Ein bislang verborgener Schatz wird für das Publikum zugänglich

  24.06.2026 Bildung, Kultur, Lützelflüh

Das Gotthelf Zentrum in Lützelflüh erhielt vom Ehepaar Ursula und Oscar Kambly ein ganz besonderes Präsent: einen Folioband mit 88 Originalzeichnungen des Berner Kunstmalers Friedrich Walthard (1818 –1870) zu den Romanen «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter». Da das wertvolle Bijou im Ganzledereinband mit einer Cliché-Prägung in Gold den Besucherinnen und Besuchern aus konservatorischen Gründen nicht zur Ansicht zur Verfügung gestellt werden kann, suchte Zentrumsleiterin Katrin Marti gemeinsam mit Grafiker Kurt Eichenberger und Beirats-Mitglied Heinrich Schütz nach einer Möglichkeit, die Illustrationen dennoch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zu diesem Zweck wurden die Zeichnungen digitalisiert. Interessierten Gästen bietet sich neu die Gelegenheit, den Band auf Tablets bequem durchzusehen – ergänzt mit Hintergrundinformationen über das Leben und Werk des Künstlers. Zusätzlich wurden Friedrich Walthards handschriftliche Auszüge aus den Uli-Romanen, die als Bildlegenden dienen, transkribiert. Somit ist auf den ersten Blick ersichtlich, welche Textstellen den Künstler zum Zeichenstift greifen liessen. 
In der vergangenen Woche fand die Vernissage im Gotthelf Zentrum statt. Heinrich Schütz und Kurt Eichenberger gaben einen Einblick in die Biografie Walthards, würdigten dessen künstlerisches Talent und erläuterten die Arbeitsschritte, mit denen der Folio­band digital erschlossen wurde. 
Ein unstetes Künstlerleben
Friedrich Walthard kam am 4. September 1818 in Bern als Sohn des Kaufmanns und Wirts Friedrich Ludwig Walthard und der Schangnauer Bauerntochter Marie, geborene Marti, zur Welt. Sein Vater verfiel dem Alkohol und starb im Jahr 1838, nachdem seine Ehe bereits 1831 geschieden worden war. Die Mutter von Friedrich verstarb im Jahr 1836 vermutlich an Magenkrebs. Von 1826 bis 1834 wuchs der feinfühlige und intelligente Knabe im burgerlichen Waisenhaus in Bern auf. Bereits dort zeigte sich sein zeichnerisches Talent. Unterstützt von der Zunft zu Zimmerleuten besuchte er das Gymnasium und nahm anschliessend das Theologiestudium in Angriff, das er ebenso wenig abschloss wie das Studium der Jurisprudenz. Er träumte von einer künstlerischen Laufbahn als Maler – ein Wunsch, den ihm die Zunftverantwortlichen schliesslich gewährten. 
Nach einer Lehrzeit beim bekannten Schweizer Maler Johann Friedrich Dietler reiste Walthard 1842 mit einem Stipendium zu Studienzwecken nach Paris, wo er bis 1846 seine Zeichnungsfertigkeiten übte und sich mit der Ölmalerei auseinandersetzte. Danach begann eine rastlose Wanderzeit als umherziehender Portrait- und Genremaler mit Stationen in München, Chur und anschliessend Burgdorf. Dort führte Friedrich Walthard Ende 1848 unter anderem Aufträge für die Brüder Schnell aus. Zu dieser Zeit schloss er auch Bekanntschaft mit dem Lützelflüher Pfarrer und Schriftsteller Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf. In den Jahren 1848 bis 1850 war er mehrmals zu Gast im Pfarrhaus von Lützelflüh. Er malte ein Porträt der Frau Pfarrerin Henriette Bitzius-Zeender und erhielt dank der Fürsprache Gotthelfs den Auftrag, die Neuauflage des Romans «Der Bauern-Spiegel» für den deutschen Verleger Julius Springer zu illustrieren. 
Doch trotz verschiedener Erfolge gelang es Walthard nicht, in Bern, wo er 1849 ein Atelier eröffnete, Fuss zu fassen. Die aufkommende Daguerreotypie, das erste kommerziell nutzbare Fotografie-Verfahren, konkurrenzierte die traditionelle Portrait-Malerei zunehmend. Die prekäre Auftragslage und Lebenssituation verfinsterten Walthards Gemüt. Seine Depressionen versuchte er im Alkohol zu ertränken. Im Jahr 1857 wies ihn die Zunft in die Irrenanstalt Waldau ein. Nach seiner Entlassung und vorübergehender Erholung erlitt Walthard einen Rückfall und liess sich schliesslich 1860 selbst dauerhaft in die Waldau einweisen. Der dortige Direktor Dr. Rudolf Schärer, ein Jugendfreund Walthards und ebenfalls Mitglied der Zunft zu Zimmerleuten, bot ihm die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen kreativ tätig zu sein. So schuf Walthard in seiner letzten Lebensphase zahlreiche Werke – unter anderem Illustrationen für ein Schwinger-Lehrbuch, das Dr. Schärer als Liebhaber des Schwingsports verfasst hatte, sowie Zeichnungen zu Gotthelfs Werken. Der Notar, Bankier und Kunstsammler Friedrich Bürki erteilte ihm nach einem Besuch in der Waldau den Auftrag, Skizzen zum «Bauern-Spiegel» und zu den «Uli»-Romanen anzufertigen. Die Zeichnungsblätter liess Bürki in zwei Lederbände einbinden, von denen einer auf verschlungenen Pfaden zur Familie Kambly und nun ins Gotthelf Zentrum gelangte. 
Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Walthard und dem bereits 1854 verstorbenen Gotthelf kommt in einem Brief an Albert Bitzius junior aus dem Jahr 1867 zum Ausdruck. Bei den Illustrationsarbeiten, schrieb Walthard, habe er «hunderte, ja tausend Mal» an Gotthelf gedacht. «Wie hätt ich eine immense Freude gehabt, ihn zu Rath zu ziehen und ihm jede Composition zu zeigen, welch herrliche Stunden hätt ich nicht bei ihm in seinem trauten Lützelflüh verlebt? Wie hätt ich mich stets neu begeistert, durch das lebensvolle Wort seines beredten Mundes? Aber ach, all die Männer, die mein Wesen begriffen und verstanden sind mir durch den unerbittlichen Sensenmann geraubt worden.» Der Sensemann holte schliesslich im Jahr 1870 auch den 52-jährigen Friedrich Walthard zu sich.  

Text und Bild: Markus Hofer

 


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote