Zumindest die Pflanzen dürfen bleiben

  08.07.2026 Aktuell, Gesellschaft, Natur

Es war im Jahr 2004, als Geri Kappe­ler das Restaurant Lochbachbad übernahm. Das Restaurant war nur einer von vielen Betrieben, die das geschichtsträchtige Gebäude im Lochbach im Laufe der Jahrzehnte beherbergt hatte. Ursprünglich als Kurbad mit eigener Quelle erbaut, diente es später zeitweise als Brauerei, als Kurhaus und schliesslich als Restaurant.
Schon lange wurde auch das Gelände auf der gegenüberliegenden Strassenseite als Garten genutzt. Zur Zeit des Kurbads war es als englischer Garten angelegt, später, in der Nachkriegszeit, als Gemüse- und Kräutergarten für das Restaurant. Geri Kappeler und Dominik Dähler bewirtschafteten den Garten zunächst für den Restaurantbetrieb. Nachdem das Restaurant jedoch 2007 geschlossen und das Gebäude in ein Wohnhaus umgewandelt wurde, verlor die Nutzung als Gemüse- und Kräutergarten ihren Zweck.
Dominik Dähler begann als erster der Bewohner, den Garten zu gestalten. Darauf folgte Geri Kappeler mit der Kreation eines verwunschenen Ruheorts. Mit eigener Hand hob er zunächst einen, später weitere Teiche aus, die heute wertvolle Lebensräume für zahlreiche Amphibien darstellen. Ein ehemaliger Bauwagen diente als überdachter Rückzugsort und wurde in sorgfältiger Handarbeit mit einer Ve­randa aus Naturmaterialien ergänzt. Rund um die Teiche entstanden Blumenbeete, während Bäume zu stattlicher Grösse heranwuchsen und den Garten immer mehr in eine lauschige Oase verwandelten. Über mehrere Wochen verlegte er in Handarbeit mehrere Steinmosaike rund um die Beete und Sitzplätze.
Dominik Dähler legte in seinem Gartenteil einen Wildblumengarten an, dessen Wege strahlenförmig von der Mitte nach aussen verliefen. Im hintersten Winkel lud eine Sitzecke zum Verweilen ein, während im Gewächshaus Setzlinge heranwuchsen. Daneben wuch­sen auch Nutzpflanzen und in einem kleinen Gehege fanden einige Hühner und ein «Güggu» ein Zuhause. Zeitweise machte Dähler seinen Garten öffentlich zugänglich, um seine Freude an der Natur mit anderen zu teilen.
Im März 2025 erreichte die Gartenbetreibenden jedoch eine schockierende Nachricht der Stadt Burgdorf: Die Gärten sollten zurückgebaut und der Originalzustand wiederhergestellt werden. Sämtliche vorgenommenen baulichen Veränderungen waren bewilligungspflichtig gewesen. Dazu gehörten nicht nur das Gewächshaus und der Bauwagen, sondern auch die Sitzplätze und die Steinmosaike. So mussten diese nach kürzester Zeit wieder abgebaut werden. Dies war den für die Gärten Verantwortlichen nicht bewusst, zumal das Land schon lange für Gärten verwendet worden war. 
Die besondere Schwierigkeit: Das Gebiet liegt in der Landwirtschaftszone. Während solche Bauten in einer Bauzone zwar ebenfalls bewilligungspflichtig wären, könnte eine Bewilligung dort unter Umständen nachträglich eingeholt werden. In der Landwirtschaftszone hingegen gelten sie nicht nur als unbewilligt, sondern auch als nicht zonenkonform. Wieso die Stadt nach all diesen Jahren auf die unbewil­lig­ten Bauten aufmerksam wurde, ist unklar, zumal es sich beim Lochbach schon seit 2005 um eine Landwirtschaftszone handelt.
Im August 2025 fand dann eine Begehung der Gärten durch das Bauinspektorat statt, um das Ausmass der unbewilligten Bauten zu erfassen. Dabei stellte ein Vertreter des Amtes für Gemeinden und Raumordnung (AGR) fest, dass die von Hand ausgehobenen Teiche inzwischen vermutlich schützenswerte Biotope und damit bedeutende Lebensräume für Amphibien geworden sind.
Im November 2025 folgte eine zweite Begehung – diesmal gemeinsam mit Vertretenden der Abteilung Naturförderung des Amtes für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern (ANF-LANAT) sowie der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch). Es wurde festgestellt, dass die Teiche mittlerweile tatsächlich als Biotope gelten. 
Auf Grundlage der Erkenntnisse aus beiden Begehungen fällte das Bauinspektorat der Stadt Burgdorf schliesslich seinen Entscheid. Im April 2026 wurde der Rückbau sämtlicher Kleinbauten verfügt. Bis August müssen der Bauwagen, das Gewächshaus, die Sitzplätze und alle weiteren baulichen Anlagen entfernt werden. Die Pflanzen, unbefestigten Wege und die inzwischen ökologisch wertvollen Biotope dürfen entgegen der ursprünglichen Befürchtung stehen bleiben.
Für die Bewirtschaftenden der Gärten ist dieser Entscheid dennoch schwer zu akzeptieren. Als sie die Gärten anlegten, wussten sie nicht, dass für das Gewächshaus, die Sitzplätze oder andere Kleinbauten eine Baubewilligung erforderlich gewesen wäre. Ebenso wussten sie nicht, dass sich das Gelände in der Landwirtschaftszone befindet. Das angrenzende Feld dient bis heute teilweise als Kuhweide. In den vergangenen Jahren wurde es zudem zeitweise vom Platzgerverein und vom Bogenschützenverein genutzt.
Nun sucht die Gemeinschaft, die die Gärten nun bewirtschaftet, nach Lösungen für die verschiedenen Objekte. Für den Bauwagen konnte ein neuer Standort gefunden werden. Auch die Hühner werden ein neues Zuhause erhalten. Andere Elemente hingegen landen in der Bauschuttmulde. Dass wenigstens die Pflanzen und die Teiche erhalten bleiben dürfen, ist für Helena Wüthrich, die den Garten von Geri Kappeler mitbetreut, ein kleiner Trost. «Der Rückbau ist für uns wirklich ein Abschiednehmen. Wir haben alle viel Zeit und Herzblut in die Gärten gesteckt», sagt sie. Besonders schmerzlich sei der Abbau des von Hand verlegten Steinmosaiks gewesen.
Trotz der laufenden Rückbauarbeiten sind die kreativen Visionen von Dominik Dähler und des inzwischen verstorbenen Geri Kappeler noch überall spürbar. In den bunten Blumenbeeten, im Wäldchen aus Sträuchern und Bäumen sowie in einigen versteckten Kunst­objekten. Vieles wird verschwinden, doch was in all den Jahren mit Geduld, Fantasie und Liebe zur Natur entstanden ist, wird in den Erinnerungen der Menschen weiterbestehen.

Text: Rosie Schenk
Bilder: Rosie Schenk / zvg / Dominik Dähler


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote