Rehkitzrettung mit Drohnen

| Mi, 05. Aug. 2020

UTZENSTORF: Der Titel der Abendführung im Schloss Landshut Utzenstorf klang spannend, entsprechend gross war das Interesse an diesem Anlass. zvg

Viele Jäger, einige Landwirte, aber auch interessierte Familien trafen sich am vergangenen Donnerstag, dem bisher heissesten Tag des Sommers 2020, im Festsaal des Schlosses Landshut, um dem spannenden und sehr informativen Vortrag von Armon Schlegel beizuwohnen.
Schlegel stellte sich als Bauernsohn, Journalist und Jäger aus dem Engadin vor, der sich der Aufgabe der Kitzrettung verschrieben hat. Zusammen mit seinen Kollegen der Jagdsektionen der Gemeinde Scuol hat er vor vier Jahren die Aufspürung von Rehkitzen via Drohne «ertüftelt» und erfolgreich umgesetzt.
Zuerst zeigte Armon Schlegel den Anwesenden jedoch das schockierende Bild eines «vermähten» Rehkitzes. Zum Glück verzichtete er auf das Abspielen der Schreie … Wieso müssen jährlich so viele Kitze verletzt oder getötet werden? Zur Beantwortung der Frage ist ein Rückblick in die Evolution hilfreich: Rehe gibt es seit 20 Millionen Jahren, Rotwild seit 10 Millionen Jahren. Der Mensch bewohnt die Erde seit 300 000 Jahren, Landwirtschaft wird seit 8000 Jahren betrieben. Die erste Mähmaschine wurde 1830 entwickelt, damals noch von Pferden gezogen. Motorisierte Maschinen gibt es seit rund hundert Jahren. Rehe haben eine einfache Verdauung, daher sind sie auf Kräuter und Gräser, sprich Wiesen, angewiesen. Im Gegensatz dazu haben Hirsche eine bessere Verdauung und können sich im Wald gut ernähren. Dort sind sie seit jeher auf der Flucht vor Wölfen und Bären und bewegen sich unheimlich schnell durchs Gehölz. Rehe dagegen haben gelernt, sich auf den Wiesen im hohen Gras zu verstecken. Die Rehgeiss bringt ihre Kitze (meist Zwillinge) im hohen Gras zur Welt. Diese sind von Geburt an «geruchlos» und werden mehrheitlich von der Geiss alleine gelassen, um vor Raubtieren wie Füchsen, Hunden, Wölfen und Dachsen nicht entdeckt zu werden. Die Rehgeiss ist jedoch stets in der Nähe. Bei Gefahr können sich Rehkitze dermassen stillhalten, dass man sie nur findet, wenn man darüber «stolpert»… Diese Strategie funktioniert leider bei Mähmaschinen nicht. Neue Beobachtungen zeigen sogar, dass sich Rehe mittlerweile so gut an Menschen gewöhnt haben, dass althergebrachte Vergrämungsmethoden wie z. B. Tücher, Blinklichter, Styropor, CDs etc. aufhängen praktisch nutzlos sind.

Jährlich werden rund 3000 Rehkitze «vermäht»
Natürlich kommen auch die Entwicklung der Landwirtschaft und die Klimaerwärmung zur Sprache. Im Vergleich zu 1960 wird heute rund vier Wochen früher gemäht, Wiesen werden grösser, Fluchtmöglichkeiten wie Hecken weniger. Die Rehe halten nicht Schritt mit dieser Entwicklung, die Kitze werden nur rund drei bis vier Tage früher geboren als noch vor 60 Jahren.
Man geht davon aus, dass jährlich rund 3000 Rehkitze «vermäht» werden. Davon hatten die Bündner Jäger genug und so begannen sie vor acht Jahren, intensiv nach einer Lösung zu suchen. Ziel war es, eine Drohne mit Wärmebildkamera und normaler Kamera, leicht und handlich, zu entwickeln. «Wieso eine Wärmebildkamera?», war die erste Frage, die fast alle im Saal beschäftigte. Wie oben beschrieben verstecken sich Rehkitze im hohen Gras und sind daher mit der normalen Kamera allein nicht zu erkennen. Erschwerend kommt dazu, dass Kitze von ihren 38 °C Körpertemperatur lediglich circa 23 °C an die Umgebung abgeben. Die Wärmebildkamera nützt also nur, wenn die Lufttemperatur deutlich darunter liegt, also frühmorgens. Nach dem Auffinden wird eine Kiste über die Kitze gestülpt, wenn möglich ohne Körperkontakt wegen der erwähnten Geruchlosigkeit. Die Holz-/Plastikkisten müssen beschattet und vor allem beschwert werden, damit die Kitze die Gefangenschaft überleben und nicht «abhauen» können. Nach dem Mähen wird die Kiste weggenommen. Den Kitzen scheint dieses Prozedere nicht zu schaden und nach kurzer Zeit holt die Mutter ihre Jungtiere ab und lotst sie in ein neues Versteck.
Im Jahr 2018 war man endlich so weit, der Prototyp war bereit. Im ersten Jahr konnten die Jäger auf den paar Wiesen, welche zur Verfügung gestellt wurden, 35 Kitze retten. Diese Nachricht überzeugte Bauern und Wildhüter und verbreitete sich rasch via Fernsehen und Printmedien. Die beteiligten Jagdsektionen der Gemeinde Scuol um Armin Schlegel gewannen sogar den Hegepreis 2018 des Kantons Graubünden. In der Folge weitete der Kanton Graubünden das Projekt auf den ganzen Kanton aus. Dafür wurde ein Budget für die Anschaffung von zwanzig Ausrüs­tungen gesprochen.
In Zusammenarbeit mit einem Start-­up aus dem Unterland wurden die zwanzig Ausrüstungen auf 2019 geliefert. Damit wurden im letzten Jahr im ganzen Kanton Graubünden 1132 Einsätze geleistet und 448 Kitze gerettet. Eindrückliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass alle Einsätze ehrenamtlich geleistet werden.
Den Jägern geht es dabei nicht um «Jäger gegen Bauer», sondern um das Tierwohl. Das schwerverletzte (tote) Rehkitz ist das eine, die vergifteten Kühe, welche Heu mit Kadaverbefall fressen, das andere. Die Rehkitzrettung ist also im Sinne aller Parteien.
Armon Schlegel erklärte den Anwesenden die Anforderungen an die Ausrüstung, die Zusammenstellung der Teams sowie die Organisation der Rehkitzrettung im Kanton Graubünden. Die notwendigen rechtlichen Aspekte kamen natürlich auch dazu. Im Publikum befand sich auch Thomas Röthlisberger, Präsident des Vereins «Rehkitzrettung CH» (www.rehkitzrettung.ch).
Dieser Verein arbeitet daran, die Rehkitzrettung in der ganzen Schweiz auszubauen und zu koordinieren. Wer Helfer, Pilot oder Gönner werden will, darf sich gerne beim Verein melden. Zusätzlich wurden alle Anwesenden aufgefordert, mit Landwirten aus ihrer Umgebung zu sprechen und sie über die Rehkitzrettung zu informieren.
Nach dem «Theorieteil» gabs im Schloss­park noch eine praktische Vorführung. Armon Schlegel liess eine Drohne fliegen, stellte zusammen mit seiner Frau die Suche nach einem Kitz nach und zeigte ein paar technische Finessen. Die anschliessenden Fragen der Anwesenden wurden bodenständig und kompetent beantwortet. Ein aufschlussreicher, interessanter Abend war vorbei und mit der Frage, ob eine solche Suche auch bei Schnee und Regen möglich sei, wurde die bereits gute Stimmung noch zusätzlich aufgeheitert.

Alexandra Weber

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