Bildungspolitik betrifft uns alle
04.03.2026 Rüegsbach«Wer bestimmt die Bildung von morgen?» Zu diesem Thema fand in Hinblick auf die bevorstehenden Grossratswahlen am Montagabend, 23. Februar 2026, im Restaurant Krone in Rüegsbach, Gemeinde Rüegsau, ein Podiumsanlass statt. An der Diskussion beteiligten sich die beiden Gastgeber und Grossratskandidierenden Andreas Wyss (FDP), Gemeinderatspräsident von Kirchberg, und Yvonne Hartmann (SP), Gemeinderätin Kirchberg mit Ressort Bildung sowie die nationalen Politikerinnen Flavia Wasserfallen (SP), Ständerätin, und Nadja Umbrecht Pieren (SVP), Nationalrätin. Moderiert wurde die Veranstaltung von Franco Digirolamo (UOP Oberburg), der als Gemeinderat von Oberburg dem Ressort Bildung vorsteht und bei den Grossratswahlen als Kandidat auf der FDP-Liste antritt.
Andreas Hängärtner, Gemeindepräsident von Rüegsau, betonte in seiner Ansprache, dass das Thema Bildung alle Bürger/innen betrifft: «Die Schulen haben die Aufgabe, unseren Kindern die Grundlagen beizubringen, um in unserer sich stetig verändernden Welt zu bestehen. Bei der Bildungspolitik geht es nicht nur um Strukturen und Lehrpläne, sondern auch um Chancengleichheit und unsere Zukunft.» Die Gemeinde Rüegsau unterhält zwei Schulstandorte mit einem Unterschul- und einem Oberstufenzentrum, die von rund 550 Schülerinnen und Schülern besucht werden. Niemand stemmt sich gegen ein gutes Bildungsangebot, erläuterte der Gemeindepräsident. Die Finanzierung erweise sich allerdings für die Gemeinden oftmals als Knackpunkt.
Input-Referat von Simon Graf
Simon Graf, Vorsteher Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung des Kantons Bern, ordnete in seinem Referat die aktuellen Entwicklungen im bernischen Bildungssystem ein. Die Volksschule sei ein Ort der Begegnung und ein Spiegel der Gesellschaft. Er stellte klar: «Man hört häufig nur das Negative. Wenn ich aber unsere Schulen besuche, sehe und erlebe ich ungemein viel Positives.»
Die Ausgestaltung der Berner Volksschule ist eine gemeinsame Verbundsaufgabe von Kanton und Gemeinden. Der Kanton erlässt die Rahmenbedingungen. Den Gemeinden steht bei der Umsetzung der Richtlinien allerdings relativ viel Handlungsspielraum zur Verfügung.
Den Fachkräftemangel bezeichnete Simon Graf als gegenwärtig grösste Herausforderung – neben den unterschiedlichen Voraussetzungen, welche die Kinder zu Beginn ihrer Schullaufbahn mit sich bringen sowie der wachsenden Anzahl an Mädchen und Knaben, die ein besonderes Volksschulangebot benötigen.
Stellungnahmen von Flavia Wasserfallen und Nadja Umbricht Pieren
SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen kritisierte, dass die finanziellen Mittel für den Bildungsbereich – für Hochschulen und Fachhochschulen, aber auch für die Forschung – auf nationaler Ebene immer stärker unter Druck gerieten. «Sparen wir bei der Bildung, sägen wir am Ast, auf dem wir alle sitzen», erklärt sie. Die Forderung nach höheren Ausgaben für die Armee seien durchaus berechtigt – ihrer Ansicht nach ist es aber der falsche Weg, deswegen Investitionen in die Bildung zu vernachlässigen.
In einigen Bereichen wünschte sich die Ständerätin ein mutigeres Vorgehen seitens des Kantons. So befürwortete sie ein kantonales Handyverbot auf dem Areal der Volksschulen: «Viele Schule trauen sich nicht, ein Handyverbot zu erlassen, weil sie sich vor den Reaktionen der Eltern fürchten.»
Nationalrätin Nadja Umbricht Pieren beurteilte positiv, dass die ländlichen Gemeinden des Kantons bemüht seien, ihre Schulstandorte weiterhin zu unterhalten – und die Zentralisierung nicht weiter voranschreitet. Auch für den unbürokratischen Umgang im Kanton in Bezug auf das Einschulungsalter fand sie lobende Worte, ebenso für die Pädagogische Hochschule Bern, die einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Fachkräftemangel leiste. Sie plädierte jedoch dafür, in der Schule wieder vermehrt auf Leistung zu setzen – und diese auch mit Noten zu bewerten. Das Beherrschen der Unterrichtssprache bezeichnet sie als Voraussetzung für die Einschulung. Bei der Prüfung von Bewerbungsunterlagen für Lehrstellen sei sie manchmal regelrecht schockiert über das schlechte Sprachniveau der Schüler/innen. «Hier bin ich der Ansicht, dass wir wieder mehr Leistung verlangen dürfen.»
Angeregte Debatte
Anschliessend beantworteten Flavia Wasserfallen, Nadia Umbricht Pieren, Andreas Wyss und Yvonne Hartmann Fragen von Moderator Franco Digirolamo. Es entfaltete sich eine engagierte Diskussion. Andreas Wyss plädierte dafür, den Fokus der Volksschule wieder vermehrt auf die Erlernung der Grundkompetenzen zu richten, also auf Lesen, Schreiben und Rechnen. Im Unterschied zu Flavia Wasserfallen, die für eine Regulierung von Social-Media-Plattformen und eine Altersbeschränkung eintrat, sprach sich Andreas Wyss gegen Verbote und Beschränkungen aus. Wichtig sei es, dass die Schule den Kindern und Jugendlichen einen vernünftigen und eigenverantwortlichen Umgang mit den sozialen Medien und digitalen Geräten vermittle.
Yvonne Hartmann wies auf den Stadt-Land-Unterschied in der Bildungslandschaft hin. Die vorhandenen finanziellen Mittel der Gemeinden und Städte seien unterschiedlich – und teilweise entscheidend für das Bildungsangebot. Nicht jede Gemeinde kann sich leisten, Schulsozialarbeit anzubieten. Mit dieser Problematik muss sich der Kanton auseinandersetzen – schliesslich sollen allen Schülern/-innen die gleichen Voraussetzungen zur Verfügung stehen, unabhängig davon, in welcher Gemeinde sie aufwachsen. Nadja Umbricht Pieren verortete beim Lehrplan 21 gewisse Mängel. Den Unterricht im Frühfranzösisch sah sie kritisch – die Erlernung von Grundkompetenzen in der Unterrichtssprache und in Mathematik seien weitaus wichtiger.
Die Bildungspolitik wird den Kanton und die Gemeinden auch nach den Grossratswahlen weiterhin beschäftigen.
Text und Bild: Markus Hofer

