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Jeder Strohhut ist ein Unikat

| Mi, 03. Feb. 2021

KRAUCHTHAL: Noch gar nicht lange ist es her, dass Alfred Däppen seine grosse Leidenschaft entdeckt hat: das Strohhutknüpfen. red

Mit flinken und präzisen Griffen legt Alfred Däppen die drei feuchten Strohhalme ineinander. Meine Bemerkung bejaht der 71-Jährige: «Es hat wirklich Ähnlichkeit damit, einen Zopf zu flechten.» Noch mit einem Stück Schnur fixiert und schon hat Alfred Däppen innerhalb weniger Minuten ein kleines Kunstwerk fertiggestellt: Eine kleine Rose, geflochten aus Stroh, dem gleichen Material, aus welchem er als einer der letzten Handwerker in der Schweiz Strohhüte von Hand anfertigt.

Aus dem Schüler wird ein Meister
Dass Alfred Däppen selbst das Handwerk des Strohhutknüpfens gelernt hat, ist eigentlich noch gar nich so lange her. Doch zuerst etwas zur Vorgeschichte: 1978 wechselte der gelernte Metzger seinen Beruf und begann in der JVA Thorberg zu arbeiten, erst in der Sicherheit, später in der Betreuung und schlussendlich im Handwerksatelier. Dort arbeitete er mit den Insassen anfänglich mit Holz. 2011 besuchte er schliesslich auf Anfrage seines Vorgesetzten im Rahmen der «Ballenbergkurse» einen Einstiegskurs für Strohhutknüpfen. Der Funken sprang sofort auf ihn über. «Es ist sicher auch eine gewisse Glückssache, dass ich noch zu dieser Tätigkeit gefunden habe», freut sich Däppen heute. Ende 2012 ging er in Pension und konnte so zusätzliche Zeit seiner neuen Leidenschaft widmen. Als kurz darauf sein ehemaliger Strohhutknüpf-Lehrer Frédéric Helfer verstarb, wurde er von dessen Familie angefragt, ob er nicht die Kursleitung übernehmen wolle. Däppen willigte sofort ein. Bereits 2013 leitete er seinen ersten eigenen Kurs im Strohhutknüpfen, ebenfalls im Kurszentrum Ballenberg.

Eine (fast) vergessene Handwerkskunst
«Früher gehörte die Schweiz neben England und Italien zu den Hauptländern für die Strohverarbeitung», erklärt Alfred Däppen. Was früher noch eine weitverbreitete, alltägliche Arbeit war, ist heute zu einem seltenen Kunsthandwerk geworden. Wie bei einem Koch liegen vor ihm auf dem Tisch die einzelnen «Zutaten» ausgebreitet, welche er für die Herstellung eines Strohhuts verwendet. Das Wichtigste dabei ist das Stroh selbst. Nur sehr wenige Betriebe bauen in der Schweiz überhaupt noch das notwendige Rohmaterial dafür an: Däppen kennt einen Landwirt aus dem Bezirk Affoltern (am Albis), welcher die verschiedenen Weizenarten extra für ihn anbaut. «Ich kriege das Stroh dann garbenweise, rüsten muss ich es selbst», erklärt der Rentner. Der grös­ste Teil davon muss schlussendlich aber entsorgt werden, denn für das Flechten kann nur der oberste Teil des Halmes verwendet werden. Alfred Däppen gehört zu einer Handvoll von Handwerkern, welche in der Schweiz noch von Hand Strohhüte knüpfen. Er schätzt die Zahl auf etwa vier. Und zurzeit ist er der Einzige, der diese fast vergessene Handwerkskunst in Kursen an andere interessierte Personen weitergibt. Däppen hofft natürlich, dass das Knüpfhandwerk auch nach ihm nicht vergessen gehen wird. Hoffnung setzt er etwa in seine Nachkommen: «Vielleicht werden mein Sohn oder meine Tochter das Ganze weiterführen, aber das weiss ich zurzeit noch nicht.» Einmal im Jahr führt er im Kurszentrum Ballenberg einen Workshop durch, bei welchem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer innert vier Tagen ihren eigenen Hut knüpfen. Wichtig sei ihm dabei nicht nur das Handwerk selbst, sondern auch der Austausch mit den Menschen. «Bei den Kursteilnehmern weiss ich, dass sie da sind, weil sie Interesse zeigen und diese Arbeit lernen wollen.» Auch dieses Jahr ist noch ein Kurs geplant, der vom 21. bis 24. Juni 2021 stattfinden soll. Ob er aber auch wirklich durchgeführt werden kann, steht noch in den Sternen.

Höchste Konzentration ist gefragt
Alfred Däppen schwärmt von seinem Hobby: «Es braucht Konzentration und schafft eine gute Ablenkung vom Alltag. Manchmal vergesse ich dabei alles um mich herum. Und am Ende hat man auch das tolle Gefühl, dass man etwas Schönes geschaffen hat.» Dieses Hobby hat auch einen äusserst gesunden Neben­effekt, wie Däppen weiss: «Mit dem fertigen Hut kann man im Sommer den Kopf schützen, etwas, das immer wichtiger wird.»
Für einen Strohhut benötigt Däppen so einiges an Material. Rund 80 Meter Schnur und 140 Meter Stroh werden für einen Hut verarbeitet. Wenn er das Material für eine Kursgruppe von acht bis neun Personen vorbereitet, kommt so mehr als ein Kilometer an zusammengestecktem Stroh zusammen. Dann muss das Stroh auch noch eingeweicht werden, da es sonst bei der benötigten Biegung bricht.
Neben den Kursen besucht Däppen auch Handwerkermärkte, «weniger um meine Hüte zu verkaufen, sondern um das Handwerk vorzustellen». Mit seinen Präsentationshüten und Werkzeugen gibt er Einblick in das Kunsthandwerk, was immer wieder grosse Menschenmengen anlockt. Besonders Kinder seien von dieser traditionellen Handarbeit ganz fasziniert. Er verkauft auch Strohhüte, stellt diese aber nie auf Vorrat her. Schliesslich ist jeder Hut ein Unikat, angepasst an die betreffende Kopfgrösse und nach individuellen Wünschen. Strohhut ist dabei nicht gleich Strohhut. Es gibt verschiedene Stile, etwa den Aargauer- oder den Freiburgerstil, welche sich im Aussehen unterscheiden. Auch zwischen Damen- und Herrenhüten finden sich deutliche Unterschiede. So ist die Krempe bei den Damenhüten länger und die Hüte werden für eine hellere Farbe oftmals gebleicht. Auch für den Feinschliff sind fast keine Grenzen gesetzt, verschiedene Bänder, Rosen und andere Verzierungen garantieren eine wirklich einzigartige Kopfbedeckung. Pro Strohhut fallen dabei rund 20 Stunden Arbeit an, exklusive Verzierung und Putzen/Präparieren des Strohs.
«Der Strohhut ist aber nicht nur etwas für ältere Männer und Frauen», so Däppen. «Auch 30-Jährige haben bei mir schon Hüte bestellt, besonders aus der Schwingerszene. Eine passende Kopfbedeckung im Sommer sollte man wirklich nicht unterschätzen.»

Nicht das einzige Hobby
Bei Bestellungen arbeitet Däppen jeweils am Vormittag an den neuen Strohhüten. So kann er einen Hut in einer Woche fertigstellen. «Aber nach vier Stunden brauche ich eine Pause. Das stetige Konzentrieren ist auch anstrengend für die Augen», weiss Däppen. Es ist aber auch nicht das einzige Hobby, welches Alfred Däppen pflegt. So ist er auch leidenschaftlicher Angler und Hornusser. Als Hornusser auch äusserst erfolgreich. Seit seinem 18. Lebensjahr sind rund 550 Hornusserauszeichnungen zusammengekommen. Auch heute steht er bei der HG Hindelbank gerne im Ries. Da unterbricht Däppen aber seine Erzählung: «An erster Stelle kommt aber immer noch meine Frau», ergänzt er verschmitzt.

David Kocher

Kontakt zu Alfred Däppen per Natel 079 261 20 25 oder E-Mail alfred.daeppen@gmail.com. Noch sind Plätze für den Strohhutknüpfen-Kurs im Juni 2021 unter www.ballenbergkurse.ch/kurse/knuepfen-strohhut verfügbar. Die Durchführung ist noch nicht definitiv.

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