Amüsantes Volkstheater mit kernigen Sprüchen

  01.11.2022 Aktuell, Foto, Kultur

Endlich! Nach zwei Jahren Pause aufgrund der Coronapandemie sorgt das Ensemble der angesehenen Emmentaler Liebhaberbühne (ELB) zurzeit im Casino Theater Burgdorf wieder für köstliche Unterhaltung. Die ELB tritt mal mit heiteren, mal mit ernsten Produktionen vors Publikum und geniesst einen vorzüglichen Ruf. Bei den ersten drei «Amtsgericht»-Vorstellungen sind fast alle der 239 Sitzplätze belegt, was sich auch für die restlichen drei «Burgdorfer» Vorstellungen vom 11., 12. und 13. November 2022 abzeichnet. Ab Silvester bis 5. Februar 2023 folgen dann neun Auftritte im «Rüttihubelbad» Walk­ringen. Das berndeutsche Lustspiel in drei Akten von Fritz Moser – von der ELB 1971 in einer Neufassung von Rudolf Stalder uraufgeführt, 1988 als Erfolgsstück wiederholt und jetzt für die zweite Wiederaufnahme unter der Regie von Ulrich Simon Eggimann nochmals aufgeführt – trifft den Geschmack des Publikums.

Variante von «Der zerbrochene Krug»
Die Handlung des Volkstheaters spielt im frühen 19. Jahrhundert im Emmental und ist eine köstliche Variante des 1808 in Weimar uraufgeführten Lustspiels «Der zerbrochene Krug» von Heinrich von Kleist. In der Emmentaler Mundartfassung ist nicht ein Krug das Corpus Delicti, sondern ein goldener Hemdenknopf. Diesen hat Josias Schmutz, Gerichtspräsident von Waschliwil (gespielt von ELB-Präsident Hans Rudolf Kummer), während seines nächtlichen Besuchversuchs bei der attraktiven, jungen Theres Bröti (Sandra Rentsch) verloren. Der Gerichts­präsident, der von sich behauptet «i tüsche mi nie», gerät zunehmend in Bedrängnis und versucht, über diese Geschichte mit Vorwänden jeglicher Art den Mantel des Schweigens zu legen. In der Gerichtsstube lässt er sich die Straftaten von Schreiber Gottlieb Krähenbühl (Heinz Bercher) schildern. Auch dieser ist kein Kostverächter, wenn es um die holde Weiblichkeit geht. Er prahlt, dass er dem Gericht bereits seit 25 Jahren «treu und redlich» diene. Monoton gleiche Strafen spricht der Gerichtspräsident und angehende Grossrat in den ersten vier zu behandelnden Fällen aus: «e Füfliber u d’Chöschte». Das Publikum ist gespannt, wie das Urteil im Fall der versuchten nächtlichen Liaison ausfallen wird.

Amerika – oder nur «Gurnigu»?
Figuren wie der in Uniform auftretende «Tschaupi» Binggeli (Matthias Egger), von dem der Gerichtspräsident behauptet, «är ghört am einte Ohr nüt und am angere weni», sowie die resolute Köchin Lisebeth Ledermann (Antonia Flury) würzen das Geschehen auf der Bühne. Für zahlreiche Lacher sorgen zuweilen auch kernige Sprüche. So etwa, wenn der grossgewachsene, junge Theologe Jonathan Rettenmund (Emanuel Gfeller) als «Pfarrer-Setzlig» bezeichnet wird. Legendär ist der immer wieder zur Sprache kommende «Suure Mocke» von Base Euphrosine Schmutz (Ursula Steiner). Bei einer Partie Schach zwischen der reizenden Theres Bröti und Hans Dummermuth (Bendicht Eggimann) knistert es gewaltig. Sein verliebter Blick gilt ihr – nicht den Schachfiguren. Er schlägt ihr vor, gemeinsam nach Amerika auszuwandern. Sie ist skeptisch: «Häts der Gurnigu nid au da?» Seelsorger Jonathan Rettenmund: «Si fahre is Glück.» Ob es dazu kommt? Das Schlussbild ist geprägt von strahlenden Pärchen auf der Bühne. Nach zwei Stunden (inklusive Pause) verabschiedet sich das Bestnoten verdienende und spielfreudige Ensemble vom herzlich applaudierenden Publikum. Was die ELB unter der Regie des für seine akribische Arbeit geschätzten Regisseurs Ulrich Simon Eggimann bietet, ist beeindruckend – ein Genuss.

Hans Mathys


Infos: www.elb.ch.


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