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Schloss Burgdorf: «Baustelle zur Frauengeschichte»

Mi, 15. Sep. 2021

BURGDORF: Im 50. Jubiläumsjahr zum Frauenstimmrecht wird deutlich, dass auch 2021 Frauen und ihr Wirken – genau wie in vergangenen Epochen – zu wenig beachtet und gewürdigt werden. zvg

Dem wollen die Verantwortlichen des Museums Schloss Burgdorf mit einer ungewöhnlichen Ausstellung entgegenwirken. Einbezogen sind Besuchende und die Bevölkerung von nah und fern mit Bezug zu Burgdorf, die mit eigenen Geschichten und Gegenständen das Frauenbild von einst bis jetzt besser verständlich machen. Im Ausstellungsraum im Schloss informieren zahlreiche Hinweise darüber, was alles an Gegenständen und Geschichten nötig ist, um dieses neuartige Ausstellungsforum zu einer Erfolgsgeschichte wachsen zu lassen.

Aussen vor, vergessen, ignoriert
Museumsleiter Daniel Furter, der sich engagiert für die Realisation des Projektes eingesetzt hat, begrüsst die fast ausschliesslich weiblichen Anwesenden zur Eröffnung der «Baustelle» und übergibt die Erläuterung «dieser künftig hoffentlich aussergewöhnlichen Ausstellung» an die Historikerin Katrin Rieder aus Bern, die als Kuratorin tätig ist. Für die szenografische Umsetzung zeichnet Karin Bucher aus Trogen. Gemeinsam weisen alle darauf hin, dass die Gleichstellung von Mann und Frau «noch längst nicht erreicht ist». Und das praktisch in allen Bereichen des täglichen Lebens. Diese Realität zieht sich fast gleichbleibend durch die Jahrhunderte hin, nur ganz vereinzelt unterbrochen von herausragenden weiblichen Persönlichkeiten, die in den Geschichtsbüchern Beachtung gefunden haben.
Katrin Rieder, die bereits bei der Neueinrichtung des Museums Schloss Burgdorf mitgewirkt hat, greift auf vorhandenes Zahlenmaterial zurück und zeigt die Untervertretung von Frauen in der allgemeinen Wahrnehmung auf: «Über das ganze Museum hinweg kommen in den Ausstellungstexten 18 Prozent Frauen und 82 Prozent Männer vor.» Im Burgdorfer Jahrbuch handeln 12 Prozent der Personenporträts von Frauen und 88 Prozent von Männern.
Sie fragt neben anderen Beispielen weiter: «Wie viele Strassennamen in Burgdorf sind Frauen gewidmet? Genau einer, der Spyriweg (nach Johanna Spyri und deren Welterfolg ‹Heidi›). Die Frauen erhalten seit eh und je weniger Präsenz; ihre Geschichten sind schlechter, ungenügend oder gar nicht aufbereitet. Und das nicht nur in Museen, sondern auch in der historischen Forschung, welche die Frauen lange Zeit aussen vor gelassen, vergessen und ignoriert hat.»

Lücke schliessen
Diese Lücke wollen die Verantwortlichen mit der «Baustelle zur Frauengeschichte» jetzt schliessen, indem im Museum Schloss Burgdorf in einem Raum ausschliesslich Geschichten von Frauen aus der Region Burgdorf und dem Emmental und themenbezogene Objekte präsentiert werden. In diesem speziell eingerichteten Raum mit Recherchierstation und Erzählsesseln sowie einer Mitwirkungswand wird von September bis Dezember 2021 mit der Bevölkerung und den Besuchenden nach Frauen, Frauenorganisationen und Frauenereignissen der Region Burgdorf und Emmental gesucht, die später im Museum einen Platz finden sollen.
Als Beispiele nennt Katrin Rieder unter anderem «die Frauen von Rüederswil, die 1847 Unterschriften für die Abschaffung der Geschlechterbeistandsschaft (Geschlechtsvormundschaft) gesammelt haben. Oder Marie Schafroth, deren Reisesouvenirs einen Grossteil der ethnografischen Sammlung des Schlosses ausmacht. Wer weiss etwas über Clementia von Auxonne, die kinderlose Witwe von Berthold V, der 1218 die Grafen von Kyburg die Stadt Burgdorf und die Burg weggenommen haben?»

Hühnersuppe und Rosmarie Buri
Etwas präsenter ist die Geschichte der tapferen Frauen von Burgdorf, die ihren Männern tatkräftig im Kampf gegen den Feind beigestanden sind und dafür jährlich eine Hühnersuppe ausgerichtet erhalten. Als eine geizige Schultheissengattin später den Brauch abschaffen will, gehen die Burgdorfer­innen nochmals erfolgreich auf die Barrikaden. Schweizweite Beachtung findet auch die Burgdorfer Autorin Rosmarie Buri mit ihrer Biografie «Dumm und dick», in der sie ihren oft bedrückenden Alltag schildert.
Ganz anders hört sich die Geschichte von Marianne Gertsch an, die das erste Geschenk für die künftige Ausstellung präsentiert: ein Foto des 262. Solätteumzuges, auf dem sie Anfang der 1990er-Jahre als kurzfristig aufgebotene Vertretung einer Lehrerin in weissen Hosen deren Schulklasse anführt. «Offensichtlich habe ich, ohne es zu wissen, die jahrhundertelange Tradition der Lehrerinnen in weissen Kleidern beendet.»
Die Bevölkerung und interessierte Frauen und Frauenorganisationen sind eingeladen, an dieser «Baustelle» oder an entsprechend organisierten Workshops mitzumachen und mit ihren Beiträgen und Gegenständen beizutragen. Die Ergebnisse dieser «Baustelle» fliessen dann in den neuen Ausstellungsraum zur regionalen Frauengeschichte ein, der im April 2022 eröffnet werden wird.

Gerti Binz
Weitere Informationen auf der Website: schloss-burgdorf.ch/frauengeschichte

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