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Frauen und Mädchen sind die Opfer

| Mi, 18. Nov. 2020

BURGDORF: Vom 25. November bis 10. Dezember 2020 findet die orangefarbene Mahnung gegen Gewalt an Frauen statt. Wie 2019 organisiert auch dieses Jahr der Soroptimist International Club Burgdorf die orangenfarbene Bestrahlung verschiedener Gebäude. zvg

«Seit 1999 wird der 25. November von den Vereinten Nationen offiziell als ‹Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen anerkannt›», erläutert Dr. med. Nevenka Wyss, die sich als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie beruflich seit Langem mit diesem Problem und seinen Auswirkungen befasst. Nach einer Aktion der Burgdorfer Soroptimistinnen im letzten Jahr müssen sie ihre geplante Aktion mit einem fundierten Infoanlass für 2020 fallen lassen.

Schutz, Beratung, Unterkunft
«Es ist uns ein dringendes Anliegen, der Öffentlichkeit Sinn und Zweck der mittlerweilen als ‹Orange Days› bekannten Beleuchtungsaktionen an markanten Gebäuden zu erklären», fährt sie fort. Vom 25. November 2020 an werden unter anderem der Bergfried von Schloss Burgdorf, die Gebäude Kornhaus, Schützenhaus, Museum Franz Gertsch, Theater Z, die Stadtkirche Burgdorf sowie die Kirchen von Oberburg und Kirchberg in orangem Glanz erstrahlen. Die reformierte Kirche Burgdorf organisiert zusätzliche Aktionen gegen Gewalt an Frauen. Zahlreiche Burgdorfer Geschäfte und Restaurants unterstützen die «Orange­Days», indem ihre Gebäude und Schaufenster orange leuchten und Geld gesammelt wird für das Frauenhaus in Bern, in welchem von Gewalt betroffene Frauen und Kinder Schutz, Beratung und vorübergehende Unterkunft finden. Sie hat in monatelanger Arbeit Zahlen, Statistiken und Belege für Gewalt gegen Frauen zusammengetragen. «Es ist ein globales Problem», fährt die Psychiaterin fort, «jährlich werden circa 500 000 Frauen weltweit unter den Augen der Öffentlichkeit ermordet.»
Die Gewalt an Frauen beinhaltet verschiedene Formen wie häusliche, sexuelle und psychische Gewalt, Frauenhandel, Zwangsprostitution und -heirat, weibliche Genitalverstümmelung, Steinigung, Säureattentate, digitale Gewalt bis zum Femizid, d. h. die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit wie Ehrenmorde, Mitgiftmorde (ca. 25 000 in Indien) und vor allem die in Indien und China häufig praktizierten Abtreibungen weiblicher Föten nach vorgeburtlicher Geschlechtsselektion bzw. die Tötung von neugeborenen weiblichen Babys. Allein in Indien zählt man jährlich zwei bis fünf Millionen Opfer.
Nevenka Wyss spricht von struktureller Gewalt, «die gesellschaftliche, wirtschaftliche oder kulturelle Strukturen und Bedingungen umfasst, die Einzelpersonen oder Personengruppen benachteiligen. Das bedeutet nicht automatisch direkte Gewalt, ist aber in gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Machtverhältnisse eingebettet, welche Frauen benachteiligen.» Sie bezeichnet die Femizide als «schlimmste Folgen der strukturellen Machtunterschiede in der Gesellschaft». Zunehmend Probleme macht heute auch schon bei jungen Mädchen digitale (Cyber-)Gewalt.

Jede Fünfte in der Schweiz
Laut Nevenka Wyss «benennt die Weltgesundheitsorganisation die Gewalt gegen Frauen als eines der grössten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit. Für Frauen zwischen 15 und 45 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, von ihren Männern zu Krüppeln oder zu Tode geprügelt zu werden weit grösser als das Risiko, an Krebs, Malaria, einem Verkehrsunfall oder im Krieg zu sterben. Gemäss UNICEF stellt diese Gewalt die häufigste Menschenrechtsverletzung weltweit dar.»
Die Soroptimistinnen Burgdorf engagieren sich gemäss ihrem Leitsatz «Eine weltweite Stimme für die Frauen» im Rahmen der «Orange Days» dafür, das öffentliche Bewusstsein bezüglich Gewalt an Frauen und Mädchen zu verbessern, Informationsarbeit zu leisten und das Thema möglichst anhaltend zu enttabuisieren.
Statistiken zeigen, dass die Frauen in der Schweiz weniger Gewalt erleben im Vergleich zu Frauen in anderen Ländern. Trotzdem zeigt eine repräsentative Umfrage von 2019, dass jede fünfte Frau in der Schweiz schon (strafrechtlich relevante) sexuelle Gewalt erfahren hat. 7949 Frauen sind Opfer von häuslicher Gewalt geworden. In den letzten zehn Jahren werden jährlich durchschnittlich 25 Frauen und Mädchen ermordet und 52 Opfer von Tötungsversuchen. Im Sexgewerbe werden von den weltweit Hunderttausenden «gehandelten» Frauen jährlich 1500 bis 3000 in der Schweiz angepriesen.
2019 zeigen 679 Frauen eine Vergewaltigung an. In 65 Prozent dieser Fälle kennen sich Täter und Opfer. Seit 2015 steigt die Zahl der Vergewaltigungen jährlich um über einen Viertel. 22 Prozent aller Schweizer Frauen und Mädchen ab 16 Jahren – rund 800 000 – machen ungewollte sexuelle Erfahrungen. 400 000 Frauen in der Schweiz sind bis heute vergewaltigt worden. Und nur jede zehnte erstattet Anzeige.

Psychische Gewalt
Als Psychiaterin weiss Nevenka Wyss von den seelischen Verletzungen, welche psychische Gewalt mit allen möglichen Formen von emotionalen Schädigungen und Verletzungen bei Betroffenen auslöst: «Dazu gehören verbale Erniedrigungen, Beleidigungen, Beschuldigungen, Drohungen, Einschüchterungen, aggressives Anschreien, Ignoranz, Missachtung, Verleumdungen, Falschaussagen, Rufmord, Mobbing, Stalking usw.» Häufig beginnt psychische Gewalt als schleichender Prozess von Grenzverletzungen und -überschreitungen und hinterlässt keine sichtbaren Wunden.
Ziel der jetzt laufenden Kampagne ist, mit verschiedenen Aktionen aufmerksam zu machen auf unhaltbare Zustände infolge Gewalt gegen Frauen, die Bevölkerung zu sensibilisieren, die entsprechenden Organisationen zu vernetzen und neue Präventionsansätze zu verwirklichen. Sie schliesst mit dem Aufruf: «Es braucht vermehrten Einsatz von Staat, Politik und Justiz, aber auch mehr Zivilcourage und ein grösseres öffentliches Bewusstsein bezüglich Gewalt an Frauen und Mädchen.» Um noch anzufügen: «Diese 16 Aktionstage sollen uns auch emotional mobilisieren, denn Gefühle bewegen die Welt mehr als Verstand.»
Marlies Budmiger als Präsidentin und Kathrin Fiechter als Programmchefin von Soroptimistinnen International Club Burgdorf ergänzen die Ausführungen ihrer Kollegin bei dem Gespräch und hoffen, dass die Sammlung für das Frauenhaus Bern erfolgreich ausfällt.

Gerti Binz

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