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Die Pommes-frites-Lager sind voll

| Di, 28. Jul. 2020

REGION: Ruedi Fischer, Präsident der Schweizer Kartoffelproduzenten, erklärt, warum Kartoffeln nicht gleich Kartoffeln sind.  zvg

Die Coronapandemie hat auch Auswirkungen auf Branchen, von denen das wohl nur die Wenigsten vermuten. Dass die Gastronomie unter dem monatelangen Lockdown gelitten hat, dürfte mittlerweile wohl jedem klar sein. Doch diese besondere Lage hatte beispielsweise auch auf Kartoffelproduzenten, welche die Gastronomiebetriebe beliefern, spürbare Auswirkungen. Besonders Pommes frites, die eher auswärts im Restaurant oder im Fast-Food-Lokal gegessen werden, wurden diesen Frühling und Sommer massiv weniger konsumiert als üblich. «D’REGION» sprach mit Ruedi Fischer aus Bätterkinden, Präsident der Schweizer Kartoffelproduzenten.

Mit lachendem und weinendem Auge
Für die Kartoffelproduzenten war die Coronapandemie ein zweischneidiges Schwert – während ein Teil der Kartoffeln reissenden Absatz findet und sogar aus dem Ausland importiert werden muss, so stehen andere Sektoren vor vollen Lagern. Denn Kartoffeln sind nicht einfach gleich Kartoffeln, wie Ruedi Fischer, Präsident der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten, weiss. «Die Kartoffeln sind nicht beliebig austauschbar. Aus Kartoffeln, welche zu Pommes frites weiterverarbeitet werden, kann man etwa nicht einfach so Chips machen.»
Besonders gut lief es bei den Speise­kartoffeln. «Wir konnten einen überdurchschnittlichen Absatz verbuchen», erzählt Ruedi Fischer. «Wir verzeichnen Verkaufszahlen wie selten zuvor. Die Leute haben viel zu Hause gegessen und auch Vorräte angehäuft. Zum Teil musste in Vertriebszentren in mehreren Schichten gearbeitet werden, um mit der grossen Anfrage fertigzuwerden.» Auch im Convenience-Food-Bereich gab es teilweise Grund zur Freude. Bei den Pommes-Chips ergab sich ebenfalls ein massiv höherer Umsatz als im Vorjahr. «Auch für die Pommes-Chips-Produktion mussten Kartoffeln importiert werden, um die Nachfrage zu decken», weiss Fischer. Doch ein eigentlich beliebtes Produkt blieb dieses Jahr auf der Strecke: die Pommes frites.

Volle Lagerbestände
«Eigentlich freuen wir uns ja immer über eine gute Ernte», erzählt Ruedi Fischer als erfahrener Kartoffelbauer. Doch besonders bei den Kartoffeln, welche für eine Weiterverarbeitung zu Pommes frites gedacht sind, ist die Lage kritisch. «Die Kartoffeln der Ernte 2019 sind verarbeitet und nun als Pommes frites eingelagert. Und diese Lager sind übervoll.» Durch das für Kartoffeln ideale Wetter stehe man nun dieser Jahr vor einer überdurchschnittlichen Ernte. «Bei einer unterdurchschnittlichen Ernte wäre jetzt alles halb so schlimm. Am Kartoffelanbau 2020 konnten wir auch nichts mehr ändern. Die Kartoffeln waren bereits vor der Coronakrise im Boden», so Fischer. Dies hat auch direkte Folgen für die Region. Die KADI AG aus Langenthal, welche Kühl- und Tiefkühlwaren wie etwa Pommes frites herstellt, musste schon früh ankündigen, dass sie dieses Jahr nicht imstande sei, die diesjährigen Verträge einzuhalten. Dies betrifft etwa auch die Terralog AG aus Kirchberg, eine der grössten Kartoffellieferanten und -lageristen der Schweiz. Aufgrund dieser Lagerengpässe kann die Terralog AG voraussichtlich nicht alle Kartoffeln, welche mit den Bauern auf Tonnenbasis vereinbart wurden, abnehmen.
Zur Absicherung vor solchen Ereignissen wurde in der Kartoffelbranche aber vorgesorgt. Als Sicherheit besteht ein Verwertungsfonds, der von den Kartoffelproduzenten und Handelsbetrieben ins Leben gerufen wurde. Dieser Fonds funktioniert folgendermassen: Pro 100 Kilo Kartoffeln werden Fr. 1.20 erhoben. 25 Rappen werden als Kostendeckung für Branchenarbeit, etwa für Werbung oder die Arbeit der Geschäftsstelle, verwendet, die restlichen 95 Rappen fliessen in den Fonds. Heute umfasst dieser rund acht Millionen Franken und dient hauptsächlich dazu, den Kartoffelbauern für allfällige Ausfälle eine Entschädigung auszahlen zu können. Ruedi Fischer erklärt weiter: «Es ist eine Art Versicherung. Jedes Jahr werden durchschnittlich rund 10 000  Tonnen Kartoffeln zu anderen Verwertungszwecken wie als Biogas oder Tierfutter zur Frischverfütterung zugeführt. In Ausnahmejahren ist diese Zahl schon auf 50 000 Tonnen gestiegen.» Dank dem Fonds erhalten die betroffenen Bauern trotzdem eine Entschädigung. Diese ist nötig, da der Kartoffelanbau besonders kapitalintensiv ist und so dafür gesorgt werden kann, dass keine Produkte wie die fertigen Pommes frites der vorherigen Ernte vernichtet werden müssen, sondern die überproduzierten Kartoffeln trotzdem auf eine sinnvolle Art verarbeitet werden können.
Im allerschlimmsten Fall könnte der Fonds aber nicht reichen, wie Ruedi Fischer befürchtet. Darum hat man sich  an den Bund gewendet und hofft auf eine Hilfestellung. Ruedi Fischer erklärt, dass die Kartoffelbranche seit 2007 komplett eigenständig sei und keine Zuschüsse vom Staat erhalte. Der Präsident der Vereinigung der Schweizerischen Kartoffelproduzenten zieht einen Vergleich mit den Schweizer Weinbauern, welche vom Bund als Coronahilfe zehn Millionen Franken erhalten haben. «Wenn man in ihrem Antrag das Wort ‹Traube› durch ‹Kartoffel› ersetzen würde, würde es fast 1:1 auf uns zutreffen», lacht Fischer. Der Verband hofft nun auf eine baldige Rückmeldung des Bundes.

Mehr Kartoffeln für die Schweiz
Ruedi Fischer, der auch als Vize­präsident von Swisspatat, der Branchenorganisation für Schweizer Kartoffeln, waltet, ist selbst ein grosser Fan der leckeren Knollen: «Kartoffeln sind ein fantastisches Produkt und nebenbei auch sehr gesund.» Er weiss auch, dass beim Kartoffelkonsum in der Schweiz, besonders im Vergleich mit dem Ausland, noch Luft nach oben ist. «Ein Schweizer isst pro Jahr im Durchschnitt 45 Kilogramm Kartoffeln. Gerne würden wir uns auf die 60 Kilogramm wie in Deutschland zubewegen», wünscht sich der Kartoffelbauer aus Bätterkinden. Einen kleinen Grund zur Freude gibt es bereits: «Dieses Jahr steht der Durchschnitt sicher schon über 45 Kilogramm.»
Orientieren könne man sich etwa an Belgien. Durch das Coronavirus steckt die riesige Kartoffelindustrie dort momentan in einer Krise. Nach dem (übersetzten) Motto «Rette Kartoffeln, iss Pommes» sollen die Belgier dazu animiert werden, mehrmals in der Woche zu den Erdäpfeln zu greifen, um den Überschuss von 750 000 Tonnen Kartoffeln zu retten.
In der Schweiz werden jährlich durchschnittlich circa 450 000 Tonnen Kartoffeln produziert. Dabei kommt es trotz gleichbleibender Fläche alleine aufgrund des Wetters zu Ernteschwankungen von plus oder minus 100 000 Tonnen. Hierzulande geniesst die Kartoffel aber nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert, nicht zuletzt, weil sie wichtiger Bestandteil einiger Nationalgerichte ist. Raclette oder Rösti ohne Kartoffel? Undenkbar! Ruedi Fischer bringt es auf den Punkt: «In der Schweiz kommen Kartoffeln wohl knapp nach den Kühen und der Milch.»

David Kocher

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