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Männer mit eigenem Stil gesucht

| Do, 02. Jul. 2020

BURGDORF: Der Burgdorfer Jürg Hulliger möchte zu einem modischen Umdenken bei Männern anregen. zvg

Wenn Jürg Hulliger durch die Strassen spaziert, dann weiss er, dass die Blicke der Menschen (sowohl von Männern wie auch von Frauen) auf ihm haften. Denn der emeritierte Chemie-Professor sticht aus der Menge heraus, und das ganz bewusst. Denn die Kleidungsstücke, die er trägt, sind sorgsam nach einem Prinzip ausgewählt, das er bei den meisten anderen Männern vermisst: einem eigenen Stil. Um auch andere Männer dazu zu bewegen oder zumindest dazu anzustossen, sich modisch zu entfalten, hat er das Projekt «New Look for Men» gestartet und seine Gedanken in einem Buch festgehalten.

Es muss nicht immer trist sein
«Krawatten, Schwarz und schwere Schuhe, das muss nicht für immer so sein», bringt Jürg Hulliger seine Modephilosophie auf den Punkt. Nur weil man etwas schon lange auf eine bestimmte Art und Weise macht und sich daraus Konventionen gebildet haben, muss es ja nicht so bleiben. Nur denke halt niemand darüber nach, so Jürg Hulliger im Interview mit der Zeitung «D’REGION». Schon alleine wenn er an einer belebten Strasse die Menschen beobachte, so falle ihm sofort auf, dass zu einem überwiegenden Teil nur Jeans getragen werden. «Jeans sind mir einfach unsympathisch, die trage ich seit meiner Kindheit nicht mehr», erzählt der in Burgdorf wohnhafte Modekenner. «Alle kleiden sich wie der Rest. Wenn es vorgeschrieben wäre, dann würden alle dagegen protestieren, doch freiwillig machen sie es einfach.» Besonders was die Mode für Männer angeht, sei die Entwicklung stark stagnierend, wie Hulliger feststellt: «Vor rund 150 Jahren war die Herrenmode deutlich vielfältiger als heute.» So kommt es, dass Jürg Hulliger auch zu unkonventionellen Mitteln greift, um seine eigenen Geschmacks- und Modevorstellun­gen zu verwirklichen: Kleidungsstücke aus der Damenabteilung.

Es hat auch eine praktische Seite
Jürg Hulliger erinnert sich gut, wie alles begann. Als reitendes Kind sei ihm aufgefallen, dass die Reitmäntel für Damen deutlich länger waren und somit auch den Beinen besseren Schutz vor der Kälte boten. Da war ihm klar: «Bei der Damenmode gibt es auch praktisch Wertvolleres als bei den Männern!» Doch erst einige Jahrzehnte später hat sich Jürg Hulliger ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt. «Mir wurde klar, dass ich mich gar nicht so kleiden muss, wie es alle anderen erwarten», so Hulliger. «Wir denken über so vieles nach, warum nicht auch darüber, was wir wirklich anziehen wollen. Ich trage diese Kleidungsstücke schliesslich nicht aus Protest oder als Auflehnung, sondern weil sie mir gefallen.» Dass eine Akzeptanz für diese auffällige Art des Auftretens da ist, merkt der 66-Jährige an den Reaktionen der Mitmenschen: «Ich erhalte durchwegs positive Reaktionen. Vor allem Männer sprechen mich oft darauf an, dass sie auch gerne so etwas tragen würden, sich aber oftmals nicht trauen.» In seinem Buch «Kleider machen den Herrn» skizziert Hulliger dabei einige Begegnungen, welche ihm besonders in Erinnerung geblieben sind, etwa als er von einem Wächter im unteren Schloss Belvedere in Wien für sein passendes Outfit gelobt wurde.
Dabei bemerkt er auch, dass eigentlich niemandem auffalle, dass seine Oberteile oftmals aus der Damenabteilung stammen. «Selbst Modekennern fällt es höchstens dadurch auf, dass die Knöpfe auf der ‹falschen› Seite sind», erzählt er verschmitzt.
 
Achtung: kein Dandy
Für Jürg Hulliger ist es aber wichtig, dass er sich deutlich vom Dandyismus abgrenzt, jener Mode- beziehungsweise Stilform, die im 19. Jahrhundert in England entstanden ist und das eigene Aussehen und Auftreten im Mittelpunkt zelebriert. «Ich bin dazu viel zu praktisch. Bei einem Dandy dauert das Ankleiden teilweise mehrere Stunden. Ich dagegen bin, wenn ich ausgewählt habe, was ich anziehen will, in zehn Minuten bereit», erklärt Jürg Hulliger. Auch drehe sich bei ihm, im Gegensatz zu den Dandys, nicht alles um den Wert der Kleidungsstücke. «Man muss für schöne, stilvolle Kleidung nicht nach Sydney oder Paris fliegen, auch in der eigenen Region finden sich tolle Teile», weiss der ehemalige Professor aus Erfahrung. So präsentiert er bei seinem Besuch in der Redaktion eine Tasche, welche er selbst mit Teilen aus einer Brockenstube geschmückt hat und die als Designerhandtasche durchgehen könnte.
«Für Männer ist es oft besonders wichtig, was ihre Freunde und Kollegen tragen und wie sie damit auf andere wirken. Dabei befolgen sie dann immer die gleichen Muster», kritisiert Hulliger. Mit seinem Projekt möchte er einen Anstoss geben und zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. Er warnt aber auch davor, einfach nur einen fremden Stil zu kopieren. Es sei schliesslich nicht sein Ziel, dass nun künftig alle so herumlaufen wie er selbst, sondern, dass jeder seinen eigenen, individuellen Stil finden soll.

Wo beginnt man(n)
Wer sich dafür interessiert, modisch etwas vom konventionellen Pfad abzuweichen und Neues auszuprobieren, dem hat Jürg Hulliger auch einige Ratschläge: «Zuerst muss man sich fragen, ob Mode einem wichtig ist. Wer das bejahen kann, muss sich genau bewusst werden, was gefällt, und woher man diese Stücke überhaupt beziehen kann, etwa aus dem Internet oder aus Boutiquen. Wichtig ist schlussendlich auch, wo und wann die Kleidungsstücke passen.» Das Finden des eigenen Stils sei ausserdem ein Prozess, den man über eine längere Zeit entwickeln muss. So rät Jürg Hulliger etwa, die Partnerin beim Einkaufen zu begleiten und dabei nicht nur abgelenkt auf das Handy zu schauen, sondern mit einem kritischen Auge zu beobachten. «So schafft man ein Verständnis und eine Grundlage für Mode, auf die man aufbauen kann.»

David Kocher

Weitere Informationen und das Buch «Kleider machen den Herrn» von Jürg Hulliger sind kostenlos unter www.newlook-formen.com (Webdesign: Brigitta Hulliger) zu finden.

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