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Bedeutung der Energiestrategie 2050 für das Emmental

| Mi, 22. Mai. 2019

BURGDORF: Informative Vorträge und ein Podiumsgespräch geben fundierte Einblicke in die Zukunftsperspektiven des Emmentals. zvg

«Die Regionalkonferenz Emmental ist ein Zusammenschluss von 40 Gemeinden des Verwaltungskreises Emmental», erläutert Präsident Jürg Rothenbühler. Deren Fläche umfasst rund 690 Quadratkilometer, die Einwohnerzahl beträgt knapp 100 000 Personen. Laut Statuten koordiniert die Regionalkonferenz öffentliche Aufgaben im Emmental und befasst sich mit regionalpolitischen Fragen von gesamtregionaler Bedeutung.

Umwelt hat keine Zeit mehr
Rothenbühler weist auf die Klimaveränderungen und die Schülerproteste hin, die er persönlich begrüsst. «Sie protestieren auch an Samstagen und in den Ferien; also sind es keine Schulschwänzer!» In den nächsten Wochen sollen die Ergebnisse für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 veröffentlicht werden, was nach der Analyse der abgelehnten Volksabstimmung neue Erkenntnisse bedingt, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Hier hat der Regierungsrat mit Befürwortern und Gegnern das Gespräch gesucht. Aufgrund der Abstimmung gelten die bisherigen Vorschriften weiter: «Sie sind ja ziemlich gut. Und jeder Hausbesitzer kann weiter Heizungen einbauen nach eigener Wahl, auch wenn er nicht auf erneuerbare Energie zurückgreift.»
Ulrich Nyffenegger, Vorsteher des Amtes für Umweltkoordinaton und Energie, referiert über «Gesetzgebung: Im Kanton Bern ist für die Zukunft Folgendes geplant». Er kommt noch einmal zurück auf das knappe Abstimmungsergebnis mit 50,6 Prozent Neinstimmen zur umweltfreundlichen Vorlage mit dem Verdikt, künftig nur noch mit erneuerbarer Energie arbeiten zu dürfen. Dadurch ist seiner Meinung nach eine realistische Umsetzung der Energiestrategie 2050 verunmöglicht, wodurch jetzt nach neuen Möglichkeiten gesucht werden müsse. Es ist unerlässlich, dass sich die Politik zu mehr Bürgernähe entschliesse und den Willen der Bevölkerung spüre. Sonst passiert auch beim nächsten Mal ein Vorstoss im Grossen Rat problemlos und wird an der Urne verworfen.

Erdöl nach wie vor beliebt
Raoul Knittel, Geschäftsführer «Strom von hier GmbH», setzt sich mit dem Thema «Was ist im Emmental aus neutraler Sicht möglich?» auseinander. Er vergleicht die Preise von einer Kilowattstunde (5 bis 10 Rappen) mit einem Tag harter Arbeit wie Zügeln und stellt den Energieverbrauch im Emmental/Oberaargau mit circa 5,2 Milliarden kWh zur Diskussion. Die ganze Schweiz inklusive Flugverkehr verzeichnet 2010 bereits 360 Milliarden kWh. Im Emmental wird der Energieverbrauch derzeit noch zu 60 Prozent durch Erdöl gedeckt. Auch er empfiehlt ein Umdenken im Interesse jedes Einzelnen gemäss der Zielsetzung «Erneuerbare Stromproduktion bis 2050». Dennoch bezweifelt er ausdrücklich, dass dieses Ziel erreichbar ist. Er empfiehlt, Möglichkeiten zu erschliessen, und nennt als Beispiel dafür wirtschaftliches Potenzial für Photovoltaikanlagen im Eigenverbrauch von 420 GWh, was einen Investitionsbedarf von 630 Millionen Franken voraussetzt.
Antworten auf die Frage «Wie setzte die AEK Onyx AG die Energiestrategie im Emmental um?» gibt Bruno Jordi, Leiter Markt und Mitglied der Onyx-Geschäftsleitung. Als Pioniere im Wärme-Contracting, Pellet, Energieberatung, Photovoltaik, Elektromobilität und anderem stehen Fachleute mit Rat und Tat bereit, um 80 000 Haushaltskunden und 116 Gemeinden behilflich zu sein. Nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie muss sich die Energiegewinnung aus Photovoltaik – die es am besten schafft – sowie Wasser, Wind, Holz, Biomasse und Geothermie noch etablieren. Er zeigt erzielte Fortschritte an Bauten in der näheren und weiteren Umgebung.

Helfen statt hindern
Michael Gerber, kantonaler Denkmalpfleger, muss seit Jahren die immer wieder geäusserte Kritik an der Denkmalpflege widerlegen, «die seit ewig zeitgemässe Instandstellung von geschützten Gebäuden systematisch verhindert». In seinem Referat «Wie ist die Denkmalpflege behilflich, um die energetische Umsetzung an denkmalgeschützten Gebäuden zu ermöglichen?» gibt er fundierte Antworten und Ratschläge, wie beispielsweise bei einem geschützten Bauernhaus sinnvoll aufgewertet und gleichzeitig Beiträge der Denkmalpflege beansprucht werden können. Eingangs weist er darauf hin, dass bei Gesuchen «nicht aus dem Bauch» entschieden werde, sondern gemäss den rechtlichen Grundlagen des Kantons. Das sind die kantonalen Gesetze von Denkmalpflege, Bau und Energie mit den jeweiligen Verordnungen. Daneben gibt es zahlreiche Ausnahmen für Baudenkmäler.
Von 450 000 Gebäuden im Kanton Bern zählen 28 000 zu den Baudenkmälern und bei Letzteren 17 000 zu den besonders schützenswerten K-Objekten. Gerber zitiert Urs Munt­wyler, Professor für Photovoltaik BHF, «Zum Erreichen der Energiewende brauchen wir die Dächer der Baudenkmäler nicht», da diese zu verwinkelt, zu steil, ineinander verbaut usw. seien. Daneben ist die Nachhaltigkeit von historischen Bauten belegt. Sie weisen mehrheitlich einen langen Lebenszyklus, gebaut aus regionalen Materialien ohne graue Energie, auf. Gerber zeigt Fotos von gelungenen und teils preisgekrönten Umbauten bei denkmalgeschützten Bauten.

Für alle tätig
Marc Rössler von der Energieberatungsstelle Emmental gibt Antworten auf die Frage «Welche Beratung kann die Energieberatungsstelle Emmental Privaten, Firmen und Gemeinden bieten?» Zu deren Auftrag gehören Beratungen und Auskünfte, Öffentlichkeitsarbeit und Schulungen für Private, Unternehmen und Gemeinden. Das geschieht per Telefon, E-Mail, im Büro oder vor Ort, wobei alles überwiegend kostenlos erfolgt. Wenn Private nach erfolgten Informationen eine Vorgehensberatung mit Protokoll wünschen und eventuell die Unterlagen für Förderbeiträge benötigen, entstehen Kosten von 100 bis 150 Franken. Bei Unternehmen belaufen sich die Kosten für Vor-Ort-Beratungen mit Protokoll auf 250 Franken.
Rössler hat für Gemeinden ein umfangreiches Angebot bereit: Unterstützung mit Fachwissen bei Förderprogrammen, Energieplänen, Kommunikationsinhalten, Informationsanlässen, in Kommissionen. Weiter stellt er Unterstützung bei der Initiierung von Wärmeverbundprojekten, Energierichtplänen, Baureglementen, Zonenplänen und Überbauungsordnungen, der Energiebuchhaltung und Energieleitsätzen für die Immobilienbewirtschaftung in Aussicht.
Rössler weist ausdrücklich darauf hin, dass alle Anstrengungen verpuffen können, wenn folgende vier Erfolgsfaktoren für die Energieeffizienz nicht befolgt werden: den eigenen Energieverbrauch kennen, übergeordnete Ziele/Leitsätze entwickeln, eine objektbezogene Umsetzung veranlassen und unbedingt die erreichten Ziele überprüfen (Monitoring).

Es trifft auch die Schweiz
Beim anschliessenden Podiumsgespräch mit zwei Berner Mitgliedern des Nationalrates, Regula Rytz (Grüne) und Manfred Bühler (SVP), diskutieren beide unter Moderation von Rothenbühler vorerst über unterschiedliche Ansichten und dann mit dem Publikum über interessante Meinungen. Voraussichtlich wird es künftig mehr Solardächer als Windräder geben, zu viel Verdichtung im Emmental stösst auf Widerstand, der Erhalt der Ortsbilder geniesst Priorität. Rytz bedauert, dass die SVP den abgelehnten Urnenentscheid nicht als Chance für das Emmental und seine Ressourcen sieht. Aber es gehe nicht nur um die Schweiz, sondern auch um andere Kontinente. Bei zu hohen Immissionen werde die Lebensgrundlage anderer Völker zerstört, worauf sich Flüchtlingsströme aus betroffenen Ländern Richtung Europa – und die Schweiz – in Bewegung setzen würden.
Bühler betont die Notwendigkeit, beim Bau von Windparks unbedingt die Bevölkerung miteinzubeziehen. Als Beispiel nennt er die modernen 16 Turbinen im Windpark Juvent im Berner Jura, die 2018 rund 16 400 Haushalte mit Strom versorgen konnten. Er plädiert für seriöse Aufklärung der Vor- und gegebenenfalls Nachteile bei der Gewinnung alternativer Energien. Nur so können lokale Ressourcen ausgeschöpft werden. In Wynigen hat die Bevölkerung einen möglichen Standort für Windräder kürzlich abgelehnt.

Noch langer Weg für Energiewende
Aus dem Publikum kommen Hinweise auf unverhältnismässig tiefe Holzpreise, geliefert aus dem Ausland, die den hiesigen Markt schwer treffen, unverständliche Auftragserteilungen an ortsfremde Unternehmen mit Dumpingpreisen, zu wenig Schutz der einheimischen KMUs, zu wenig Schutzzölle für lokale Agrarprodukte und anderes mehr. Schliesslich bringt es eine Bäuerin auf den Punkt: «Kein Landwirt ersetzt in seinem Haus die Heizung durch etwas anderes als wieder eine Ölheizung».
Beim anschliessenden Apéro wird sowohl mit Regula Rytz und Manfred Bühler als auch den fünf Referenten engagiert weiter diskutiert. Für Kontaktaufnahmen mit den Referenten gibt das Büro Auskunft: Tel. 034 461 80 28; E-Mail info@region-emmental.ch.

Gerti Binz
 

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