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Die Notfallstation – wenn es zeitlich eilt

| Mo, 20. Mai. 2019

BURGDORF: «Vom Pflaster bis zum Koma: die Notfallstation.» So nennt sich der Publikumsvortrag von Donnerstag, 23. Mai 2019, ab 19.00 Uhr, mit den Notfall-Medizinern Eva Maria Genewein und Felix Nohl im Kurslokal des Spitals Emmental in Burgdorf. zvg

Die beiden Notfall-Mediziner Dr. med. Eva Maria Genewein und Dr. med. Felix Nohl werden erläutern, wie das Spital Emmental seinen Notfallauftrag gegenüber der Bevölkerung erfüllt. Das Spital Emmental veranstaltet an seinen beiden Standorten Burgdorf und Langnau seit 2010 regelmässig Vortragsabende zu Gesundheitsthemen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht nötig. Die Referentinnen und Referenten beantworten jeweils beim anschliessenden alkohol­freien Gratis-Apéro noch persönliche Fragen. Das wird auch diesmal wieder der Fall sein.

«D’REGION»: Sie gestalten am Spital Emmental in Burgdorf den Publikumsvortrag «Vom Pflaster bis zum Koma: die Notfallstation». Wer sorgt für die Einleitung – wer wird danach worüber sprechen?
Dr. Genewein: Wir, die beiden Leiter der Notfallstationen Langnau und Burgdorf, werden die Präsenta­tion zusammen mit der Leitung Pflege in Langnau, Marcel Rücker, gestalten. Die Pflege ist auf der Notfallstation Hauptakteurin: Sie ist die erste Kontaktperson nach Eintritt auf die Notfallstation, beurteilt den Schweregrad der Erkrankung und ruft den Arzt hinzu. Deshalb haben wir den Vortrag so arrangiert, dass die Pflegeperson die Einleitung zum Vortrag übernimmt. Danach sprechen wir über «vom Pflas­ter bis zum Koma»: Zeckenstich, Schlaganfall, Gefährlichkeit von Bränden, Bewusstseinsverlust.

«D’REGION»: Zum Thema Ihres Vortrages: Kommen tatsächlich Patienten in die Notfallstation, bei denen ein Pflaster genügt, um sie dann wieder heimzuschicken?
Dr. Genewein: Ja, auch das erleben wir. Oft ist es für Laien schwierig zu beurteilen, wie schwer ein Symptom wie beispielsweise eine starke Blutung aus der Fingerbeere ist. Je nach Lokalisation braucht es hier aber wirklich nur ein Pflaster.

«D’REGION»: Führen Sie eine Jahresstatistik, wie viele Notfall-Einlieferungen es gibt – und sind diese Notfall-Zahlen im Vergleich zu den Vorjahren konstant oder zunehmend?
Dr. Genewein: Ja. Wie auf allen Notfallstationen nehmen auch die Zahlen in Burgdorf und Langnau zu. Dies jährlich um rund sieben bis zehn Prozent.  

«D’REGION»: Das Spital Emmental ist an den beiden Standorten Burgdorf und Langnau tätig. Wie sieht es hier aus – kommt ein Notfall-Patient aus Zollbrück nach Langnau und einer aus Hasle nach Burgdorf? Wie aber sieht es mit Notfall-Patienten aus Lützelflüh oder Sumiswald aus?
Dr. Genewein: Prinzipiell steht es den Patienten frei, an die Notfallstation ihrer Wahl zu gelangen. Oft wird natürlich die am nächsten gelegene Notfallstation angefahren.

«D’REGION»: Werden die Patienten meist mit der Ambulanz in die Notfallstation eingeliefert – oder privat?  
Dr. Genewein: Die meisten Patienten kommen privat zur Notfallstation. Etwa 25 Prozent der Patienten kommen per Rettungsdienst zu uns.
In Langnau fällt mir auf, dass relativ häufig Patienten im Privatauto gebracht werden. Dies selbst in dramatischen Situationen mit starken Schmerzen wie letzthin nach einem Sturz von der Leiter. Das ist für die entstehenden Kosten gut, jedoch benötigen wir sehr viel Zeit – bis zu einer Stunde – und viel Personal – Pflegepersonen und Rettungsdienst –, um Patienten aus dem Auto zu holen. Wir können natürlich schon im Auto starke Schmerzmittel beispielsweise über die Nase verabreichen, die dann schnell wirken, um den Patienten aus dem Auto zu bergen. Hier wäre es aber einfacher, am Unfallort den Patienten gut in einem Rettungswagen zu lagern und bereits professionell zu versorgen.

«D’REGION»: Wie funktioniert die Einlieferung in einem drastischen Notfall, wo der Zeitfaktor offenbar äusserst wichtig ist – wird in einem solchen Fall das Ausfüllen von Eintrittsformularen etwas zurückgestellt?
Dr. Genewein: Ja. In zeitkritischen Notfällen wie bei einer Reanimation, einem Herzinfarkt oder einer schweren Blutung mit Kreislaufproblemen kann mit nummerierten Notfalletiketten gearbeitet werden. Sind Angehörige dabei, so übernehmen sie die Auskunft der persönlichen Angaben. Eine genaue Identifizierung der Patienten ist sehr wichtig, um alle Daten, Laborresultate und so weiter korrekt zuordnen zu können.

«D’REGION»: Die Notfallstation gewährleistet hochprofessionelle medizinische Hilfe rund um die Uhr. Zu welchen Zeiten erfolgen in Burgdorf und Langnau die meisten Notfall-Einlieferungen?
Dr. Genewein: Dies ist auf allen Notfallstationen der Welt sehr ähnlich. Ab 10.00 Uhr und abends zwischen 19.00 und 22.00 Uhr treffen die meisten Notfallpatienten ein.

«D’REGION»: Wie funktioniert der Pikettdienst der für die Notfallsta­tion vorgesehenen Ärzte?
Dr. Genewein: Es arbeiten rund um die Uhr Notfallärzte auf den Notfallstationen. Sie sind in der Nacht auch für die Patienten der Abteilung zuständig, falls dort ein Problem auftritt. Sie ziehen Spezialärzte hinzu, falls ein spezifisches Problem angegangen werden muss.

«D’REGION»: Wie soll jemand reagieren, der beispielsweise in Sumiswald wohnt und aufgrund von Symptomen vermutet, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden?
Dr. Genewein: In einem solchen Fall empfehle ich, den Rettungsdienst zu rufen. Im Rettungswagen kann bereits ein EKG geschrieben und ans Inselspital übermittelt werden. Dies um zu sehen, ob die Diagnose Herzinfarkt wirklich korrekt ist. Bei einem Schlaganfall spart man wertvolle Minuten, wenn die Rettungssanitäter den Patienten direkt ins Inselspital bringen, wo ein Medikament zur Auflösung des Gerinnsels gegeben werden kann. Der Rettungsdienst ist sehr gut geschult, um zu entscheiden, wohin ein Patient am besten gelangt.

«D’REGION»: Weil recht viele Menschen heutzutage keinen Hausarzt mehr haben, kommen sie selbst bei einer Bagatelle – vielleicht einer kleinen Wunde – in die Notfallstation. Wie sähe ein besseres Verhalten aus?
Dr. Genewein: Wunden sind Notfälle, die versorgt werden müssen. Dies kann man nicht planen. Daher ist die Notfallstation eine wichtige Einrichtung im Schweizer Gesundheitswesen. Planbare gesundheitliche Versorgungen sollten aber in medizinische Ambulatorien verschoben werden, um die Notfallstationen von Nicht-Notfällen zu entlasten.

«D’REGION»: Stellen Sie an Ihren Standorten Burgdorf und Langnau auch – wie andernorts – auf der Notfallstation eine zunehmende Gewaltbereitschaft der Patienten oder sogar auch der Begleitpersonen fest? Falls ja, sind hier oft Alkohol und Drogen im Spiel?
Dr. Genewein: Auch wir sind hie und da mit gewalttätigen Personen konfrontiert. Gelegentlich braucht es in solchen Situationen die Unterstützung durch die Polizei. Eine gute Zusammenarbeit ist hier wichtig. Meist sind Drogen und Alkohol im Spiel. Wir, das Pflegepersonal und die Ärzte, sind in der Deeskalation von solchen Situationen geschult. Wir haben einen grossen Einfluss auf die Situation.

«D’REGION»: Telefontriagen – was ist darunter zu verstehen, und was halten Sie davon?  
Dr. Genewein: Es gibt verschiedene Typen von Telefontriagen. Da sind einerseits die professionellen Telefontriagen, die mit definierten Algorithmen arbeiten und viele kleine Probleme abfangen können. Es gibt Telefontriagen in den Hausarztpraxen und auf Notfallstationen. Eine Studie der Stiftung für Patientensicherheit hat gezeigt, dass Telefontriagen ohne Algorithmus unsicher sind und die Situa­tion am Telefon oft falsch eingeschätzt wird. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir nur dann gute Qualität und Sicherheit bieten können, wenn wir die Patienten sehen und untersuchen können.

Zu den Personen
Dr. med. Eva Maria Genewein ist Fachärztin für Innere Medizin. Sie ist in Langnau stellvertretende Chefärztin für Innere Medizin und leitet in dieser Funktion den Notfall. Sie verfügt über den Fähigkeitsausweis klinische Notfallmedizin der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin. Am Spital Emmental ist sie seit dem 2. August 2018
tätig.
Dr. med. Felix Nohl ist am Spital Emmental stellvertretender Chefarzt Medizin in Burgdorf und ärztlicher Leiter der Notfallstationen in Burgdorf und Langnau. Er ist ausgestattet mit dem Master of Medical Education und verfügt über den Fähigkeitsausweis der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin.

Hans Mathys

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