in Burgdorf einsetzen.»

Gerti Binz

 

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