«Kunscht uf d Gass» häppchenweise serviert

| Mi, 28. Apr. 2021

BURGDORF: Noch bis Ende April können Interessierte die fünf aussergewöhnlichen Kulturplakatsäulen bewundern. zvg

Dagmar Kopše, Kulturbeauftragte der Stadt Burgdorf, erläutert den Wanderwilligen zu Beginn des «Kulturplakatsäulen»-Spaziergangs bei der ersten Säule beim Coop an der Bahnhofstrasse die Entstehung der fünf Kunstwerke. «Infolge Corona blieben die Kulturplakatsäulen 2020 leer. Kein Kulturleben, keine Plakate, keine Auftritte, keine Ausstellungen. Und die Künstler mussten darben. Daher haben wir im Januar 2021 den Wettbewerb ‹Kunscht uf d Gass› öffentlich ausgeschrieben und 28 Projekteingaben erhalten. Die fünf Siegerprojekte werden wir in unserem Rundgang jetzt besuchen.»

Grossartige Ideen
Da laut Kopše so viele ausgezeichnete Projekteingaben erfolgt sind, wird fünf weiteren Kulturschaffenden ab Mai jeweils sechs Wochen lang die Kulturplakatsäule bei der Stadtbibliothek zur Verfügung gestellt, damit auch diese ihre Kunst vor sachverständigem Publikum präsentieren können. Alle zehn erfolgreichen Kulturschaffenden erhalten das gleiche Honorar von 2000 Franken und einen auf 1000 Franken begrenzten Kostenanteil an die Realisierung des jeweiligen Kunstwerkes.
Greta Eggimann, Künstlerin aus Heimiswil, hat 44 Menschen und einen Hund nach zugesandten Fotos mit dem Filzstift abgezeichnet und mit wenigen Strichen das Wesentliche der Persönlichkeiten hervorgehoben. Die Originalzeichnungen von «D Gsichter vo Burgdorf» kleben an der Säule vor dem Coop. Wenn die Künstlerin vor Ort gewesen ist, hat sie die Personen direkt gezeichnet und das Porträt auf die Säule geklebt. Gar mancher hat sich oder Bekannte bewundern können. Selber lachend erklärt Eggimann: «Ich habe noch nie so viele lachende Personen und entsprechend viele Zahnreihen gezeichnet.»

Aus dem Universum nach Burgdorf
Die Wandergruppe marschiert zur Säule bei der Kulturhalle Sägegasse, die Tobias Sturm –, freischaffender Illustrator aus Burgdorf –, gestaltet hat. Er beginnt seine comicartige Erzählung «Unendlich» in den Weiten des Universums und führt die Betrachter mit langgezogenen, schmalen Bildern aus der Dunkelheit zur Erde, wird immer detaillierter und präsentiert schliesslich Burgdorf und die Ecke bei der Kulturhalle Sägegasse, bis er sich wieder in der Unendlichkeit verliert. Die Stadt hat das Kunstwerk bereits angekauft.
Vor der Stadtbibliothek grünt und blüht «Chrut & Klang» als bewachsene und klingende Säule. Der Künstler Simon Kübli aus Lützelflüh empfängt die Besucherschar mit den Worten: «In der Senkrechten zu gärtnern ist völlig schräg. Und doch hat es geklappt.» Es ist ihm überzeugend gelungen, auch weil diese Säule zusätzlich eine Fülle ganz unterschiedlicher Musik erschallen lässt, welche Schüler/innen und Lehrer/innen der Musikschule liefern. Diese kann via QR-Code an der Säule per Handy gehört werden. Allerdings räumt Kübli ein, dass der «ersehnte überschäumende Wildwuchs nicht eingetreten ist».
Die vierte Kulturplakatsäule fordert die Betrachter. Manuel Burgener, Künstler aus Burgdorf, präsentiert ein fast leeres «Fotogramm» in annäherndem «Tiffany-Grün» (einem urheberrechtlich geschützten Farbton), das die Säule vollständig bedeckt. Er spricht von Waldgrün und Wasserblau und stellt somit die Verbindung zu Burgdorf her. Beim «Fotogramm» handelt es sich um ein «zufälliges, nicht vorhersehbares Kunstwerk», denn Burgener entwickelt in der Dunkelkammer praktisch blind ein übergrosses Fotopapier, wobei gelegentlicher Lichteinfall und die Bewegungen des Künstlers Akzente setzen.

«Magie, alles Magie»
Hat das «Fotogramm» noch teils nicht zu beantwortende Fragen aufgeworfen, ertönt an der fünften Kulturplakatsäule vor dem Bahnhof Oberburg immer wieder schallendes Gelächter. Lebensfreude, Schabernack und flotte Sprüche gehören genauso zu den Künstlern Luciano Andreani aus Oberburg und Markus Schrag aus Burgdorf wie zu ihrem «Wasserspiel». Die zwei sind seit 2003 als Duo «Hell und Schnell» ein eingespieltes Team und verzaubern die «Kulturbefliessenen» mit einem Wasserspiel, das sie rund um die Säule gebaut haben. «Inspiriert von Meret Oppenheim und ihrem weltbekannten Brunnen in Bern», erläutert Schrag. Im Übrigen sei sie ihm im Traum erschienen und habe Anweisungen für das Kunstwerk gegeben, das die beiden aus Wasserrinnen mit sich drehenden Rädern installiert haben. Ein Knopfdruck, dann plätschert Wasser und drehen sich Räder. Da Oppenheim Malven geliebt hat, haben die Künstler noch ein Malven-Bouquet aus bemaltem Blech kreiert. Auf die Frage, wie das abfliessende Wasser wieder an die Spitze der Kulturplakatsäule gelange, grinsen die Künstler: «Magie, alles Magie.»

Gerti Binz

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