«Die Realität ist oft erschreckender als die Fiktion»
20.05.2026 Oberburg, Kultur, Burgdorf, GesellschaftChristine Brand zählt zu den populärsten Autorinnen der Schweiz. Ihre Kriminalromane sind regelmässig zuoberst auf der Schweizer Bestsellerliste zu finden. Die in Oberburg aufgewachsene Schriftstellerin lebt heute teils auf Sanisbar, teils in Zürich – und reist viel in der Welt umher.
Vor Kurzem ist der neue Krimi der Emmentalerin mit dem Titel «Vermisst – Der Fall Lucas» erschienen. Es handelt sich um den dritten Teil ihrer Cold-Case-Reihe, in der die sympathische, aber unkonventionelle Privatermittlerin Malou Löwenberg vermissten Personen nachspürt.
Interview mit Christine Brand
Christine Brand kehrte am vergangenen Montag für eine Lesung im ausverkauften Casino Theater in Burgdorf in ihre Heimatregion zurück. Die Zeitung «D’REGION» unterhielt sich mit ihr über das neue Buch, das Schreiben sowie kommende Projekte.
«D’REGION»: Ihr neuer Krimi «Vermisst – Der Fall Lucas» ist der dritte Teil Ihrer Cold-Case-Reihe, in der sich Privatdetektivin Malou Löwenberg auf die Suche nach verschwundenen Personen begibt. Was reizt Sie als Schriftstellerin an der Vermissten-Thematik?
Christine Brand: Mich hat ein Leben lang fasziniert und bewegt, dass Menschen plötzlich von einer Sekunde auf die andere wie vom Erdboden verschwinden und die Suche nach ihnen – trotz aller Bemühungen – manchmal zu keinem Ergebnis führt. Zu Beginn wird bei einem Vermissten-Fall jeweils mit Hochdruck ermittelt. Finden sich keine Spuren, sieht sich die Polizei irgendwann gezwungen, die Akte zu schliessen. Für die Angehörigen ist dies natürlich schrecklich und ungemein belastend … für sie bleibt die Lücke für immer bestehen, sie können nie damit abschliessen. Daraus entstand die Idee, Malou Löwenberg auf genau solche Fälle anzusetzen, um die sich sonst niemand mehr kümmert. Diese Ausgangslage empfand ich als reizvoll.
Vielleicht hat die Faszination für Vermissten-Fälle auch mit meiner Kindheit zu tun: In den 1980er-Jahren verschwanden in der Schweiz mehrere Mädchen und Knaben. Überall hingen Vermissten-Plakate von Kindern, die ungefähr in meinem Alter waren. Natürlich fragte ich mich, was mit ihnen wohl passiert sei. Heute weiss man, dass Werner Ferrari mehrere dieser Kinder ermordete. Bei einigen ist bis heute unklar, was ihnen zugestossen ist. Diese Zeit war prägend für mich – vermutlich erschuf ich deshalb eine Ermittlerin, die nach verschwundenen Menschen sucht.
«D’REGION»: Gibt es eine Szene in «Vermisst – Der Fall Lucas», die Ihnen beim Schreiben besonders unter die Haut ging?
Christine Brand: Die Ausgangslage des neuen Buches ist sehr speziell, weil Lana, die Klientin von Malou, nur noch wenige Wochen zu leben hat: Sie befindet sich in einem Sterbehospiz. Ihr letzter Wunsch ist, ihren Bruder nochmals wiederzusehen, der vor 26 Jahren spurlos verschwand.
Das Schicksal von Lana ging mir sehr nahe und berührte mich. Ich tauche jeweils tief in meine Geschichten ein und entwickle eine emotionale Bindung zu meinen Figuren. Während der Arbeit am Roman verstarben zudem zwei mir nahestehende Personen nach schwerer Krankheit. Dies machte es für mich umso aufwühlender, die Szenen im Hospiz zu schildern.
«D’REGION»: Ihre Thriller wirken oft sehr realistisch. Sie lassen sich beim Schreiben jeweils auch von wahren Kriminalfällen inspirieren. Welche realen Hintergründe finden sich im neuen Buch?
Christine Brand: Bei meinen True-Crime-Büchern halte ich mich selbstverständlich getreu an die Fakten. Bei meinen Romanen hingegen nehme ich mir viele Freiheiten heraus und vermische Fiktion mit Realität. Der zentrale Handlungsstrang basiert dabei nie auf realen Begebenheiten. Manchmal fliessen allerdings Verbrechen, die sich tatsächlich zugetragen haben, in leicht verfälschter Form in die Nebenhandlung ein. So spielt «Vermisst – Der Fall Lucas» teils in Interlaken bei der Ruine Weissenau. Als Inspirationsquelle diente dabei der Fall des «Ordens der arischen Ritter», der im Buch als «Orden der arischen Krieger» in Erscheinung tritt. Zudem verstecke ich manchmal gewisse Anspielungen auf reale Fälle in meinen Büchern, die Leserinnen und Leser mit Insider-Wissen entschlüsseln können. Für den neuen Krimi stützte ich mich bei der Charakterisierung der Täterschaft – ich verwende bewusst diesen Begriff, weil ich nicht zu viel verraten will – auf das psychologische Profil einer real existierenden Person. Um zu erklären, weshalb jemand ein Delikt begeht, greife ich teils auf reale Gutachten oder Begegnungen mit Täterinnen und Tätern im Rahmen meiner Tätigkeit als Gerichtsreporterin zurück. Dadurch gewinnen meine Krimis an Authentizität.
Die Realität ist oftmals erschreckender als die Fiktion …
«D’REGION»: Sie waren lange Zeit als Gerichtsreporterin für verschiedene Medien tätig. Sind Sie eher zufällig als Berichterstatterin in die Welt des Verbrechens eingetaucht oder haben Sie sich als Journalistin dieses Themenfeld ganz bewusst ausgesucht?
Christine Brand: Ich wollte unbedingt Gerichtsreporterin werden. Vielleicht liegt dies an meiner morbiden Ader als Tochter eines Bestattungsunternehmers, der gelegentlich auch mit der Polizei zusammenarbeitete. Bei uns Zuhause in Oberburg wurde am Küchentisch jeweils über Gerichtsfälle und Verbrechen diskutiert. Als ich als junge Frau das Lehrerinnenseminar in Langenthal absolvierte, schwänzte ich eines Tages den Unterricht, um in Bern als Zuschauerin dem Gerichtsprozess im Fall Z. aus Kehrsatz beiwohnen zu können. Die Gerichtswelt, in der verschiedene Schicksale und Lebensgeschichten aufeinanderprallten, zog mich unweigerlich in ihren Bann.
Ich schlug eine Laufbahn als Journalistin ein – und als ein Gerichtsfall anstand, kämpfte ich darum, als Berichterstatterin eingesetzt zu werden. Ich übernahm fortan die Prozess-Berichterstattungen und fokussierte mich später immer stärker auf dieses Gebiet.
«D’REGION»: Welche Fälle, über die sie berichteten, erschütterten sie besonders?
Christine Brand: Jedes Verbrechen ist schlimm, grausam und unnötig. Insbesondere der Vierfachmord in Rupperswil sowie das Tötungsdelikt am Bruggerberg, bei dem ein 23-Jähriger seinen Kollegen in eine Höhle einsperrte und darin sterben liess, hallten bei mir noch lange nach.
«D’REGION»: Wie Sie erwähnt haben, sind Sie als Tochter eines Bestatters aufgewachsen und kamen deshalb früh mit dem Tod in Berührung. Hat Sie dies geprägt?
Christine Brand: Es ist sicherlich nicht alltäglich, wenn man als Kind regelmässig mit dem Tod konfrontiert wird. Immer wenn im Dorf jemand verstarb, klingelte bei uns das Telefon. Ich fuhr im Leichenwagen mit, der unser Familienauto war, und half meinem Vater beim Schmücken der Särge. In einer Gesellschaft, in welcher das Sterben und der Tod weitgehend tabuisiert und versteckt werden, erachte ich es als Privileg, bereits als junges Mädchen realisiert zu haben, dass das Leben endlich ist … Diese Erkenntnis war für mich prägend. Vielleicht lebe ich deshalb sehr bewusst im Moment.
«D’REGION»: Haben Sie jemals eine Laufbahn als Bestatterin in Betracht gezogen?
Christine Brand: Ich spielte einmal mit dem Gedanken, die berufsbegleitende Ausbildung zur Bestatterin zu absolvieren … da ich aber das Geschäft meines Vaters nicht hätte übernehmen können, weil er damals noch weit vom Pensionsalter entfernt war, stellte dies keine Option dar. Heute bin ich froh, einen anderen Weg eingeschlagen zu haben.
«D’REGION»: Ihre Romane spielen hauptsächlich in der Schweiz. Sie leben jedoch teilweise auf der Insel Sansibar. Wäre dies ebenfalls eine geeignete Kulisse für einen Thriller?
Christine Brand: Ich habe einen Vertrag für einen Krimi, der auf Sansibar spielen wird. Allerdings verzögert sich das Projekt, da der Verlag stets andern Büchern den Vorrang gibt. Der Sansibar-Krimi wird aber bestimmt eines Tages erscheinen.
«D’REGION»: Wie gehen Sie beim Entwickeln einer neuen Geschichte vor – steht am Anfang jeweils eine Figur, eine bestimmte Szene oder der Plot?
Christine Brand: Dies ist immer unterschiedlich. Manchmal taucht wie aus dem Nichts ein Gedanke auf, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht und den ich weiterspinne. Den Ausgangspunkt für den neuen Krimi bildete die Idee, dass Malou nach jemandem sucht, der auf keinen Fall gefunden werden will. Danach begann mein Gehirn auf Hochtouren zu arbeiten und ich fragte mich: Warum will die Person nicht gefunden werden? Was hat sie zu verbergen? Aus diesem Samen entwickelte sich allmählich die Handlung.
Einen weiteren Input lieferte mir die Sendung «Mona mittendrin», in welcher Moderatorin Mona Vetsch jeweils ohne Vorabinformationen in eine ihr fremde Arbeitsumgebung eintaucht. In einer Folge begleitete sie Pflegerinnen in einem Sterbehospiz. Als sie realisierte, worin ihre Aufgabe bestand, begannen sich ihre Gesichtszüge zu verändern. Sie erkannte: Das wird schwierig. In dieselbe Ausgangslage versetzte ich meine Malou: Sie erhält einen Anruf, begibt sich zur Adresse der Klientin, stellt fest, dass diese in einem Sterbehospiz untergebracht ist und erkennt, dass es sich um einen ganz besonderen Fall handelt. Hinzu kommt der Zeitdruck, da ihre Auftraggeberin nicht mehr lange zu leben hat.
«D’REGION»: Haben Sie feste Arbeitsroutinen – und wie sehen diese aus?
Christine Brand: Ich schreibe praktisch jeden Tag. Am Morgen redigiere ich jeweils die Seiten, die ich am Vortag verfasst habe. So tauche ich gleich wieder in die Geschichte ein … An manchen Tagen bin ich produktiver und habe einen regelrechten Schreibschub, manchmal läuft es etwas zäher. Die grundlegende Überarbeitung der ersten Romanfassung nimmt dann etwa gleich viel Zeit in Anspruch wie der gesamte Schreibprozess zuvor.
Tüftle ich an einer Idee, gehe ich oft spazieren und rede dabei laut mit mir selber. Ich stöpsle mir dann jeweils Kopfhörer in die Ohren, damit die Passantinnen und Passanten denken, ich sei am Telefonieren… sonst würden mich die Leute wohl für verrückt halten.
«D’REGION»: Auf welche künftigen Projekte dürfen sich Ihre Leserinnen und Leser freuen?
Christine Brand: Vor Kurzem beendete ich eine fiktionalisierte Biographie über Daisy Voog – die erste Frau, welche die Eiger-Nordwand bestieg. Sie wurde allerdings nicht lange als Königin des Eigers gefeiert. Zwei Tage nach ihrem Gipfelsturm zeigte sie ihr ehemaliger Chef und Ex-Liebhaber wegen Betrugs an. Das Buch zu schreiben war für mich nicht leicht, da ich unter krasser Höhenangst leide. Die Veröffentlichung erfolgt voraussichtlich im kommenden Jahr – es handelt sich dabei jedoch nicht um einen klassischen Krimi. Zudem arbeite ich an einem weiteren Band der «Vermisst»-Reihe, in der Malou Löwenberg, die als Findelkind aufgewachsen ist, ganz im Zentrum steht. Ihre persönliche Geschichte wird darin zu einem Abschluss kommen.
Interview/Text: Markus Hofer
Bild: Lauren Rattray

