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7,6 Millionen Franken für Emme-Revitalisierung

| Mi, 20. Feb. 2019
Hans Peter Oberhänsli, Vizepräsident des Schwellenverbandes Emme 1

BÄTTERKINDEN/UTZENSTORF: Die heute kanalisierte Emme in den Abschnitten «Ämmeschache – Urtenesumpf» wird mit einem breit abgestützten Revitalisierungsprojekt ökologisch aufgewertet. Das Grossprojekt soll in rund drei Jahren abgeschlossen werden. red

Während das vor Jahrzehnten überall praktizierte Credo lautet: «Flüsse und Bäche kanalisieren» sind die Verantwortlichen durch die gemachten Erfahrungen heute vom Gegenteil überzeugt. Soweit immer möglich werden heute den Fliessgewässern die benötigten Überflutungsräume eingeräumt bzw. neu erstellt, um Lebensraum für Flora und Fauna zu schaffen. Das gilt auch für den oben genannten Abschnitt der Emme, der in einem von Fussgängern viel besuchten Auengebiet von nationaler Bedeutung liegt.

Sechs bis sieben Jahre Vorarbeiten
Hans Peter Oberhänsli, Vizepräsident des Schwellenverbandes Emme 1. Sektion, befasst sich als Projektverantwortlicher und treibende Kraft seit mehr als sechs Jahren mit dem jetzt vorliegenden Revitalisierungsprojekt Ämmeschache – Urtenesumpf. «Anfangs hat sich der Kanton mit den Vorbereitungsarbeiten beschäftigt», führt er aus. «Später ist das Ersuchen um Weiterbearbeitung des Revitalisierungsprojektes an den Schwellenverband herangetragen worden. Anfangs war unser Interesse daran nicht besonders gross, weil in diesem Emme-Abschnitt keine besondere Gefahr von Hochwasser bestanden hat», fährt Oberhänsli fort.
Nach einem detaillierten Augenschein vor Ort wird klar, dass sich die Verbauungen in schlechtem Zustand befinden. «Die Ufer sind mit Holzstämmen, die mit Eisenbahnschienen fixiert sind, oder Blocksatz gesichert; eine Sanierung wurde nötig.» Daraufhin haben die Verantwortlichen des Schwellenverbandes beschlossen, die Projektierung voranzutreiben. «Da es sich um ein Gebiet unter Bundesschutz handelt, das der Kanton nicht in Eigenverantwortung übernehmen konnte und wollte, erfolgte eine Zusage nur unter dem Vorbehalt ausreichender Subventionen.»

Grosszügige Subventionen
«Diese Frage konnte zufriedenstellend geklärt werden», so Oberhänsli. Die budgetierten Kosten von rund 6 Millionen Franken für die demnächst beginnenden Bauarbeiten werden gemäss Absprachen zu 4,8 Millionen Franken vom Bund und zu 1,02 Millionen Franken vom Kanton übernommen. Da die Kosten noch nicht definitiv beziffert werden können, muss der Schwellenverband mit fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten rechnen. Diese Summe bezieht sich auf die Bauarbeiten. Daneben fallen für die Bauherrenfunktion weitere Kosten an. Ein zu klärender Punkt betrifft die Abholzung auf Gemeindegebiet von Utzenstorf, wobei für dieses Gebiet ein Unterhaltsvertrag mit dem Kanton besteht. Wem also gehören die gefällten Bäume? Dem Kanton, der Gemeinde, dem Schwellenverband? Andererseits hat der Schwellenverband keine grösseren Aufwendungen für nötige Landkäufe entlang des Flusslaufes gehabt. Im anschliessenden Projekt laufen mit einem Liegenschaftsbesitzer noch Abklärungen.
Da verschiedene umliegende Liegenschaftsbesitzer ihr Wasser aus dem Grundwasser beziehen, lautet deren besorgte Frage: «Versiegt infolge der Bauarbeiten unser vom Grundwasser gespeistes Wasser, das wir innerhalb unseres Hauses beziehen können?» Laufende Grundwassermessungen werden diese Frage klären.

Unterschiedliche Probleme lösen
Es seien sehr unterschiedliche Probleme zu lösen, für die Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zu Rate gezogen werden müssen, betont Oberhänsli. «Allein im Januar 2019 habe ich gut eine Woche für dieses Projekt gearbeitet», hält er fest. «Am 11. Februar 2019 sind die Rodungsarbeiten vertraglich an den kantonalen Staatsforstbetrieb vergeben worden. Bereits Ende Februar sollen die Arbeiten aufgenommen werden.»
«Die flussspezifischen Bauarbeiten wollen wir an Spezialunternehmen vergeben, die Erfahrung in solchen Arbeiten vorweisen können», erläutert Oberhänsli. «In der Ausschreibung werden Bauführer mit entsprechendem Leistungsausweis verlangt, wobei die Projektgrösse mindestens eine halbe Million Franken betragen haben muss. Auch die Baggerführer müssen über analoges Wissen verfügen. Blockwürfe bei Flussverbauungen setzen ganz spezielles Wissen und Können voraus. Das sind kleine Künstler, die Blöcke bis vier Tonnen mit ihren Schaufeln präzise platzieren können, um eine perfekte Uferverbauung zu gestalten.»

Fliessgeschwindigkeit verlangsamen
Er kommt auf die Schwelle flussabwärts nach der Kurve zu sprechen, die vor Jahrzehnten bei der Kanalisation der Emme errichtet worden ist. «Man wusste um die Jahrhundertwende 1898, dass sich die Emme nach der Kanalisation einfressen, d.h. sich die Flusssohle senken wird. Da die Emme auf rund 30 Meter in der Breite reduziert worden ist, wurde später eine Schwelle nötig, damit sich der Fluss nicht weiter in den Boden gefressen hat. Nach dem Bau der Schwelle hat sich die Sohle wieder stabilisiert.»
«Wenn wir der Emme künftig mehr Platz geben, wird der Fluss mehr Material ablagern», so Oberhänsli. «Die Emme wird langsamer fliessen, das Gerinne möglichst eigendynamisch umformen können und somit ökologisch wertvollen Lebensraum schaffen.» In einem ersten Schritt wird von der Schwelle die flussabwärts gelegene rechte Hälfte entfernt. Derart kann die künftige Sohlenentwicklung bzw. die Geschiebeablagerung beobachtet werden. «Das wird Einfluss haben auf das grosse Wehr, von wo der Kanal abzweigt. In diesen können bei Bedarf 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abgeleitet werden (20 m³/Sek.). In die Emme fliesst, ausser bei Hochwasser, eigentlich nur Wasser von der Fisch­treppe und Grundwasser, das in die Emme austritt. Die Flusssohle liegt so tief, dass das Grundwasser den Weg dorthin findet.»
Auf Nachfrage bestätigt Oberhänsli seit 2000 «drei oder vier wirklich grosse Hochwasser der Emme mit einer Wassermenge von 500 bis 600 m³/Sek. Andererseits war die Emme 2018 infolge der Hitzeperiode streckenweise ausgetrocknet.»

Neue Vegetationsgemeinschaften
Um den benötigten Freiraum für die Emme zur Verfügung zu stellen, wird der Hochwasserschutzdamm am rechten Flussufer bis an den Grundbach verlegt. Letzterer ist als «ökologisch wertvolles Gewässer» eingestuft und erfährt im gleichen Zeitraum eine sanfte Renaturierung. Das Wasser ist von ausgezeichneter Qualität und weist einen dichten Fischbestand auf. Durch die Renaturierung der Emme können sich neue Emmeläufe mit Kiesbänken und später kleinen Inseln entwickeln, vergleichbar mit der «Ämmebire». Stehende Gewässer und lichte Wälder fördern die Entstehung typischer Vegetationsgemeinschaften eines Auenwaldes.
Der Gesamtkredit für das Grossprojekt beläuft sich auf 7,6 Millionen Franken; 1,6 Millionen Franken werden für einen evtl. später notwendigen Schutz des verlegten Dammes benötigt. Bis jetzt ist ein Schutz nur am Anfang und Ende des neu zu erstellenden Dammes vorgesehen. Sollte die Situation für den Damm gefährlich werden, ist auch im Zwischenbereich ein Blockwurf nötig.
Der alte Damm wird nach Abschluss der Arbeiten für Emme-Ausweitungen durchbrochen und ist nicht mehr begehbar.

Gebiet komplett schliessen
«Während der Ende Februar beginnenden Rodungsarbeit muss das Gebiet aus Sicherheitsgründen komplett geschlossen bleiben», erklärt Oberhänsli. «Die erste Rodungsetappe muss bis Ende März erledigt sein, da im April die Schonzeit der Natur wie die Fortpflanzungszeit verschiedenster Organismen, auch der Vögel, beginnt. Im Sommer folgt die Materialgewinnung, die Sicherung des Kanals mit einem Blockverbau und die Dammschüttung. Für sämtliche Arbeiten sind drei Jahre vorgesehen.» Anhand der Karte erläutert er, dass das Material linksseitig der Emme abgetragen und rechtsseitig im Bereich des neuen Dammanfangs sowie weiter flussabwärts – ebenfalls rechts – im Bereich des alten Kieswerkes deponiert wird. Das ursprünglich obere und mittlere Material wird zwischengelagert, da zuerst das zu­­unterst gewonnene Material für die Dammschüttung verwendet wird.
Der Vorstand des Schwellenverbandes 1. Sektion ist überzeugt, in absehbarer Zeit der Bevölkerung ein beeindruckendes Naherholungsgebiet präsentieren zu können.

Gerti Binz

 

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