Auf dem Pferd das Rio-Hurtado-Tal erkunden

  21.01.2026 Kultur, Kultur, Burgdorf, Foto, Natur

Die nach Chile ausgewanderte Oberburgerin Meret Räber und ihr Ehemann Bernardo Rojas bieten die Möglichkeit, die nähere und weitere Umgebung von Serón auf dem Pferd zu erleben. Die Pferde zeichnen sich ausnahmslos durch gutes Verhalten aus und werden von Bernardo Rojas vor jeder Tour «gewartet». Der Burgdorfer Thomas Räber verbrachte einige der vergangenen Monate in Chile und nutzte das Tourenangebot schon mehrfach, wovon er gerne erzählt.
«Wie immer, wenn ich in Chile eintreffe, kann ich es kaum erwarten, auf ein Pferd zu steigen. Früher war das häufig Negro, ein ideales Reittier. Diesmal nicht: Da Negro mittlerweile 26 Jahre alt ist und mein Idealgewicht der Vergangenheit angehört, werde ich mich neu auf Luna schwingen, ebenfalls ein perfektes Pferd. Wobei ‹perfekt› mehr meint als vier Beine und einen starken Rücken. Ein gutes Reittier zeichnet sich durch einen schnellen Gang aus ohne zu traben, muss also nicht ständig getrieben werden, scheut nicht vor herumfliegenden Plas­tik­tüten, stolpert nicht und gibt dem Reiter das Gefühl, es reite am liebsten mit ihm. Luna besitzt alle diese Eigenschaften und wird die nächsten vier Tage meine Begleiterin sein. Zusätzlich werde ich von Meret Räber und ihrem Ehemann Bernardo Rojas begleitet, der noch ein Packpferd an der Leine führt. Dieses trägt unsere Ausrüstung: Proviant, Schlafsäcke, Matten, Ersatzwäsche, Hafer und was man sonst noch so braucht. Heu wird allerdings nicht mitgeführt, das hat Bernardo bereits vorgängig an die Übernachtungsorte gebracht. Wasser findet man dort ebenfalls, sodass die Tiere sich am Abend jeweils erholen können. Ich will jetzt nicht vorhersagen, was die kommende Tour bringen wird – ich lasse mich gerne überraschen. Die Route variiert ohnehin und wird oft den Wünschen des Gasts angepasst. Ich blicke lieber etwas zurück. Ich erinnere mich zum Beispiel gerne an einen Ritt zur Majada von Bernardos Vater. Dieser lebt als Ziegenhirt in einfachsten Verhältnissen in der Laguna, Luftlinie rund fünf Kilometer von Serón entfernt. Wer jetzt an Flossen und Schnorchel denkt, war noch nie im Norden Chiles. Es gab in der Laguna früher zwar tatsächlich fliessendes und stehendes Wasser, jetzt aber nicht mehr. Alles Wasser muss mit der Camioneta zur Hütte geführt werden, primär, um die inzwischen nur noch 30 Ziegen zu tränken. Diese verdanken das Wasser mit ihrer Milch, Ausgangsprodukt für die tägliche Käseproduktion. Ausser den Ziegen bietet niemand Abwechslung, dafür entschädigen eine schöne Aussicht auf das Vera C. Rubin Observatory und in der Nacht ein ungetrübter Blick ins Universum für den fehlenden Rummel. Nicht weit von der Laguna entfernt entdeckt das geübte Auge versteinerte Bäume, Zeugen einer feuchten Vergangenheit. Auch die Indigenes – Ureinwohner – haben ihre Spuren hinterlassen. Auf zahlreichen Felsbrocken warten Petroglifos darauf, entdeckt zu werden. Diese Steinzeichnungen stammen aus der El-Molle-Kultur (1000 v. Chr. bis 1000 n. Chr.) und konnten bis heute nicht entschlüsselt werden. Es soll sich um Wegmarken oder Kultzeichen handeln. Da diese Zeichen nur von Insidern zu Fuss zu finden und auf schweren Gesteinsbrocken angebracht sind, liegen sie immer noch unberührt und ungestört am ursprünglichen Platz. Petroglifos sind an veschiedenen Orten im ganzen Rio-Hurtado-Tal zu finden. Sie wurden im «VI revisión de los petroglifos del valle del Rio Hurtado» (Sechster Überblick über die Felszeichnungen des Rio-Hurtado-Tals) dokumentiert, der 1962 publiziert wurde, leider nur auf Spanisch. Ich erinnere mich auch an einen Rastplatz für die Nacht auf der anderen Talseite, gerade neben einem Wasserloch. Dort fanden interessante Kontakte mit Tieren statt, zum Beispiel eine Begegnung bei Tageslicht mit einem zutraulichen Wüstenfuchs. Trotz unserer Anwesenheit spielte er unverdrossen mit einem Fetzen Stoff, bis er von zwei Hasen weggejagt wurde. In der Nacht besuchte uns eine riesige Kröte – oder viel eher: suchte uns eine riesige Kröte heim. Sie wusste offenbar nicht, dass die Halbwüste eigentlich nicht der ideale Ort für sie ist, schon gar nicht zehn Zentimeter neben dem Kopf von schlafenden Menschen, deren Schlafsack die Arme blockiert. Unvergesslich waren auch die Übernachtungen unter freiem Sternenhimmel, besonders zur Zeit der Geminiden. Dieser Meteorstrom, der seinen Höhepunkt jeweils am 14. Dezember erreicht, verursacht zahlreiche Sternschnuppen. Die Nächte kühlen in der Höhe zwar empfindlich ab, aber allein ein Sonnenuntergang auf 2000 Metern über Meer mit seinem halbstündigen Farbenspiel ist die Strapazen wert. Doch genug geschwärmt: Was wird die bevorstehende Tour wohl bringen?»

Text und Bilder: Thomas Räber


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