Der Schirmdoktor in Münchringen

  08.01.2026 Münchringen, Gesellschaft, Kultur, Münchringen

Über der Eingangstüre des alten Hauses an der Oberdorfstrasse 4 in Münchringen ist die Jahreszahl 1867 zu erkennen. Dort, in dem alten Schulhaus, hat Erich Baumann, der letzte Schirmflicker der Schweiz, vor 20 Jahren sein Atelier eingerichtet. Es sei kein Luxusappartement, im Sommer heiss und im Winter ziemlich kalt, erklärt er, doch für ihn passe es perfekt. «Am Anfang wurde ich mit meiner Schirm-
flickerei belächelt, denn jeder kaputte Schirm landete damals noch im Abfall», führt er aus. Doch heute sei Nachhaltigkeit glücklicherweise zu einem wichtigen Thema avanciert und damit seine Tätigkeit voll im Trend. Wohnhaft ist Erich Baumann mit seiner Familie im Nachbardorf Jegenstorf.

Der Weg vom Gärtner zum letzten Schirmflicker der Schweiz
Erich Baumann, der ausgebildeter Gärtner ist, wirkte über viele Jahre im souzialen Bereich als Arbeitsagoge in der Stiftung GEWA in Zollikofen, einer Stiftung für berufliche Integration. Ihr Kernanliegen ist es, Menschen mit psychischen Herausforderungen zu unterstützen, ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden. Dort kam Erich Baumann erstmals mit dem Thema «Schirme flicken» in Berührung. Von einem alten Italiener lernte er die Grundfertigkeiten und blieb dabei. Nach einem gesundheitlichen Tief erfüllte er sich einen Bubentraum und arbeitet seither zu 70 Prozent als Tram- und Busfahrer beim Verkehrsbetrieb Bernmobil. Die restlichen 30 Prozent widmet er sich mit Herzblut, Leidenschaft und Begeisterung den reparaturbedürftigen Schirmen in seinem Atelier in Münchringen. Sie seien seine Patienten, so Erich Baumann. Und es sind sehr viele, wie die vergangenen Jahre zeigten. 1200 Schirme verschiedener Grössen und Klassen fanden 2024 den Weg in Baumanns Atelier und nur für einen kleinen Prozentsatz fand er keine Lösung. Im Jahr 2025 waren es etwas weniger Schirme, denen er ein zweites Leben schenken konnte. Reparaturgeschäfte und Nähstuben sind in der Schweiz eine Seltenheit geworden. Ist dann der Kostenvoranschlag zudem noch hoch, erscheint der Kauf eines neuen Produkts sinnvoller. Doch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Dies zeigen auch die ins Leben gerufenen Répair-Cafés. 

Schirmgeschichten
Nach stürmischen Wetterperioden erlebt Erich Baumann jeweils ein Hoch in seinem Geschäft, denn dann kommen Tage später zahlreiche Pakete mit Regenschirmen bei ihm an, denen der Wind den Garaus gemacht hatte. Jeder Schirm, der in der Flickwerkstatt bei ihm landet, hat eine eigene Geschichte. Die meisten sind recht unspektakulär, andere dagegen sind verbunden mit Erinnerungen und Gefühlen. Sei es ein Andenken an einen lieben Menschen, sei es ein erhaltenes Geschenk, ein Reisesouvenir aus längst vergangener Zeit oder vielleicht ein Andenken an ein Rendez-vous mit dem ersten Kuss unter diesem einen Regenschirm. Als Fachmann freut sich Erich Baumann darüber, dass er den Besitzerinnen beziehungsweise Besitzern ihr Lieblingsstück reparieren kann und sie danken es ihm mit anerkennenden Worten und Geschenken. Für ihn ist die kreative Arbeit mit den Regenschirmen in seinem Atelier ein sehr guter Ausgleich  zum hektischen Berufsalltag mit Tram und Bus in der Stadt. Schirme sind für Erich Baumann keine Wegwerfware. Manchmal staunt er selbst, dass es ihm gelingt, passende Ersatzteile für ein kaputtes Stück zu finden. Erich Baumann ist ein Tüftler und das Reparieren geht ihm leicht von der Hand. Seine Hauptpatienten sind Regenschirme, doch er setzt natürlich auch Sonnenschirme und Blitzschirme fürs Fotografieren wieder in Stand.
Dafür benötigt er Unmengen von Ersatzteilen. Diese beschafft sich Erich Baumann von Regenschirmen, die via Fundbüros bei ihm landen oder im Brockenhaus, weil die Schirme dort nicht mehr verkauft werden können. Die Ersatzteile ordnet er systematisch in einer riesigen Kommode mit über hundert Schubladen ein, die so tief sind wie ein Schirm lang ist. Die Kommode stammt aus einer ehemaligen Schirmfabrik in Visp. Hunderttausende von Einzelteilen, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat, sind exakt nach Grösse eingeordnet, die Fächer genau nummeriert. Aus den Kartonrollen gegenüber ragen diverse Arten von Speichen heraus. Erich Baumann weiss, in welches Fach oder Schublädchen er greifen muss, um das richtige Teil für die Reparatur zu finden. «Ordnung halten ist etwas vom Wichtigsten»,  hält er fest, «denn sonst müsste ich ewig suchen und käme auf keinen grünen Zweig.»
Erich Baumann und seine Frau Susanne sind ein eingespieltes Team und betreiben das Geschäft gemeinsam. Susanne erledigt die Buchhaltung, holt wöchentlich die reparaturbedürftigen Schirme bei den Annahmestellen ab und verschickt die reparierten Schirme per Post. Es ist Erich Baumann ein grosses Anliegen, einmal eine Nachfolge finden zu können, damit all das Gesammelte nicht in einem Container landen muss. Nicht ausgeschlossen ist, dass es einmal jemand aus seiner eigenen Familie sein kann. 
Wer seinen Schirm gerne persönlich im Atelier vorbeibringen möchte, soll sich vorgängig telefonisch anmelden unter 031 762 00 60. Regenschirme und Blitzschirme können auch per Post zugestellt werden oder bei einer der Annahmestellen abgegeben werden. Für Stockschirme sind Postpacs Nr. 7 bei der Post erhältlich. Anschrift: Erich Baumann, Bantigerweg 4, 3303 Jegenstorf. Die Reparaturkosten liegen durchschnittlich bei 35 Franken. Sonnenschirme müssen ins Atelier gebracht werden, um die Reparaturmöglichkeiten zu besprechen.

Rosmarie Stalder
Annahmestellen:
Ritas Schirmwelt, Hunyadigässli 4a, 3400 Burgdorf; Loeb (im 1. Untergeschoss, Abteilung Reise-Artikel), Spitalgasse 47-51, 3011 Bern; Ryfflihof (Parterre, Abteilung Schirme und Accessoires), Aarbergergasse 53, 3011 Bern; Flickerei, Stauffacherstrasse 39, 3014 Bern – Öffnungszeiten beachten; Schaufelberger AG, Bälliz 26, 3600 Thun
www.schirmservice.ch


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