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Bisweilen verschwindet das Wasser völlig

| Di, 23. Okt. 2018

EMME: Infolge der Hitzeperiode sinken die Wasserpegel in Flüssen und Bächen beträchtlich; streckenweise präsentiert sich das Flussbett der Emme völlig trocken. Einige Fische mussten aus akut gefährdeten Situationen, wie etwa bei der Emme-Abtrockung in Aefligen, gerettet werden.

Fachleute datieren den Beginn der sommerlichen Hitzeperiode 2018 um Monate zurück, in denen ausser wenigen Regentropfen keine nennenswerten Niederschläge zu verzeichnen gewesen sind. Die Auswirkungen des diesjährigen Sommers mit ungewöhnlich hohen Temperaturen und fast keinem Regen hinterlassen auch Spuren in der Emme: Der Flusspegel ist gesunken, teilweise hat sich die Emme durch die Flusssohle bis ins Grundwasser zurückgezogen, um nach einer gewissen Distanz wieder an die Oberfläche zurückzukehren. Einzelne Streckenabschnitte präsentieren sich völlig trocken. In Utzenstorf sind fluss­abwärts sogar bewachsene «Inselchen» im nur von Rinnsalen durchzogenen Flussbett zu bewundern.

Bedrohte Fischbestände
Hans Peter Oberhänsli, Lyssacher Delegierter im Schwellenverband Emme I, kennt wie seine sieben Kollegen von den Anstössergemeinden an der Emme (Lyssach, Kirchberg, Alchenflüh, Aefligen, Utzenstorf, Wiler, Zielebach) die Problematik des diesjährigen Hitzesommers für die bedrohten Fische in der Emme. Das ist aber nur eine der vielfältigen Aufgaben, mit denen sich der Bauingenieur mit jahrelanger Berufserfahrung bei den SBB und langen Auslandeinsätzen in Afrika und Asien befasst: Mit Grossprojekten im Zusammenhang mit Wasser – jetzt mit der Emme – hat er viel Erfahrung.
«Die meteorologischen Verhältnisse mit fehlendem Regen und aussergewöhnlich lang anhaltender Hitze präsentiert die Natur», hält er fest, «aber der Mensch kann – wie mit der in Arbeit befindlichen Revitalisierung ‹Ammeschache – Urtenensumpf› im Gebiet Schalunen und dem Kombiprojekt ‹Objekt 05› (Hochwasserschutz und Revitalisierung der Emme) – viel zur Verbesserung des Flussabschnittes beitragen.» Laut Planung soll im Naturschutzgebiet Emmeschachen dem Fluss seine volle Breite zurückgegeben werden, wovon auch die Fische mit neuen Unterschlupfmöglichkeiten profitieren. Dann kann der Fluss auch die neu entstandenen Auenwälder fluten und einen natürlichen Flusslauf bilden. Im Winter soll mit der Waldrodung für den neuen Dammbau begonnen werden.

Probleme bei Hoch- und Niedrigwasser
Beim Kombiprojekt Hochwasserschutz und Revitalisierung ist die Abflachung der Ufer mit Bauten für Fische und Vögel vorgesehen. «In diesem Bereich besteht ein Defizit beim Hochwasserschutz, was bei einem ‹Jahrhundert-Hochwasser› weitreichende Folgen hätte. Dieses Szenario hatten wir vor einigen Jahren im emmenahen Wohnquartier in Bätterkinden, als zahlreiche Liegenschaften in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Das wollen wir künftig verhindern.» Der Start für dieses Projekt ist für den Winter 2019 vorgesehen; derzeit befindet es sich in der Bauprojektphase. Die nötigen Landkäufe sind bis auf einen abgeschlossen. Beide Projekte tangieren die Gemeinden Utzenstorf und Bätterkinden.
Oberhänsli kommt nach den Erläuterungen zu Revitalisierung und Hochwasserschutz auf das Niedrigwasser der Emme zurück: «Im Bereich Lyssach – Kirchberg führt die Emme noch Wasser. Meistens sehr wenig, das heisst unter einem Kubikmeter pro Sekunde (1 m3/s). Weiter flussabwärts im Bereich der Emme-Birne versickert das Wasser durch das nicht verfestigte, aus bis zu zwei Metern dicken Kies- und Geröllschichten bestehende Flussbett ins Grundwasser. Es folgt ein langer Streckenabschnitt, auf dem der Betrachter die Emme als völlig ausgetrocknet wahrnimmt. Weiter unten im Bereich der vorgenannten Projekte findet das Wasser erneut den Weg zurück nach oben, wenn auch nur in kleineren Rinnsalen. Und das nur, wenn der Grundwasserspiegel hoch genug ist. Das war über relativ lange Zeit der Fall, jetzt partiell nicht mehr, weshalb es unbedingt regnen sollte.» Er erinnert an den nassen Frühling, der den Grundwasserspiegel ansteigen liess. Ausgeblieben sind die Gewitter im Emmental mit drei bis fünf sommerlichen Hochwassern der Emme mit 2–300 m3/s.

Rechtzeitig ausfischen
Oberhänsli bestätigt, dass die Emme in den gefährdeten Bereichen durch Mitglieder des Fischereivereins komplett ausgefischt worden ist. «Die speziell ausgebildeten Fischer erledigen das elektrisch. Die gefangenen Fische werden je nach Situation in genügend Wasser führende Bäche wie den Grundbach umplatziert, aus denen sie dieses Jahr bisweilen erneut umgesiedelt werden mussten. In einzelnen Schwellenbereichen konnten sich einige Fische ‹verstecken›, man hat sie nicht erwischt. Aber deren Chancen standen relativ gut im Vergleich zu den Fischen im Niedrigwasser, wo vor allem Krähen erfolgreich Jagd auf Jungfische gemacht haben.»
Er erinnert daran, dass die Emme vor Jahrzehnten auf 35 Meter Breite kanalisiert worden ist. Dadurch ist der Emmelauf bewusst abgesenkt worden, da die Einschränkung der Breite dazu geführt hat, dass sich der Fluss eingegraben hat. Im Bereich Utzens­torf – Bätterkinden liegt die Emme hier rund drei Meter tiefer als früher.»
Den normalen Wasserstand gibt er mit 30 bis 50 cm an, bei Hochwasser kann dieser allerdings auf drei bis vier Meter steigen. «Das hatte zur Folge, dass die Auenwälder in diesem Abschnitt gar nicht überflutet worden sind. Hier standen früher überschwemmungsresistente Bäume wie Weiden, Pappeln usw. Die sogenannten Weichholzauen haben sich zu Hartholzauen mit Eichen, Tannen und Buchen gewandelt. Mit den vorgängig genannten Massnahmen soll das rückgängig gemacht werden.»

Fische vor Turbinen
Oberhänsli erklärt, angesprochen auf die Wasserentnahme von Kleinwasserkraftwerken entlang der Emme aus dem Fluss, dass diese weiterhin ihre Turbinen für die Stromgewinnung laufen lassen können: «Leider sind die Kraftwerke gesetzlich nur verpflichtet, minimale Wassermengen (200 Liter pro Sekunde) für die Fischtreppen zur Emme zu garantieren. Die Werke haben gemäss einer für 15 Jahre erlassenen Verfügung das Recht, die gesamte – in der Emme befindliche – Restwassermenge zu entnehmen und über ihre Turbinen laufen zu lassen, bevor das Wasser ins Flussbett zurückfliesst.»
Derzeit laufen Untersuchungen, um die Restmengen in der Emme zu bestimmen, die den dortigen Fischen ein Überleben garantieren. In Versuchen sind 700, 900, 1200 und 2000 Liter Wasser pro Sekunde bei detaillierten Untersuchungen vom Wehr in die Emme eingelassen worden, um diejenige Menge zu ermitteln, bei der die Fische überleben können.
In Zusammenhang mit diesem Projekt läuft derzeit ein Verfahren, in dessen Verlauf die kantonalen Behörden mit den betroffenen Kleinwasserkraftwerk-Besitzern die künftigen Wassermengen aushandeln werden. Das bedeutet für die Werkbesitzer, dass sie künftig bei zu geringem Wasserstand keine oder nur kleinere Mengen Emmewasser abzweigen können.

Elektrisch ausfischen
Reto Bracher aus Kräiligen, Präsident des Fischereivereins an der Emme, zuständig für den unteren Abschnitt der Emme ab Zollbrück bis zur Kantonsgrenze: «Ab Ende Mai haben wir die sich stets verschlechternden Zustände betreffend der Wasserführung in der Emme beobachtet. Ende Juli erfolgte dann der erste Einsatz, um Fische aus akut gefährdeten Situationen zu retten. Das war bei der Emme-Abtrocknung bei Aefligen. Die Emme-Birne war komplett trocken, weshalb wir unterhalb bei der Schwelle elektrisch ausfischen mussten. Erst beim Wehr in Schalunen ist die Emme wieder an die Oberfläche gekommen.» Da solche Aktionen vom kantonalen Fischereiaufseher abgesegnet werden müssen, «haben wir die Einwilligung präventiv eingeholt und konnten bei Bedarf umgehend reagieren».
Bei der Schwelle konnten die Helfer rund 300 Fische herausnehmen: «Grös­stenteils Alet (Weissfische), daneben Groppen und Bachforellen. In der folgenden Woche kam – leider zu spät – die Meldung, dass Private bei der Schwelle in Aefligen ausfischen.» Ob es sich dabei um die Umsiedlung in Bäche oder den Kochtopf gehandelt hat, war nicht mehr festzustellen. Insgesamt konnten 30 Fische (mehrheitlich Bachforellen) gerettet und oberhalb von Burgdorf wieder ausgesetzt werden.
Infolge des niedrigen Wasserstandes haben zahlreiche Personen Flussabschnitte gemeldet, wo Rettungsaktio­nen nötig wären. Bracher hat wiederholt darauf hingewiesen, dass sich private Retter mit Netzen strafbar machen. «Nachdem das Wasser noch weiter zurückgegangen ist und die letzten Fische verschwunden sind, hat sich das Problem von allein gelöst.» Flussaufwärts oberhalb von Burgdorf haben diese Probleme nicht bestanden, hier hat die Emme immer genügend Restwasser geführt. «Allerdings mussten die abzweigenden Zuflüsse für Bäche und Kanäle reduziert werden, um die Fische zu schonen», erklärt Bracher. Diese Verfügung trifft eine kantonale Amtsstelle.

Gerti Binz

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