Hitzewelle setzt Landwirtschaft unter Druck
22.07.2026 Aktuell, Natur, Kultur, Gesellschaft, Aktuell, WirtschaftDie Hitzewellen, welche die Schweiz seit Mitte Juni 2026 treffen, bringen die Landwirtschaft zunehmend in Bedrängnis. Die anhaltende Trockenheit verringert Erträge und beeinträchtigt die Qualität vieler Kulturen. Gleichzeitig erschwert die Hitze den Arbeitsalltag auf den Bauernhöfen.
«Wir rennen im Moment immer ein wenig dem Wasser nach», sagt Urs Lehmann vom Schache Biohof in Lyssach gegenüber der Zeitung «D’REGION». Wie stark ein Betrieb von der Trockenheit betroffen ist, hängt deshalb nicht nur vom Wetter, sondern auch von den regionalen Bewässerungsmöglichkeiten ab. Zudem sind die Niederschläge aufgrund der Gewitter sehr lokal. Nur wenige Kilometer können einen grossen Unterschied machen im Wasserhaushalt zweier Betriebe. Ziel der Bewässerung sei derzeit nicht eine Ertragssteigerung, sondern der Erhalt der Kulturen, betont Urs Lehmann.
Die Folgen der Trockenheit zeigen sich bereits bei den Beeren. Wegen der Hitze und des Wassermangels fallen die Erträge geringer aus als in anderen Jahren. Bei vielen anderen Kulturen werden die Auswirkungen jedoch erst im Verlauf der Ernte oder in den kommenden Monaten sichtbar.
Noch stärker zeigt sich die Trockenheit beim Getreide. Durch die Hitze wird dieses sogenannt «notreif»: Es reift deutlich früher als unter normalen Bedingungen. Dadurch kann es den Stickstoff aus dem Boden nicht mehr ausreichend aufnehmen. Dem Weizen fehlen deshalb wichtige Proteine, was sich negativ auf die Qualität des Mehls auswirkt. Auf dem Schache Biohof wird das Mehl in der hauseigenen Bäckerei verarbeitet. Die fachkundigen Bäckerinnen und Bäcker wissen mit der schwankenden Qualität umzugehen. Für den Grosshandel müssen die Getreidemühlen jedoch versuchen, die Qualität des Mehls auszugleichen. Für die Konsumenten/-innen sind diese Folgen derzeit noch kaum spürbar. Sichtbar, beispielsweise in höheren Preisen, werden sie voraussichtlich erst im Herbst oder Winter.
Ob die intensive Bewässerung in diesem Jahr zu hohen Mehrkosten führt, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen, auch weil die Trockenheit in vereinzelten Fällen einen Vorteil bedeutet. Kartoffeln etwa sind anfällig für Pilzkrankheiten. In einem feuchteren Sommer hätten sie mit Fungiziden behandelt werden müssen.
Dennoch, die Kartoffeln sind in diesem Sommer trotzdem Sorgenkinder. Sie sind sehr wasserliebend und mögen die Hitze nicht. Auch die Bewässerung wird eine geringe Ernte in diesem Jahr nicht zu verhindern vermögen. Landwirt Ruedi Fischer aus Bätterkinden pflanzt auf knapp 20 Hektaren Kartoffeln an. Ab 28 Grad wachsen die Knollen nicht mehr. Das Wasser vermag das Kraut grün zu halten, in der Hoffnung, dass die Kartoffeln weiterwachsen, wenn es kühler ist.
Eine solche Hitzewelle und Trockenheit sei in den vergangenen 30 Jahren noch nie vorgekommen, so Ruedi Fischer. Auch für die Futterproduktion stellt die Trockenheit ein Problem dar. Seinen 80 Milchkühen musste der Bauer bereits jetzt Winterfutter zufüttern. Die Weiden sind am Vertrocknen, Futter muss zugekauft werden, das Gras wächst nicht und reicht nicht zum Heuen, der Mais, der einen wichtigen Bestandteil des Winterfutters darstellt, kommt schlecht oder gar nicht auf. Da auch der Rest von Europa mit der Hitze zu kämpfen hat, steigen die Preise beim Futterzukauf.
Die Regenfälle der vergangenen Woche vermochten nur wenig Linderung zu bringen. Die Situation, insbesondere auf Grasflächen, ist prekär. «Das Gras ist zu vertrocknet. 10 oder 20 Millimeter Regen reichen nicht aus, um die Flächen wieder grün zu machen. Es wird auch Grünflächen geben, die wieder angesät werden müssen. Die Trockenheit und Hitze werden für die Landwirtschaft noch lange Folgen haben», betont Ruedi Fischer.
Oftmals seien die trockeneren Jahre die besseren gewesen, aber in diesem Jahr verhindert die extreme Hitze ein gutes Wachstum. Um volle Regale müssen sich Konsumentinnen und Konsumenten dennoch keine Sorge machen.
Das Wasser wird auch für die Fische knapp
Seit mehreren Wochen befinden sich die Fische in der Emme und weiteren Gewässern des Kantons Bern in einer Notsituation. Sinkende Wasserstände und hohe Wassertemperaturen setzen den Tieren stark zu.
Vergangene Woche erreichte die Aare in Bern eine neue Rekordtemperatur und auch die hiesigen Gewässer sind zu warm. Gleichzeitig führt die Emme an einigen Stellen nur noch sehr wenig Wasser. Dadurch verlieren viele Fische ihren Lebensraum oder sterben wegen den hohen Wassertemperaturen. Für Forellen verursachen Wassertemperaturen ab 20 Grad sehr viel Stress, ab 24 Grad wird es für sie lebensbedrohlich. Schätzungsgemäss lagen die Temperaturen in der Emme in der vergangenen Woche bei rund 22 Grad.
Fischerinnen und Fischer haben im Kanton Bern bereits knapp 40 000 Fische in kühlere Gewässerteile umgesiedelt. Viele von ihnen engagieren sich ehrenamtlich. Trotz dieses grossen Einsatzes können längst nicht alle Tiere gerettet werden.
Um die verbleibenden Rückzugsorte zu schützen, haben das Fischereiinspektorat des Kantons Bern und der Fischereiverein an der Emme Burgdorf an verschiedenen Stellen am Emmeufer Hinweistafeln aufgestellt. Sie machen darauf aufmerksam, sensible Bereiche möglichst nicht zu betreten, da sich die Fische bereits in einer Stresssituation befinden und nicht weiter gestört werden sollten. Zudem kontrollieren Mitglieder des Fischereivereins an der Emme Burgdorf die Schutzzonen für die Fische. Sie appellieren mit den Schildern an den gesunden Menschenverstand der Passantinnen und Passanten, denn ein Badeverbot aussprechen kann der Kanton nicht. Auch wenn die Gewässer mit einer Erfrischung locken, werden Passantinnen und Passanten angehalten, zum Überleben der Fische die kühlsten Bereiche zu meiden und auch ihre Hunde nicht in den Fischschutzgebieten baden zu lassen.
Gemäss Colin Moser, Vereinspräsident des Fischereivereins an der Emme Burgdorf, dürfte der Regen von der Vorwoche nur kurz eine Erleichterung für die Fische bringen. Das Problem sei die grosse Wassermenge, die bei Gewittern auf einmal kommt. Das Wasser habe so nicht die Gelegenheit, im Boden zu versickern und die Grundwasserreserven aufzufüllen, sondern fliesse nur oberflächlich ab. Es vermöge auch nicht, die Gewässer richtig abzukühlen. Damit sich die Situation auf längere Sicht erholen könnte, bräuchte es längere Regenfälle mit geringeren Wassermengen auf einmal.
Text: Rosie Schenk
Bild: Sandra Meier


