Leid und Freud liegen oft nahe beieinander
08.04.2026 Aktuell, PolitikWie die Zeitung «D’REGION» in der letzten Ausgabe berichtete, brachten die Ergebnisse der Grossratswahlen im Wahlkreis Emmental vom 29. März 2026 mehrere Überraschungen mit sich. So verpassten mit Stefan Berger, SP, Francesco M. Rappa, Die Mitte, sowie Michael Elsaesser, FDP, drei prominente Politiker die Wiederwahl ins kantonale Parlament. Parteipolitisch kam es zu folgender Verschiebung: Der SVP gelang es, einen zusätzlichen Sitz zu erobern. Somit entsendet die Schweizerische Volkspartei in der Legislaturperiode 2026 – 2030 neu sieben Abgeordnete nach Bern. Insgesamt stehen dem Wahlkreis Emmental aufgrund der Bevölkerungszahl 15 Mandate zu. Der Sitzgewinn der SVP ging auf Kosten der Partei Die Mitte, die im Wahlkreis Emmental neu nur noch über ein Mandat verfügt – ebenso wie die EVP, die EDU, die FDP, die Grünen und die GLP, die ihr jeweiliges Mandat erfolgreich verteidigten. Die SP bleibt im Wahlkreis Emmental mit zwei Sitzen die zweitstärkste Kraft, allerdings mit grossem Abstand auf die SVP.
Die Zeitung «D’REGION» unterhielt sich mit den Exponenten/-innen jener Parteien des Wahlkreises Emmental, die im Grossen Rat personelle Veränderungen zu verzeichnen haben.
SVP Emmental: «Erfolg dank eines starken Teams»
Grosse Freude über das Wahlergebnis herrscht bei der SVP Emmental. Der Partei ist es gelungen, den Sitz des zurückgetretenen Grossrats Alfred Bärtschi, Lützelflüh, mit der Wahl des Unternehmers und KMU-Präsidenten Ernst Kühni, Oberfrittenbach, erfolgreich zu verteidigen. Zugleich gewann die SVP mit der Wahl von Rudolf Sommer, Gemeinderat von Wynigen (Ressort Planung und Bau), einen zusätzlichen Sitz. «Wir vermochten unseren Wähleranteil im Wahlkreis Emmental mit unseren beiden Listen gesamthaft von 34,5 Prozent im Jahr 2022 auf 38,4 Prozent zu steigern und haben mit der diesjährigen Eroberung eines zusätzlichen Mandats unser Wahlziel vollumfänglich erreicht», bilanziert Andrea Gschwend-Pieren, Präsidentin der SVP Emmental und wiedergewählte Grossrätin. Insbesondere bei der Liste für das Untere Emmental legte die SVP kräftig zu: von einem Wähleranteil im Jahr 2022 von 16,6 Prozent auf heute 20,3 Prozent; bei der Liste für das Obere Emmental stieg die SVP in der Gunst der Wähler/innen von 17,9 Prozent auf 18,1 Prozent. Ausschlaggebend für den Erfolg sind gemäss Andrea Gschwend-Pieren vor allem zwei Faktoren: «Angesichts der allgemeinen internationalen und nationalen Ausgangslage nimmt das Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung stetig zu. Die SVP widmet diesem Thema seit jeher viel Aufmerksamkeit und punktet mit ihrer Glaubwürdigkeit – davon konnten wir sicherlich profitieren. Zudem traten wir mit zwei vollen Listen mit je 15 hervorragenden Kandidierenden an, die im Wahlkampf grosses Engagement zeigten und ihr Umfeld sowie Grossteile der Bevölkerung zu mobilisieren vermochten. Gewinnen lässt sich nur mit einem starken Team.» Erfreut zeigt sich die Präsidentin der SVP Emmental natürlich auch über das starke Abschneiden ihrer Partei im gesamten Kanton: Insgesamt verfügt die SVP im 160-köpfigen Grossen Rat neu über 51 Mandate (+ 7 Sitze).
SP: Frauen-Liste erfolgreicher als Männer-Liste
Zufrieden mit dem Abschneiden ihrer Partei äussert sich auch Andrea Rüfenacht, Präsidentin der SP Emmental: «Wir haben unsere beiden Sitze im Wahlkreis Emmental halten können und damit unser Ziel erreicht, obwohl wir mit dem Gewinn eines dritten Mandats liebäugelten, das wir leider relativ knapp verfehlten.» Die Biochemikerin Andrea Rüfenacht, Burgdorf, schaffte die Wiederwahl problemlos. Neben ihr zieht neu Anette Vogt, Burgdorf, in das Kantonsparlament ein.
Der Burgdorfer Stadtpräsident Stefan Berger verpasste dagegen die Wiederwahl in den Grossen Rat, obwohl er mehr Stimmen als vor vier Jahren erhielt. Während die Männer-Liste der SP beim Wähleranteil gegenüber 2022 einen Rückgang um 0,2 Prozent auf 5,1 Prozent verzeichnete, legte die SP-Frauen-Liste um 1,2 Prozent auf 10,6 Prozent zu. Beide Sitze gehen somit an die SP-Frauen. Insgesamt erreichte die SP mit beiden Listen einen Wähleranteil von 15,7 Prozent. «Tendenziell sind die Frauen-Listen bei der SP erfolgreicher als die Männer-Listen», kommentiert Andrea Rüfenacht das Resultat gegenüber der Zeitung «D’REGION». «Im Wahlkreis Emmental sind wir zum zweiten Mal mit geschlechtergetrennten Listen angetreten. Diesen Strategiewechsel vollzogen wir sehr bewusst. Es ist erfreulich, dass die Frauen-Liste unserer Partei so erfolgreich abschnitt. Letztlich haben sich die Wählerinnen und Wähler zugunsten unserer Frauen ausgesprochen.»
Stefan Berger zeigt sich über seine Abwahl enttäuscht, ist aber zugleich froh, dass der Sitz in den Reihen der SP verbleibt. «Leider hat es für mich trotz eines starken Ergebnisses in der Stadt Burgdorf nicht gereicht», analysiert er das Resultat. Für die Stadt befürchtet er keine allzu gravierenden Folgen, obwohl mit Francesco M. Rappa und ihm gleich zwei Vertreter des Burgdorfer Gemeinderats den Wiedereinzug ins kantonale Parlament verpassten. «Burgdorf und das Emmental verfügen nach wie vor über ein breites Netzwerk, das wir für Lobbyarbeit zugunsten der Stadt und Region aktivieren und nutzen werden», so Stefan Berger. Als einziges Mitglied des Burgdorfer Gemeinderats verbleibt Michael Ritter, GLP, weiterhin im Grossen Rat.
Im gesamten Kanton vermochte die SP vier Sitze dazuzugewinnen und stellt neu 36 Abgeordnete. «Wir sind auf einem guten Weg, die Arbeit im bürgerlich dominierten Rat bleibt für uns aber weiterhin anspruchsvoll – zumal Grüne und EVP, aber auch Die Mitte, mit der wir punktuell zusammenarbeiteten, Verluste erlitten. Letztlich suchen alle 160 Ratsmitglieder nach den besten Lösungen für den Kanton und die einzelnen Regionen. Es bestehen immer Möglichkeiten, Schnittmengen zu finden und zukunftsträchtige Kompromisse zu erarbeiten», erläutert Andrea Rüfenacht.
FDP: Gemischte Gefühle trotz Sitzerhalt
Für die FDP nimmt neu Andreas Wyss, Gemeinderatspräsident von Kirchberg und Präsident der Regionalkonferenz Emmental, Einsitz im Grossen Rat. Das Wahlergebnis hat bei ihm gemischte Gefühle hervorgerufen. «Als Präsident der FDP Emmental bin ich mit unserem Ergebnis nicht zufrieden. Wir peilten den Gewinn eines zweiten Sitzes an. Dieses Ziel haben wir leider verfehlt. Natürlich freue ich mich darauf, mich künftig in Bern einzubringen, um die Interessen der Region zu vertreten. Ich hätte diese Herausforderung aber viel lieber gemeinsam mit Michael Elsaesser angepackt.» Die FDP erreichte mit ihren beiden Listen Ilfis und Emme insgesamt einen Wähleranteil von 7,8 Prozent, wobei sie im unteren Emmental deutlich besser abschnitt als im oberen. «Hier müssen wir in Zukunft stärker werden», hält er fest. Nicht nur die Abwahl von Michael Elsaesser, sondern auch jene von Francesco M. Rappa und Stefan Berger beschäftigen Andreas Wyss: «Starke und profilierte Vertreter des Emmentals werden in der kommenden Legislaturperiode leider fehlen. Dies wettzumachen, erfordert eine grosse Kraftanstrengung.»
Michael Elsaesser, Geschäftsleiter der Bernerland Bank, betont im Gespräch mit der «D’REGION», er habe das Ergebnis sportlich hingenommen. «Natürlich wurmt es mich, dass die FDP den Gewinn eines zweiten Sitzes um Haaresbreite verpasste und ich persönlich ebenfalls sehr knapp nicht wiedergewählt wurde. Gerne hätte ich das Emmental für vier weitere Jahre im Grossen Rat vertreten und im Parlament die Sichtweise als Vertreter eines KMU eingebracht. Die KMU bilden das wirtschaftliche Rückgrat des Kantons. Ihre Perspektive findet in der Politik meines Erachtens oft zu wenig Gehör. Trotz allem freue ich mich darauf, künftig mehr Zeit für die unternehmerische Tätigkeit, meine Familie und weitere Engagements zur Verfügung zu haben.»
Mit dem Abschneiden seiner Partei auf kantonaler Ebene zeigt sich FDP-Emmental-Präsident Andreas Wyss zufrieden: «Wir konnten – trotz eines geringfügigen Rückgangs beim Wähleranteil – unsere 18 Sitze verteidigen. Das ist erfreulich.»
Die Mitte: Blick nach vorne trotz Sitzverlust
Die Partei Die Mitte ist ein Opfer des Erfolgs der SVP. Sie verliert einen ihrer beiden Sitze und entsendet aus dem Wahlkreis Emmental künftig nur noch Jürg Rothenbühler, Rüderswil, in den Grossen Rat. Francesco M. Rappa, Gemeinderat von Burgdorf und Geschäftsführer der Lubana AG, wurde nicht wiedergewählt, obwohl er mehr Stimmen als sein Parteikollege Jürg Rothenbühler erhielt. Die Mitte trat mit zwei Listen an. Die Liste Oberes Emmental, auf der Jürg Rothenbühler kandidierte, verzeichnete einen Wähleranteil von 5,0 Prozent (2022: 4,4 Prozent); die Liste Unteres Emmental mit Francesco M. Rappa erreichte in der Wählergunst 4,9 Prozent (2022: 5,8 Prozent).
«Nur rund 480 Parteistimmen fehlten und das Resultat hätte anders ausgesehen», hält Francesco M. Rappa fest. «Obwohl ich anfänglich konsterniert war, hadere ich nicht mit dem Ergebnis, sondern blicke vielmehr entschlossen nach vorne – ebenso wie die Partei. Bei Proporzwahlen liegen Freud und Leid oftmals nahe beieinander. Die vielen erhaltenen Rückmeldungen zeigen mir, dass ich im Grossen Rat gute Arbeit leistete. Ich werde den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern mich weiterhin auf vielfältige Weise für Burgdorf, das Emmental und den Kanton engagieren – sei es als Gemeinderat, als Präsident des HEV Kanton Bern oder als OK-Präsident des Eidgenössischen Jodlerfests 2029, das in der Zähringerstadt stattfindet. Zudem stehen im Herbst 2027 bereits die eidgenössischen Wahlen an. In Absprache mit den Gremien der Partei bin ich – Stand heute – gewillt, für den Nationalrat zu kandidieren.»
Auf kantonaler Ebene verlor Die Mitte drei Sitze und stellt noch neun Grossrätinnen und Grossräte. «Vom Klima der zunehmenden Polarisierung profitieren momentan in erster Linie SVP und SP», kommentiert Francesco M. Rappa das Ergebnis. «Die Mitte wird in der kantonalen Politik aber weiterhin das entscheidende Zünglein an der Waage sein», zeigt er sich überzeugt.
Text: Markus Hofer
Bild: Rosie Schenk

