Ein Buschauffeur geht in Pension

  03.08.2022 Aktuell, Koppigen, Foto, Region, Burgdorf, Gesellschaft

Einen Tag vor dem Erreichen des 65. Altersjahrs trat Jürg Lanz seine letzte offizielle Dienstfahrt vor der Pension an. Vielleicht spürte er an diesem speziellen Tag eine leichte Wehmut, möglicherweise gepaart mit Erleichterung? Jedenfalls gestaltete sich diese Fahrt ganz anders als jede andere. Ohne sein Wissen hatte die Familie Bekannte dazu eingeladen, Jürg Lanz zu begleiten.
Die Busfahrt startete bei der Haltestelle «Koppigen Sternen», wo bereits zahlreiche Bekannte des Fahrers und Familienmitglieder ein Ticket lösten. Der Chauffeur schien erstaunt und erfreut darüber. Beim ersten Halt «Post» be­trat eine Frau mit strahlendem Lachen kurz den Bus, um dem offensichtlich äusserst beliebten Chauffeur Blumen und gute Wünsche zur Pension mitzugeben. Bei jeder Station stiegen neue Gäste zu, meist Freunde/-innen des Fahrers, aber auch einige Zufallspassagiere. Für eine weitere Überraschung sorgte Hans Dysli, der ab der Station «Löwen Niederösch» mit seinem Schwyzerörgeli rassige und mitreissende Volkslieder spielte. Das sorgte für entspannte und fröhliche Feststimmung.
Beim Bahnhof Burgdorf empfingen Berufskollegen/-innen den frischgebackenen Rentner. Geschenke wurden überreicht und Hände geschüttelt. Doch pflichtbewusst, wie Jürg Lanz war, räumte er als Erstes seine Fahrerkabine und übergab das Gefährt seinem Kollegen. Jetzt war der Weg frei für den Ruhestand. Gemeinsam feierten alle Anwesenden im Garten hinter dem BLS-Gebäude den Anfang einer neuen Lebensphase.

Busfahrer seit mehr als 34 Jahren
Jürg Lanz hat mehr als die Hälfte seines Lebens im Dienste des ÖV gestanden. Am 1. Juni 1988 trat er seinen Dienst bei der Auto AG Koppigen an. Zu dieser Zeit fuhr er neben Linienbussen auch Cars. Er begleitete Gruppen auf Tagesausflügen, den Turnverein an sein Skiwochenende und er übernahm Hochzeitsfahrten. Diese Arbeit sei wegen unregelmässigen Diensten schwer mit der Familie zu vereinbaren gewesen. Seine Frau Annamarie meinte, die Carfahrten hätten ihm weniger gefallen, weil er kein Witzeerzähler sei. Er fuhr danach während Jahren den Linienbus Koppigen–Burgdorf.
Ab 1997 gab es diverse Fusionen von Busgesellschaften, 2006 mit der BLS, woraus die Busland AG, eine Tochtergesellschaft der BLS, entstand. Das Streckennetz wurde grösser und es gab andere Dienstzeiten. Einige Diensteinsätze dauerten bis Mitternacht. Dazu kam der Arbeitsweg von Koppigen nach Burgdorf, der vor allem frühmorgens ins Gewicht fiel. Bei der Auto AG war der Arbeitsbeginn beim Linienverkehr nie vor 05.00 Uhr und der Dienstschluss um 21.00 Uhr. In der Winterzeit fuhren sie zusätzlich mit einem Kleinbus dreimal täglich die Arbeiter zum Schichtwechsel in die Papierfabrik Biberist.
Jürg Lanz war gerne Buschauffeur. Er schätzte seine Arbeit und die Kontakte zu den Fahrgästen. Diese hätten sich im Verlauf der Jahre deutlich verändert. Früher hätte man sich kurz gegrüsst oder verabschiedet. Heute sei die Mehrheit der Passagiere mit dem Natel beschäftigt und höre nicht, wenn man sie anspreche, weil sie Ohrenstöpsel trage. Auf die Frage, ob er lustige, traurige oder belastende Erlebnisse gehabt hätte, erzählte Jürg Lanz, dass er einmal eine Ambulanz anfordern musste, weil eine Frau einen Schwächeanfall erlitten hatte. Ein anderes Mal sei bei einem Tagesausflug beim Aussteigen die Tür des Kleinbusses zugefallen. Die Zentralverriegelung reagierte sofort, doch der Schlüssel steckte noch. Lanz forderte Hilfe zum Öffnen des Busses an, während die Reisegruppe zum Nacht­essen ging und ihn einlud, nachzukommen. Er musste jedoch zwei Stunden warten, bis die Pannenhilfe das Problem löste und verpasste so eine leckere Mahlzeit.
Lustiges habe er früher an manchem Sonntag erlebt. Gegen Mittag fuhren zwei «Koppiger Originale» mit ihm bis zum «Bären» in Ersigen. Dort hätten sie gebechert, bis er sie am späten Nachmittag wieder nach Hause brachte. Natürlich waren die beiden leicht angetrunken. Dazu meinte seine Frau, das Trinken hätte gelegentlich auch unangenehme Spuren hinterlassen wie Urin auf den Sitzflächen. Gewalt im Bus sei nie ein Problem gewesen und Pöbeleien habe er ignoriert: «Wer auf dumme Sprüche aggressiv reagiert, wird immer wieder provoziert. Das brauche ich nicht», erklärte er.
Jürg Lanz verzichtete aufs Pläneschmieden für die Zeit in Rente. Er wird weiterhin ein bis zwei Tage pro Woche Busdienste übernehmen. Er möchte mehr Zeit mit seiner Familie und den fünf Enkelkindern verbringen. Der Rest ergebe sich.
Auf der Einladung zur letzten Dienstfahrt stand geschrieben: «Entschuldige, das ist mein erster Ruhestand ... Ich übe noch.» «Gut gestartet, Jürg. Jetzt geht er richtig los, dieser Ruhestand nach dem langen Dienst an der Öffentlichkeit.»

Helen Käser


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