Franz Schnyder – «Regisseur der Nation»

| Di, 12. Mai. 2020

BURGDORF: Ursula Kählers und Raff Fluris Biografie bietet ein faszinierendes Bild von der Persönlichkeit des Filmemachers. zvg

In der vergangenen Woche lud der Verlag «Hier und Jetzt» zur Buchvernissage der soeben erschienenen Biografie «Franz Schnyder. Regisseur der Nation», von der Autorin Ursula Kähler und dem Autor Raff Fluri, ein. Die Präsentation fand aufgrund der Coronakrise allerdings nicht – wie ursprünglich geplant – im Schloss Burgdorf statt, sondern wurde via Live-Stream aus der Kinemathek Lichtspiel Bern übertragen. Rund fünfzig Personen verfolgten die virtuelle Vernissage inklusive Lesung und Filmvorführung mit.
Um ein möglichst authentisches und präzises Bild von der Persönlichkeit Schnyders und seiner Karriere zu zeichnen, stützen sich die Autorin und der Autor auf umfangreiche Archivrecherchen sowie zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen. Die Leser/innen erhalten dadurch einen spannenden Einblick in das Leben und Werk des Ausnahmeregisseurs sowie in die Geschichte des Schweizer Films.

Spektakuläre Erfolge und bittere Rückschläge
Die Lebensgeschichte von Franz Schnyder war ausserordentlich reich an Höhen und Tiefen, an spektakulären Erfolgen und bitteren Rückschlägen. Sie würde reichhaltigen Stoff für eine Verfilmung bieten.
Franz wurde am 5. März 1910 – nur wenige Minuten nach seinem Zwillingsbruder Felix – als Sohn des Ingenieurs Max Schnyder und seiner Gattin Louise in Burgdorf geboren. Er wuchs im Gsteig-Quartier auf und absolvierte 1929 die Matura am Gymnasium in der Zähringerstadt. Bereits früh zeigte sich seine kreative Ader. Nachdem er in Deutschland eine Schauspielschule absolviert hatte und an verschiedenen Theatern als Darsteller und Regisseur tätig war, kehrte er 1939 – nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – in die Schweiz zurück. 1941 drehte er mit «Gilberte de Courgenay» für die Praesens-Film AG seinen ersten Spielfilm, der ganz im Kontext der Geistigen Landesverteidigung stand. Die Geschichte über die legendäre Wirtstochter und «Soldatenmutter» Gilberte, verkörpert von Anne-Marie Blanc, erwies sich als grosser Erfolg. Seine Karriere verlief allerdings keineswegs gradlinig. Nachdem sein dritter Film «Wilder Urlaub» (1943) über einen Deserteur der Schweizer Armee an den Kinokassen floppte, erhielt er erst 1954 – zum hundertsten Todesjahr von Jeremias Gotthelf – wieder die Chance, bei einer grossen Kinoproduktion hinter der Kamera zu stehen. Die Verfilmung des Romans «Uli der Knecht», mit Hannes Schmidhauser und Liselotte Pulver in den Hauptrollen, entwickelte sich zum Kassenschlager. Schnyder drehte noch vier weitere Gotthelf-Filme, welche Millionen von Schweizerinnen und Schweizern begeisterten und das Publikum in Scharen in die Kinos strömen liess. Zwischenzeitlich erlitt er allerdings mit dem von der Kritik hochgelobten Drama «Der 10. Mai», das ein finanzieller Misserfolg war, einen herben Rückschlag.
In den 1960er-Jahren drängte dann eine neue Generation von Schweizer Filmeschaffenden ins Rampenlicht, die Schnyders filmisches Schaffen als bieder, konservativ und rückständig kritisierten. 1968 realisierte der Burgdorfer Regisseur mit «Die sechs Kummerbuben» seinen letzten Kinofilm. Aus dem Material schuf Schnyder zugleich eine 13-teilige Fernsehserie.
Weitere Projekte – etwa Schnyders lang gehegter Traum, einen Film über Pestalozzi zu drehen – scheiterten an der Finanzierung. Schnyders Leben endete letztlich tragisch und fernab des Scheinwerferlichts. Nachdem er im Mai 1992, geistig verwirrt, in einer Kunstgalerie in Burgdorf mit einer Schusswaffe auftauchte, wurde er festgenommen und in die psychiatrische Klinik in Münsingen eingewiesen. Er starb einsam und verbittert am 8. Februar 1993 – kurz vor seinem 83. Geburtstag. Heute leuchtet sein Stern am Firmament des Schweizer Kinohimmels allerdings heller denn je – er zählt zu den ganz grossen Ausnahmeregisseuren. Seine Filme erfreuen das Publikum nach wie vor – sein Schaffen bleibt unvergessen.
Die neue Biografie der Filmwissenschaftlerin Ursula Kähler und des Burgdorfer Filmeschaffenden Raff Fluri zeichnet das ereignisreiche Leben von Franz Schnyder von der Jugend bis zu seinem Tod nach. Das Buch beleuchtet die unzähligen Mythen und Legenden, die in der Region um die Persönlichkeit Schnyders kursieren, und bietet viele neue Informationen.

Interview mit Ursula Kähler und Raff Fluri:
 
«D’REGION»: Was fasziniert Sie an der Persönlichkeit von Franz Schnyder am meisten?
Raff Fluri: Die Vielseitigkeit seiner Persönlichkeit. So richtig begonnen hat meine Faszination für Schnyder, als ich auf die ersten Hinweise zum Film «Das Kalte Herz» stiess, in dem er 1932 als junger Mann vor der Kamera stand. Während meiner Recherchen entdeckte ich, dass Schnyder damals ein angenehmer, humorvoller, unternehmungslustiger, einfallsreicher Mensch war. Ein Bild, das völlig im Gegensatz zu dem in Burgdorf immer noch vorherrschenden Image des resignierten, knorrigen Greises steht. Herauszufinden, warum sich seine Persönlichkeit veränderte, hat mich fasziniert.
Ursula Kähler: Es ist auch bemerkenswert, dass er schon als 19-Jähriger wusste, dass er zum Theater wollte und dafür seine Heimat verliess, um sich in Deutschland auszubilden. Dazu gehörte sicherlich eine grosse Portion Mut und Entschlossenheit.

«D’REGION»: Welche Motivation veranlasste Sie, sich an eine Biografie des grossen Regisseurs zu wagen?
Ursula Kähler: Vor fünf Jahren war ich auf der Suche nach einer Persönlichkeit aus dem Bereich Film, um eine Biografie zu schreiben. Über Umwege kam ich dann auf Franz Schnyder. Mir wurde schnell klar, dass hier eine filmhistorische Lücke existiert, denn Schnyder drehte für die Schweiz wichtige Filme. Als ich seinen Nachlass in der Burgerbibliothek Bern sichtete, wurde ich an Raff Fluri verwiesen. Er hatte vorher für eine Ausstellung und für die Fertigstellung des Films «Das Kalte Herz» umfangreich über Schnyder recherchiert. Nach einem ersten Treffen beschlossen wir, das Projekt gemeinsam in Angriff zu nehmen.

«D’REGION»: Insbesondere die Gotthelf-Verfilmungen erfreuen sich bis heute beim Fernsehpublikum grosser Beliebtheit. Worin liegt Ihrer Meinung nach der Reiz und die eigentümliche Faszination dieser Filme?
Ursula Kähler: Zum einen sind die Geschichten dramatisch, lebensnah und sehr unterhaltsam. Sie enthalten moralische, christliche Botschaften und appellieren an die Menschlichkeit. Zum andern sind die Filme handwerklich gut gemacht, und es spielten die in den 1950er- und 1960er-Jahren beliebtesten Schweizer Schauspielerinnen und Schauspieler mit. Dazu gehören etwa Liselotte Pulver, Hannes Schmidhauser, Margrit Winter, Heinrich Gretler, Emil Hegetschweiler, Max Haufler und viele mehr.

«D’REGION»: Stellt Franz Schyder für Sie, Raff Furi, als Filmschaffender eine Inspirationsquelle dar?
Raff Fluri: Seine Filme haben mein Filmschaffen kaum geprägt, beeinflussten allerdings mein lokalhistorisches Interesse und meine Produktionstätigkeit. Schnyder selbst war ein genialer Produzent, der sehr wirtschaftlich und innovativ dachte. Er versuchte immer wieder, neue Wege zu gehen, um seine Filme zu realisieren. Auch wenn dies alles andere als einfach war.
Künstlerisch sehr beeinflusst hat mich «Das Kalte Herz» des Pianisten Karl Ulrich Schnabel, in dem Schnyder mitspielte. Womöglich wurde Schnyder seinerseits von Schnabel inspiriert, da er ja bereits während seiner Theaterzeit in Deutschland mit dem Filmschaffen liebäugelte.
Schnyders Filme vor den «Kummerbuben» zeichnen sich durch ihre visuellen und dramaturgischen Qualitäten aus. Er schuf Szenen, die an das Niveau des legendären Filmemachers Tarkowski heranreichen.

Markus Hofer

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