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Eintauchen in vergangene Eisenbahnzeiten

| Do, 08. Apr. 2021

KIRCHBERG: Rudolf Hofer sammelt seit frühester Kindheit alles, was mit Eisenbahnen zu tun hat. zvg

Knapp 60 m2 gross ist das Zimmer unter dem Dach seines Einfamilienhauses, in dem Rudolf Hofer eine bis ins letzte Detail getreue Landschaft mit jeder nur denkbaren Variante an Geleisen samt zahlreichen Zugkompositionen, Bahnhöfen, Depots, Brücken und Landschaften erschaffen hat. Sogar der Schrebergarten samt üppigen Blumen und Gemüse fehlt nicht, genau wie die Hausensembles samt Umgebung, Wiesen, Hügeln und vielem mehr.
 
Bubentraum nie aufgegeben
Der gebürtige Burgdorfer Rudolf Hofer wächst in der Emmestadt auf, besucht hier die Schulen und absolviert eine Lehre als Chemielaborant in der Blaha (Firma Blaser AG, Hasle). Seine Liebe zur Verpackungstechnologie entwickelt er über Anstellungen bei der Stanniolfabrik, Burgdorf, Alpura Koreco (Nestlé), Konolfingen, und Schüpbach in Burgdorf bis zu seiner letzten Stelle in der Nyco in Kirchberg, die er nach 26 Jahren als Verkaufsleiter im Jahr 2013 beendet. Nach der Pensionierung kann er sich mit noch mehr Engagement seiner lebenslangen Leidenschaft Eisenbahnen und allem, was damit zusammenhängt, widmen.
«Schon im Kindergarten hat mir meine Grossmutter eine Tin-Plate-Modelleisenbahn aus Metall (Spur 0) geschenkt. Immer zu Weihnachten kam ein Wagen, eine Weiche, kamen einige Geleise dazu.» Die Anlage wurde auf- und abgebaut, die Freude blieb. Als circa Zwölfjähriger wurde ihm die Anlage zu «kindlich», er wechselte auf H0-Modelleisenbahnen. «Wieder wuchs die Anlage langsam, aber stetig, genau wie meine Freude und Leidenschaft für dieses Hobby. Alles Geld aus kleinen Ferienjobs, Geburtstagen, Weihnachten usw. fand den Weg in die Modelleisenbahn-Fachgeschäfte. Schon bald begann ich mit dem Bau einer richtigen Eisenbahnanlage, kaufte Holz beim Holzhandel Lötscher und fertigte in Handarbeit vieles wie Schienen selber an.»
Es folgt ein zeitlicher Stillstand während der Lehre, ersten beruflichen Wanderjahren usw. bis zur Hochzeit 1975. In der gemeinsamen Wohnung mit dem Eisenbahnzimmer kann sich Hofer wieder seinem Hobby widmen. Die beiden Kinder teilen in der Folge Vaters Leidenschaft und begeistern sich ebenfalls für die Modelleisenbahnen. Sie legen beim Ausbau der Anlage mit Hand an und fahren schon bald eigenständig die Zugkompositionen am Schaltpult.
Vor 18 Jahren haben Hofers von ihrem Haus in der Ey in Burgdorf in ein in der neuen Überbauung an der Ersigenstrasse in Kirchberg genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Haus mit zwei Wohnstockwerken und einem eisenbahnkonformen Dachstock gewechselt.
 
Zugbillette als passende Ergänzung
Kurz nachdem Hofer vor rund 40 Jahren mit dem Sammeln von Zugbilletten begonnen hat, rettet ein Kollege 1988 aus einer Bahnhofräumung einen alten Billettkasten. «Wunderschön, ein Geschenk des Himmels», strahlt Hofer noch heute, als er ihn aufschliesst und die vielen Hundert Billette präsentiert. «Damals war er leer, doch nun wusste ich, was meine Aufgabe war. Also begann ich, Zugbillette zu sammeln.» 1989 kann er bei der Radiosendung «Talisman» seine Eisenbahnleidenschaft und seinen Wunsch nach Zugbilletten präsentieren. «Das Ergebnis war einmalig. Ich erhielt sehr viele Billette zugesandt, manche mit ergreifenden Briefen bezüglich deren Bedeutung für die Absender.» So kam bis heute eine – sorgfältig geordnete – Sammlung von Exemplaren aus den Jahren 1930 bis zum Ende der Kartonbillette zustande.
Aber nicht nur das, auch andere Gegenstände wie Pfeifen, Uniformhüte, Fotos, die Schilderung spezieller Eisenbahnerschicksale sowie entsprechende Utensilien und vieles mehr haben den Weg an seine Adresse an der Ersigenstrasse 27 gefunden. Dort schmücken sie heute Wände, Regale und Treppenhäuser. Nach wie vor ist er froh über solche Gegenstände, die einen angemessenen Platz in seiner Sammlung finden werden.
Hofer erzählt: «Ein Brief von 1989 enthielt zwei Zugbillette nach Davos. Eine Frau schrieb mir, das erste Billett stamme von ihrer damaligen Fahrt 1936 nach Davos, bei der sie ihren späteren Ehemann kennengelernt habe. Das zweite von ihrer zwei Jahre später gemachten Hochzeitsreise, ebenfalls nach Davos. Da ihr Mann zwei Monate vor der ‹Talisman›-Sendung verstorben sei, wolle sie die Billette jemandem geben, der sie in Ehren halte. So sind sie bei mir gelandet. Ein Zugbillett ist nicht nur ein Kartonstückli.» Auch die zugeschickten Briefe mit teils ergreifenden Geschichten rund um die Zugbillette hat Hofer gesammelt.
Auch eine Ansichtskarte mit vier uralten Dampflokomotiven (1858, 1910, 1916, 1917) gehört zu Hofers besonderen Schätzen. Der neunjährige Raphael Bayeler hat ihm 13 Zugbillette geschickt und auch noch seinen kommenden Geburtstag mitgeteilt, worauf er vom Empfänger ein kleines Geburtstagsgeschenk zugeschickt bekommen hat. Die Ansichtskarte steckt in einem Kuvert, auf das der Bub mit Bleistift zwei Lokomotiven gezeichnet hat. In den Rauch der grösseren hat er Hofers Adresse geschrieben. Dieser betont, dass er jede Zusendung persönlich – teilweise mit kleinen Geschenken – verdankt hat.
 
Statt Karton digital
Die Zeiten, als ein Kondukteur noch Kartonbillette (Edmonsonsche Fahrkarten) geknipst hat, sind lange vorbei. Der Engländer Thomas Edmonson ist es 1836 als Bahnhofvorstand von Milton leid, jedes Zettelbillett von Hand auszufüllen. Für häufig gebrauchte Verbindungen kreiert er vorgedruckte Kartonbillette, die mit einer fortlaufenden Nummer versehen werden. Als rechtsverbindlicher Beförderungsvertrag enthält das Billett Angaben zur Fahrstrecke, Wagenklasse, zum Fahrpreis und zur Gültigkeitsdauer. Bei Preisänderungen muss der Fahrpreis handschriftlich nachgeführt werden.
Auch die Farbe hat ihre Bedeutung. Braun steht für die zweite und dritte, Grün für die erste Klasse. Halbe Billette (für Kinder und Hunde) schneidet der Kondukteur mit der Schere durch. Hofer erläutert: «1943 gab es circa 40 verschiedene Ausführungen von Fahrkarten wie Einfache, Hin- und Rückfahrt, Halbe Taxe, Schnellzug-Zuschläge, Klassenwechsel, Umweg, Sonntag, Ausstellungen, Rundfahrten, Beamten-Billette usw. Sogar das Entwerten folgte bestimmten Regeln. Auf der Hinfahrt wurde links, auf der Rückfahrt rechts gelocht. Eine Besonderheit war, dass die Kondukteure bei der Schlusskontrolle dem Reisenden das Billett abgenommen haben. Auf Verlangen hat Letzterer den Fahrausweis nach einer Zusatzlochung im Ausgabedatum zurückerhalten. Andernfalls hat der Kondukteur die eingesammelten Billette an eine Sammelstelle eingeschickt und einen kleinen Betrag pro Stück vergütet bekommen.» Wer heute sein auf dem Handy gespeichertes digitales Billett vorweist, kann sich diese Vorgehensweise kaum mehr vorstellen.
Als eines seiner interessantesten Sammelstücke bezeichnet Hofer das Lehrbuch von J. Pfiffner-Wehrli aus Täfers, der 1943 eine Stelle bei der SBB angetreten und einen Lehrgang für Bahnbeamte absolviert hat. Sein handschriftlich geführtes Lehrbuch enthält unter anderem sämtliche Fahrkarten von Edmonsonschen Billetten sowie alle anderen damals gültigen Fahrausweise, darunter einige GAs, Ferien-GAs usw. Der mehrjährige Lehrgang ist von Hand geschrieben und alle technischen Darstellungen, Motoren, Getriebe-, Brems-, Weichensysteme usw. sind von Hand gezeichnet und farbig ausgemalt. Natürlich gehört auch ein Prägestempel der Firma Güller aus dem Jahr 1893 zur Billettsammlung.
Abschliessend weist Hofer auf einen vielseitigen Bericht im Schweizer Modellbahnmagazin «LOKI», Nr. 2/2020, hin, in dem er sein Hobby ausführlich präsentiert hat.

Gerti Binz

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