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Mit dem weissen Stock unterwegs

| Mi, 24. Feb. 2021

WYNIGEN: Julia Straubinger von Wynigen gehört zu jenen Menschen, die mit einem weissen Stock unterwegs sind. In beeindruckender Weise gestaltet sie mit der Unterstützung ihrer Eltern ihr Leben. rst.

Wenn uns jemand mit einem weissen Stock begegnet, wissen wir, dass dieser Mensch sehbehindert oder blind ist. Julia Straubinger aus Wynigen gehört zu diesen Menschen. Von Geburt an ist die 35-Jährige stark sehbehindert mit 4 bis 5 Prozent Sehkraft im linken und 8 bis 10 Prozent im rechten Auge. Sie ist eine sympathische junge Frau, die schon sehr früh den Umgang mit dem weissen Stock kennenlernen musste und ihr Leben heute so lebt, wie es ihr gegeben wurde. Sie lebt mit ihren Eltern in Wynigen.
Julia Straubinger besuchte den Kindergarten und die Schule im Blindenheim in Zollikofen. Sie denkt an die recht schwierige Zeit zurück, die sie während der gesamten Schulzeit fern von ihrer Familie jeweils  vier Tage in der Woche in der Blindenschule verbrachte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich der Kontakt zu den gleichaltrigen Kindern im Dorf nicht gross entwickeln konnte. In der Blindenschule lernte Julia Straubinger die Blindenschrift, wendet sie heute jedoch nicht mehr an, denn die Vergrösserungssoftware erleichtert sehbehinderten Menschen die Arbeit am Computer und Hörbücher ersetzen ihnen heute das Lesen und Schreiben in der Brailleschrift. Das Smartphone mit Vergrösserung und Sprachausgabe ermöglicht Julia Straubinger auch die Kommunikation in digitaler Form.
Menschen, die ihr auf der Strasse begegnen, kann Julia Straubinger nicht erkennen. Sie spürt jedoch das Rascheln der Kleider oder riecht den Duft eines Parfums. Sie freut sich, wenn sie nicht ganz leise vorbeigehen und denken, sie würden ja nicht gesehen, sondern sie ansprechen und sich auch zu erkennen geben. Im Altersheim Sonnhalde in Burgdorf gefällt ihr die Arbeit. Normalerweise benutzt sie den Zug und geht zu Fuss an ihren Arbeitsplatz. Da dient ihr der weisse Stock als Tast- und Orientierungshilfe zu ihrer Sicherheit und ebenso macht er sie für andere als sehbehindert erkenntlich. Besonders Baustellen, die morgen nicht mehr aussehen wie heute, machen es ihr schwer und sind auch nicht ungefährlich. In der momentanen speziellen Corona­situation wird sie von ihrer Mutter am Morgen hingebracht und mittags wieder abgeholt. Wegen ihrer Sehschwäche hat sie einen festen Arbeitsplatz in der Wäscherei. Die Wäsche aufhängen, bügeln, zusammenfalten, wegräumen und die Mithilfe in der Hauswirtschaft gehören zu ihren Pflichten. Es gefällt ihr und der Kontakt zu ihren Arbeitskollegen/-innen ist gut.
Ob es Julia Straubinger langweilig wird, wenn sie nicht an ihrem Arbeitsplatz ist, kann ganz klar mit Nein beantwortet werden. Ihre ganz grosse Lieblingsbeschäftigung ist das Stricken. Sie denkt, dass sie wahrscheinlich erblich vorbelastet ist, denn schon ihre Grossmutter habe sehr gut stricken können und ihre Mutter stricke ebenfalls viel. Nichts zu tun kann sie sich nicht vorstellen. Sie hat mit einem Halstuch begonnen, später Pullover, Jäckli, Stulpen  und Sofadecken gestrickt. Sie ist froh über die Unterstützung ihrer Mutter, um verlorene Maschen zu suchen und das Produkt fertigzustellen. Zurzeit sind es Mützen in allen Farbvarianten, die sie für die Aktion «Weihnachtspäckli» der Christlichen Ostmission nach Moldavien spendet. Im vergangenen Jahr waren es 252 Stück und die Kiste füllt sich zusehends wieder für die kommende Aktion. Sie freut sich darüber, andern Menschen eine Freude machen zu können. Rot ist ihre Lieblingsfarbe, die sie, wie auch andere starke Farben, erkennen kann.
Julia Straubinger liebt es, mit den Händen etwas zu gestalten. Deshalb besucht sie auch sehr gerne regelmässig die vom Blindenverband angebotene Kreativgruppe in Burgdorf. Die getöpferte Stele, die Drahtkugel, der Weihnachtsengel, das Tuch um ihren Hals in Seidenmalerei und anderes mehr zeugen von ihrem handwerklichen Geschick. Sie liebt Musik und ist Mitglied der Steelband Burgdorf.
Julia Straubinger erzählt mit Begeisterung von einem Flug mit einem Sportflugzeug, der ihr geschenkt wurde, von einer Führung im Flughafen Belp und einem  Helikopterflug über die Stadt Bern. Sogar selbst am Steuer eines Autos zu sein wurde ihr ermöglicht. Was sie sich wünschen würde, wäre eine Ballonfahrt. Ganz allein würde Julia Straubinger in ihrem Alltag nicht zurechtkommen und deshalb ist sie sehr dankbar für die Unterstützung ihrer Eltern.

Rosmarie Stalder

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