Bei welchen Wunden den Arzt beiziehen?
01.04.2019 Aktuell, Foto, Region, Burgdorf«Moderne Wundversorgung im Alltag» heisst der Publikumsvortrag von übermorgen Donnerstagabend, 4. April 2019, 19.00 Uhr, im Kurslokal (Erdgeschoss) des Spitals Emmental in Burgdorf. Gestaltet wird der Anlass von Regula Heimberg-Marti (Leiterin Wundambulatorium) und Maria Häni-Di Mauro (Pflegeexpertin). Im Anschluss an den Vortrag – während des vom Spital offerierten alkoholfreien Apéros – besteht die Möglichkeit, den beiden Fachfrauen noch bilateral Fragen zu stellen.
«D’REGION»: Zuerst ein «harmloser» Fall: Jemand hat sich eine kleine Wunde zugezogen und sich mit einem Pflaster selber verarztet. Nun bleibt die Heilung aus oder verläuft äusserst langsam. Wann ist hier ärztliche Hilfe angesagt?
Regula Heimberg: Wenn die Wunde nach 14 Tagen keine Heilungstendenz zeigt, ist in jedem Falle eine Konsultation beim Arzt angezeigt, in folgenden Fällen nötig: bei Infektzeichen wie Schwellung, Rötung, Überwärmung, Schmerzen, Bewegungseinschränkung. Wenn die Wunde keine Blutstillung zeigt, je nach Lokalisation der Wunde – zum Beispiel im Gesicht, über Gelenk, exponierte Körperstellen – aufgrund Narbenbildung.
«D’REGION»: Raten Sie bei leichten Verbrennungen, den betreffenden Körperteil unter kaltes Wasser zu halten und bei schweren Verbrennungen den Rettungsdienst anzurufen?
Maria Häni: Die Erstversorgung ist immer eine Kühlung mit Leitungswasser. Bei kleinflächigen, oberflächlichen Verbrennungen ist in der Regel keine Arztkonsultation nötig – ausser, wie erwähnt, bei Entzündung. Entscheidend für die Behandlung und den Therapieerfolg bei Verbrennungen ist die Festlegung des Verbrennungsgrades durch eine Fachperson. Deshalb ist bei grösseren, tieferen Verbrennungen immer eine Arztkonsultation angezeigt. Bei schweren Verbrennungen – zum Beispiel bei Arbeitsunfällen mit Chemikalien und Verbrennungen infolge Starkstrom – sind die Patienten oftmals instabil, was eine Alarmierung des Rettungsdienstes verlangt.
«D’REGION»: Was ist bei leichten Verbrennungen oder ganz generell bei kleinen Wunden sinnvoller – mit einer Wundsalbe wie Unguentolan oder mit Wundpuder behandeln?
Maria Häni: Früher ist man davon ausgegangen, dass Wunden unter trockenem Milieu am besten heilen. Wunden wurden gepudert, geföhnt oder an der Sonne getrocknet. Heute weiss man aus der Forschung, dass Wunden unter feuchten Bedingungen besser heilen. Vor allem in der Behandlung von Verbrennungswunden wird noch auf Salbenverbände zurückgegriffen – ansonsten nur noch in ausgewählten Situationen.
«D’REGION»: Welches sind die häufigsten Verletzungen, bei denen Ihre Wundversorgung gefragt ist – und welche Körperteile sind am häufigsten betroffen?
Regula Heimberg: Sehr häufig sind es traumatische Verletzungen wie Arbeitsunfälle, Schnittverletzungen, Stolperverletzungen und Wundheilungsstörungen nach Operationen – vor allem an den Extremitäten, also an Armen und Beinen.
«D’REGION»: Sollen Betroffene bei Bisswunden wegen Infektionsgefahr ärztliche Hilfe beanspruchen – und welche Erfahrungen machen Sie diesbezüglich?
Maria Häni: Bisswunden sind oft mit einer grossen Infektgefahr verbunden. Deshalb ist bei Bisswunden immer ein Arztbesuch nötig. Die Patienten befolgen unsere Behandlungsempfehlungen sehr gut.
«D’REGION»: Wie sieht es mit dem Tetanusschutz aus – empfehlen Sie eine Starrkrampf-Impfung prophylaktisch mit Erneuerung alle paar Jahre oder ist das übertrieben, weil erst nach einem Vorfall entschieden wird, ob ein Antibiotikum sinnvoll ist?
Regula Heimberg: Für die Beantwortung dieser Fragen sind wir nicht die richtigen Fachpersonen. Hier braucht es die Einschätzung durch einen Arzt.
«D’REGION»: Stimmt es, dass man Brandblasen nie selbst öffnen sollte – und wenn ja, weshalb?
Maria Häni: Die meisten Blasen öffnen sich von alleine. Aufgeweichtes Gewebe empfehlen wir zu entfernen, damit die Wundheilung nicht beeinträchtigt ist und sich neues Gewebe bilden kann. Abgestorbenes Gewebe ist immer ein Nährboden für Keime.
«D’REGION»: Es gibt chronische und akute Wunden, die Sie behandeln. Kommt es oft vor, dass aus akuten schon bald einmal chronische Wunden werden – und falls ja, was läuft denn hier falsch?
Maria Häni: Bei einer Wunde, die nach zwei bis drei Wochen keine Heilungstendenz zeigt, liegen oft Wundheilungsstörungen – Durchblutungsstörungen arteriell oder venös, Diabetes, Druckproblematik und so weiter – zugrunde. Die Ursache muss behoben werden, damit die Heilung fortschreiten kann. Hier ist dann unsere Fachexpertise gefragt.
«D’REGION»: Sie kooperieren auch mit Heimen, mit spitalexternen Pflegediensten und primär mit den verschiedensten spitalinternen Fachärzten. Wie kann sich der Laie diese Zusammenarbeit vorstellen – wie sieht diese Kooperation im Alltag aus?
Regula Heimberg: Wunden werden in unserer Sprechstunde immer interdisziplinär beurteilt. Dies gemeinsam mit anderen Fachpersonen wie zum Beispiel mit Ärzten oder Orthopädie-Schuhmachern. Sobald eine externe Kooperation nötig wird, suchen wir anschliessend den persönlichen Kontakt mit dem Heim, der Spitex, dem Hausarzt beziehungsweise der Hausärztin.
«D’REGION»: Bei unansehnlichen Wunden nach Verbrennungen, Unfällen oder Operationen leidet auch die Seele der Betroffenen. Was empfehlen Sie hier, welches sind die Angebote des Spitals?
Maria Häni: Bei entsprechenden Problemen werden Fachpersonen beigezogen. Das sind beispielsweise Seelsorge, Psychologe, Psychoonkologie und so weiter.
«D’REGION»: Wunden sind oft mit Schmerzen verbunden. Wie sieht es hier mit der Verabreichung von Schmerzmitteln aus – allenfalls mit Nebenwirkungen?
Regula Heimberg: Die Schmerzen der Patienten werden von uns sehr ernst genommen. Auch hier werden entsprechende Fachpersonen beigezogen, damit Nötiges in die Wege geleitet werden kann und der Patient keine Schmerzen mehr hat. Der Schmerzdienst und die Verordnung entsprechender Medikamente durch einen Arzt beziehungsweise eine Ärztin gehören dazu. Während der Behandlung können wir auch auf lokale Schmerzbehandlung zurückgreifen.
«D’REGION»: Sie sehen sich die Wunden jeweils mit den Ärzten an und legen eine geeignete Strategie fest. In welchen Fällen ist eine konservative Wundversorgung angezeigt, wann werden bei Infektionen Antibiotika eingesetzt und wann ist eine Operation unumgänglich?
Regula Heimberg: Zum Beispiel Schnittverletzungen können nur in einem gewissen Zeitfenster genäht werden. Liegt die Verletzung mehrere Stunden zurück, muss aufgrund der hohen Infektgefahr eine offene Wundheilung angestrebt werden. Abszesse müssen häufig operativ ausgeräumt werden.
«D’REGION»: Eine neue, unkonventionelle Methode der Wundbehandlung ist der Einsatz von Maden. Wie geschieht dieser, woher kommen die Maden, welches sind Ihre bisherigen Erfahrungen?
Maria Häni: Maden können bei stark belegten Wunden eingesetzt werden. Eine Wunde heilt am besten unter «sauberen Bedingungen». Maden haben im Speichel ein Sekret, welches Beläge auf Wunden auflösen kann. Diesen «Sekretbrei» fressen die Maden anschliessend. Die Maden werden künstlich unter sterilen Bedingungen gezüchtet, und wir applizieren die Maden in einem speziellen Beutel auf die Wunde. Die Maden verbleiben anschliessend maximal fünf Tage auf der Wunde. Die Maden können auch ohne Beutel auf die Wunde appliziert werden. Die Handhabung der freilaufenden Maden ist jedoch etwas schwieriger. Im ambulanten Setting benutzen wir ausschliesslich Maden im Beutel. Unsere Erfahrungen mit Maden sind sehr positiv, und die Patienten tolerieren die Therapie sehr gut.
Zu den Personen
Regula Heimberg-Marti, Jahrgang 1983, ist verheiratet und hat drei Kinder. Ihr beruflicher Werdegang: Abschluss als diplomierte Pflegefachfrau HF (Höhere Fachschule) im Jahr 2004. Abschluss Nachdiplomstudium Pflegeberatung 2011. Abschluss Wundexpertin SAfW (Schweizerische Gesellschaft für Wundbehandlung) 2012. Sie war bisher tätig am Spital Region Oberaargau (SRO) in Langenthal sowie im Berner Inselspital, seit elf Jahren tätig am Spital Emmental. Regula Heimberg-Marti ist aktuell Leiterin Wundambulatorium / Stomaberatung am Spital Emmental mit den Standorten Burgdorf und Langnau.
Maria Häni-Di Mauro, Jahrgang 1980, ist verheiratet und hat drei Kinder. Ihr beruflicher Werdegang: Abschluss als diplomierte Pflegefachfrau HF im Jahr 2002. Abschluss Wundexpertin SAfW 2005. Abschluss als Stomaberaterin 2016. Aktuell im Studium cand. Master in Wound Care. Seit 17 Jahren tätig am Spital Emmental in verschiedenen Funktionen: fünf Jahre Pflegeabteilung, zehn Jahre Wund- und Stomaberatung. Seit zwei Jahren Pflegeentwicklung. Zurzeit ist Maria Häni-Di Mauro am Spital Emmental zu 40 Prozent als Pflegeexpertin sowie zu 20 Prozent als Wund- und Stomaberaterin tätig.
Hans Mathys

