Abschied von Pfarrer Stefan Schwarz

  02.09.2026 Rüegsau, Rüegsbach, Rüegsauschachen

Seit 2020 amtete Pfarrer Stefan Schwarz in der reformierten Kirchgemeinde Rüegsau. Neben seiner Tätigkeit im Pfarramt war er auch in der Kulturgruppe Ezetera aktiv und brachte so einige spannende Neuerungen nach Rüegsau – unter anderem auch den «Hündeler-Gottesdienst». Am vergangenen Sonntag predigte Stefan Schwarz jedoch zum letzten Mal. Nun geht er in Pension. Im Interview mit der Zeitung «D’REGION» spricht er über seine Amtszeit. 

«D’REGION»: Wenn Sie an Ihre Zeit als Pfarrer in Rüegsau seit 2020 zurückdenken – gibt es einen Moment oder eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und die zeigt, wie Sie Ihr Amt verstanden haben?
Stefan Schwarz: Es gibt so viele fröhliche, aber auch traurige Momente, die ich mit den Menschen von Rüegsau erleben durfte, dass es mir echt schwer fällt, ein einziges Erlebnis herauszupicken. Spontan kommt mir jetzt mein letzter Gottesdienst vor zwei Wochen im Rüegsbach-Kirchlein in den Sinn. Da stand nach einem Gebet plötzlich eine Frau auf, kam zu mir nach vorne und fragte mich, ob sie ein Lied für mich und die anwesenden Menschen singen dürfe. Natürlich durfte sie – und hat damit alle im Raum tief berührt. Papst Franziskus hat Gott einmal als «Gott der Überraschung» bezeichnet. Räume zu schaffen, wo Überraschungen Platz haben dürfen, war mir immer wichtig. Solche Momente bleiben im Gedächtnis haften und machen auch in der Erinnerung immer noch Freude.  

«D’REGION»: Wo stellten sich Ihnen die grössten Herausforderungen?
Stefan Schwarz: Die Kirchgemeinde Rüegsau hat eine sehr vielgestaltige Bevölkerungsstruktur: Rüegsauschachen ist eine Agglomeration und seine Bewohner und Bewohnerinnen sind eher städtisch orientiert, während die Bevölkerung im oberen Gemeindeteil zumeist in der Landwirtschaft tätig und dementsprechend eher ländlich geprägt ist. Ausserdem gibt es in der Kirchgemeinde nicht eine zentrale Kirche, sondern drei kirchliche Gebäude in Rüegsauschachen, in Rüegsau und in Rüegsbach. Diese Umstände machen die Gemeindearbeit zwar sehr interessant, aber auch anspruchsvoll. Es ist nicht ganz leicht, die verschiedenen Gemeindeteile zusammenzubringen und für etwas Gemeinsames zu gewinnen. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass ich im «Schachen» anders predige als in Rüegsbach. 

«D’REGION»: Sie haben auch den «Hündeler-Gottesdienst» nach Rüegs­au gebracht. Wie kamen Sie auf diese Idee und was sagt dieses Projekt über Ihr Verständnis von Kirche aus?
Stefan Schwarz: Ein Mann aus dem Dorf sagte mir einmal auf der Strasse, dass er am Sonntagmorgen leider nie «z’Predigt» komme, weil er dann immer seinen Hund Gassi führen müsse. So wurde die Idee geboren, einen Gottesdienst anzubieten, zu dem man seinen Vierbeiner mitnehmen darf. Ich habe allerdings bereits als junger Pfarrer Tiergottesdienste veranstaltet, zu denen Menschen und ihre Haustiere eingeladen wurden. Das war von mir nicht als lustiger Gag gemeint, sondern hat theologische und seelsorgerliche Gründe. Wenn ich als Pfarrer im Gottesdienst schon von Gott und seiner guten Schöpfung spreche, sollten die Geschöpfe auch anwesend sein. Für viele Menschen sind ihre Haustiere ausserdem Familienangehörige, deshalb lohnt es sich, in einem speziellen Gottesdienst einmal über das Verhältnis von Mensch und Tier nachzudenken und zusammen Schöpfungsgemeinschaft zu feiern. 

«D’REGION»: Sie haben in Ihrer Amtszeit neue, unkonventionelle Formate ausprobiert. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Rolle der Kirche in der Gesellschaft – gerade auch hier in der Region – in den vergangenen Jahren verändert?
Stefan Schwarz: Viele Menschen sind der Landeskirche immer noch zugetan und zahlen verdankenswerterweise Kirchensteuern. Doch viele nutzen die herkömmlichen kirchlichen Angebote nicht mehr oder sind institutionalisierter Religion gegenüber generell skeptisch eingestellt. Es lohnt sich, danach Ausschau zu halten, was die Menschen in ihrem konkreten Alltag beschäftigt. Mit neuen Formaten soll nicht primär die Kirche wieder gefüllt werden, sondern sollen die Menschen dort abgeholt werden, wo sie ihre Bedürfnisse haben. Es geht meines Erachtens darum, die Schnittstellen von Gesellschaft und Spiritualität, von Kultur und Religion zu entdecken und neu auszuloten. Die Kirche der Zukunft wird meines Erachtens nicht mehr Leute in ihre Gebäude locken wollen, sondern zu den Leuten auf den «Marktplatz» gehen – sie dort aufsuchen, wo sie sind.  

«D’REGION»: Was werden Sie von Ihrer Zeit in Rüegsau am meisten vermissen und was nehmen Sie sich für Ihre Pension vor?
Stefan Schwarz: Am meisten vermissen werde ich ganz sicher die Menschen vor Ort und die verschiedenen Teams, in denen ich mitarbeiten durfte! Aber auch die beiden Kirchen und das geräumige Kirchgemeindehaus, in denen ich so viele schöne Begegnungen hatte und so manche tolle Veranstaltung erleben durfte. Das Emmental ist mir in den vergangenen sechseinhalb Jahren ans Herz gewachsen. Nach der Pensionierung möchte ich als Erstes eine längere Fahrradtour machen, ein bisschen den Kopf «verlüften» und dann schauen, was mir das Leben zuspielen wird. Ich bin offen für vieles. Sicher möchte ich wieder mehr Zeit für die Musik und das Musikmachen haben.

Interview: Rosie Schenk
Bild: zvg


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