banner

«Gemeinsam können wir die Herausforderungen meistern»

| Di, 07. Apr. 2020

BURGDORF: Hausarztpraxen in Zeiten der Corona-Krise. Interview mit Dr. med. Jürg Mischler, Mitbegründer der «praxis15»-Ärztegruppe in Burgdorf. red

Das Coronavirus und die Bekämpfung der Pandemie strapazieren die Kapazitäten unseres Gesundheitswesens. Die ausserordentliche Situation wirkt sich nicht nur auf die Spitäler aus, sondern hat auch tiefgreifende Konsequenzen für die Hausarztpraxen. Aus diesem Grund unterhielt sich die Zeitung «D’REGION» mit Dr. med. Jürg Mischler, Mitbegründer der «praxis15»-Ärztegruppe an der Bahnhofstrasse 15 in Burgdorf. Im Interview gibt er Auskunft über die Veränderungen in seinem Arbeitsalltag, die ergriffenen Massnahmen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, die Vorgehensweise bei Patientinnen und Patienten, die über grippeähnliche Symptome klagen, und über die langfristigen Auswirkungen der Krise.

«D’REGION»: Die Corona-Krise beeinträchtigt alle Lebensbereiche und praktisch das gesamte Wirtschaftsleben. Wie erleben Sie als Hausarzt die Situation?
Jürg Mischler: In Zeiten des Coronavirus ist auch für uns Hausärzte alles anders: Auf der einen Seite nahm der telefonische Beratungsaufwand vor allem bei der Einführung des Lock­down Mitte März enorm zu. Andererseits halten wir uns an die Empfehlungen des BAG und führen in der Praxis nur die dringend notwendigen und nicht aufschiebbaren medizinischen Abklärungen und Behandlungen durch. Da wir in unserer Gruppenpraxis viele ältere Patientinnen und Patienten mit Mehrfacherkrankungen betreuen, bei denen ein Teil der Behandlung begrenzt aufschiebbar ist, sind die Termine im Labor und in der Sprechstunde stark ausgedünnt. Dadurch entfällt ein grosser Teil des Umsatzes, sodass wir uns in der paradoxen Situation befinden, in Zeiten des Hausärztemangels für die Praxisassistentinnen Kurzarbeit beantragen zu müssen.
Um unsere wichtige Aufgabe in der medizinischen Grundversorgung trotz völlig veränderter Bedingungen erfüllen zu können und auf verschiedene mögliche Szenarien einigermassen vorbereitet zu sein, sind für unsere Arbeit grosse Anpassungen notwendig. Dabei werden Kreativität, Flexibilität und Ressourcen benötigt.

«D’REGION»: Hat sich Ihr Arbeits­alltag eher entschleunigt oder ist die Hektik grösser geworden?
Jürg Mischler: Es ist anders geworden: Einerseits ist die Hektik und das kräftezehrende Multi-Tasking der nicht selten übervollen Sprechstunde zu einem grossen Teil entfallen. Andererseits ist der Planungs- und Informationsbedarf massiv gestiegen. Bei den Patientinnen und Patienten versuchen wir, in jedem Einzelfall zu entscheiden, ob für die Behandlung ein physischer Kontakt in der Praxis erforderlich ist, oder ob die Behandlung zum Teil oder ganz durch telefonischen Kontakt erfolgen kann. Das kann häufig nur der Arzt entscheiden. Auf Stufe der Praxis ist die Umorganisation zwar nicht mit Hektik, dafür aber mit grossem Zeitaufwand verbunden.

«D’REGION»: Welche Vorsichtsmassnahmen haben Sie in Ihrer Praxis ergriffen, um die An­­steckungsgefahr für das Personal sowie die Patientinnen und Patienten zu minimieren und um die vom BAG empfohlenen Verhaltensregeln umzusetzen?
Jürg Mischler: Wir setzen uns zum Ziel, dass die Patientinnen und Patienten nicht ohne Voranmeldung in unsere Praxis kommen oder das Spital aufsuchen. Diese Regel halten sie nur ein, wenn sie uns telefonisch erreichen. Die Praxisassistentinnen leisten für uns wertvolle Dienste, welche wir nicht hoch genug schätzen können. Bei einem Anruf einer Patientin oder eines Patienten findet eine erste Triage und Beratung durch die Praxis­assistentin nach den Vorgaben und Instruktionen des Ärzteteams statt. Häufig erfolgt darauf eine telefonische Beratung durch den zuständigen Arzt: Gemeinsam klären wir dann ab, ob und in welcher Art weitere Interventionen notwendig sind.
Zusätzliche Massnahmen sind die Ausdünnung der Termine in der Praxis (Distanzregel), die Implementierung von speziellen Behandlungspfaden für besonders gefährdete oder potentiell ansteckende Patientinnen/-en, häufigere Teamsitzungen und die Anpassung des Hygieneplans. Diese Massnahmen überprüfen wir regelmässig und passen sie bei Bedarf an.
Problematisch ist der Umstand, dass wir nach diesen Standards deutlich weniger Patienten behandeln können als unter normalen Bedingungen und der längerfristige Praxisbetrieb in dieser Form deshalb wirtschaftlich ruinös wird.

«D’REGION»: Immer wieder war in den vergangenen Tagen zu lesen, dass Schutzausrüstung Mangelware ist. Verfügen Sie über genügend Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Handschuhe?
Jürg Mischler: Im Moment: Ja. Die Beschaffung war allerdings schwierig und die Situation kann sich wieder ändern.

«D’REGION»: Wer momentan grippeähnliche Symptome verspürt, macht sich natürlich grosse Sorgen, an COVID-19 erkrankt zu sein. Wie sieht die Vorgehensweise bei Patientinnen und Patienten aus, die sich aufgrund solcher Beschwerden telefonisch in Ihrer Praxis melden?
Jürg Mischler: Wir haben die Praxis­assistentinnen so instruiert, dass sie die Patienten nach den Empfehlungen des BAG’s beraten und auf diese verweisen. Bei Unsicherheiten können sie Rücksprache mit einem Mitglied des Ärzteteams nehmen oder eine telefonische Konsultation vereinbaren.

«D’REGION»: Führen Sie in Ihrer Praxis auch Tests auf COVID-19 durch?
Jürg Mischler: Im Moment führen wir keine COVID-19-Abstriche durch. Wir beurteilen aber telefonisch, ob die vom BAG vorgegebenen Testkriterien erfüllt sind und melden die Abstriche und allfällige weitere Untersuchungen bis und mit Hospitalisation an.

«D’REGION»: Wie erleben Sie Ihre Patientinnen und Patienten in der momentanen Krisensituation? Ist die Angst vor dem Coronavirus in der Bevölkerung Ihrer Ansicht nach gross oder wird eher unbekümmert mit der Situation umgegangen?
Jürg Mischler: Ängste in der Bevölkerung waren für uns vor allem zu Beginn des Lockdown Mitte März spürbar. In dieser Situation konnten wir mit individueller Beratung als Ergänzung zu den öffentlich zugänglichen Informationen viel erreichen. Grossmehrheitlich werden die vom Bundesrat verordneten und empfohlenen Verhaltensmassnahmen von unseren Patientinnen und Patienten sehr gut eingehalten. Die grosse Mehrheit hat verstanden, dass dies matchentscheidend ist.

«D’REGION»: Waren die Hausarztpraxen auf den unerwarteten Pandemie-Fall genügend vorbereitet?
Jürg Mischler: Da die Schweiz nicht das erste betroffene Land war, konnten wir von der Vorbereitungszeit profitieren. Dank dem Umstand, dass die politischen Behörden, die Akteure im Gesundheitswesen und die Bevölkerung bisher grösstenteils überaus engagiert, kompetent und koordiniert zusammenarbeiteten, waren wir als Hausarztpraxis in der Lage, uns  genügend zu rüsten und die verlaufs­orientierten Massnahmen schrittweise einzuführen.
Ohne diese günstigen Umstände wären wir meiner Einschätzung nach in eine Katastrophe geschlittert.

«D’REGION»: Ergeben sich langfristig Probleme im Gesundheitsbereich, da nicht dringliche medizinische Eingriffe bis auf Weiteres verschoben werden?
Jürg Mischler: Durch das Verschieben von nicht dringlichen medizinischen Untersuchungen und Eingriffen rechne ich mit einem erhöhten Risiko von Komplikationen und mit Kapazitätsproblemen nach Beendigung der Ausnahmesituation. Das Ausmass lässt sich heute noch kaum abschätzen und wird massgebend von der Dauer der ausserordentlichen Lage abhängen.

«D’REGION»: Das BAG empfiehlt, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Welchen Rat geben Sie Ihren Patientinnen und Patienten, um dennoch etwas Bewegung zu erhalten und fit zu bleiben?
Jürg Mischler: Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten zu Hause ein Gymnastik- oder Fitness-Programm durchzuführen, am besten täglich. Sich draussen zu bewegen ist möglich bei Einhaltung der vom BAG empfohlenen Grundsätze, also im Wesentlichen allein oder zu zweit, wenn möglich mit Personen aus dem gleichen Haushalt und unter Beachtung der Abstands- und Hygiene-Massnahmen.

«D’REGION»: Gehen Sie persönlich davon aus, dass uns das Coronavirus noch lange beschäftigen wird oder dürfen wir auf eine baldige Rückkehr zur Normalität hoffen?
Jürg Mischler: Das für mich im Moment wahrscheinlichste Szenario ist, dass uns COVID-19 in wechselnder Intensität noch lange beschäftigen wird. Absolut entscheidend für die Entwicklung der Zahlen der Neuerkrankungen wird sein, wie konsequent wir alle die Massnahmen zur Reduktion des Übertragungsrisikos einhalten.

«D’REGION»: Welche langfristigen Auswirkungen wird die Krise Ihrer Einschätzung nach auf das hiesige Gesundheitssystem im Allgemeinen und die Hausarztpraxen im Speziellen haben?
Jürg Mischler: Das Positive: Wir werden sehr viel lernen können. Stichworte sind Pflichtlager, Versorgungs­sicherheit, Koordination, Information, Schnittstellen, Telemedizin.
Meine Sorge: Können wir als Gemeinschaft mit einer angeschlagenen Wirtschaft die Mittel zur medizinischen Bewältigung der Krise und der Zeit danach aufbringen?
Falls es längerfristig gelingt, uns als Individuen zugunsten unserer Gemeinschaft solidarisch und engagiert zu verhalten – so wie das heute in der Krise tagtäglich sehr viele Menschen tun – bin ich zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung meistern.

Markus Hofer

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses