Ein Klassentreffen, alte Wunden und jede Menge unausgesprochene Geschichten
04.11.2026 Hindelbank, Foto, Hindelbank, KulturEr hat es nicht erhalten, der spontane und offene Theatergast, der beim als Kellner verkleideten Schauspieler der Theatergruppe Plan B auf dessen Frage ein Panaché bestellt hatte – oder doch? Die Aufmerksamkeit des Publikums richtet sich rasch auf die eintreffende Klassenzusammenkunft, die sich bei der Wirtin der Dorfbeiz «Chez Fritz» angemeldet hat.
Rock’n’Roll im Hintergrund, eine etwas in die Jahre gekommene Beiz und ein Aushilfskellner, der erst noch lernen muss, was eine Stange ist: Die Bühne ist bereit für einen Abend, an dem mehr ans Licht kommt als alte Schulgeschichten. Zwanzig Jahre nach dem Schulabschluss treffen ehemalige Klassenkameradinnen und -kameraden aufeinander. Tanja, die resolute Organisatorin, hat ein Programm samt Beizenquiz vorbereitet. Zwischen Erinnerungen an Harry Potter, alten Fernsehserien und vergessenen Hausaufgaben schlummern allerdings auch weniger heitere Geschichten.
Alte Rollen, alte Wunden
Vor allem Sandra, die schon damals am Rand der Klasse stand, sorgt für Unruhe. Nach einem verheerenden Schulhausbrand als Schuldige abgestempelt, hatte sie das Dorf verlassen. Nun ist sie zurück – in der Hoffnung, dass zwanzig Jahre genug Abstand geschaffen haben. Doch die alten Rollen scheinen unverändert. Während die einen Erinnerungen beschönigen, andere mit Erfolgen kokettieren und manche lieber schweigen, schreibt die zur Journalistin gewordene Florence heimlich mit. Ihr Bericht trifft die Runde empfindlich: So viel Zeit ist vergangen und doch scheint sich kaum etwas verändert zu haben.
Die Geschichte erinnert durchaus an Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame»: Auch hier kehrt eine Frau an einen Ort zurück, an dem die Vergangenheit noch lange nicht vergangen ist. Im Zentrum stehen allerdings weniger Rache als Schuld, Gruppendynamik und die unbequeme Frage nach der eigenen Verantwortung.
Unter dem Sternenhimmel
Die geheimnisvolle Taxifahrerin Manuela, die immer wieder ins Geschehen platzt und aus ihrem Leben erzählt, eröffnet eine weitere Perspektive. Rauch, Parfüm und Kaugummi – das, was von den Gesprächen ihrer Fahrgäste hängen bleibt und manches überdecken soll – werden zum Sinnbild des Abends. Erst als sich die ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler ihrer gemeinsamen Verantwortung stellen, löst sich die Anspannung. Unter dem Sternenhimmel wird klar: Die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen, aber man kann anders mit ihr umgehen. Auch der ehemalige Klassensprecher Lukas hält schliesslich seine Rede – trotz des scheinbar unpassenden Zeitpunkts – und erntet dafür anerkennende Worte.
Die junge Theatergruppe Plan B, die aus der Hoger Jugendarbeit Kirchberg hervorgegangen und der Kirchgemeinde angeschlossen ist, überzeugt mit Spielfreude und Gespür für menschliche Schwächen. Humor, Lokalkolorit und nachdenkliche Momente halten sich dabei die Waage.
Und die eingangs gestellte Frage? Ja, das Theater serviert tatsächlich ein Panaché – mit reichlich Schaum, einem Schuss bitterer Wahrheit und überraschend süssem Nachgeschmack. Denn auf der Bühne spiegelt sich, was wir alle kennen: Wir reden über andere, verdrängen eigene Fehler und hoffen, dass Gras darüber wächst. Vielleicht nehmen wir uns nach diesem Abend vor, beim nächsten Klassentreffen nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Weitere Vorstellungen: Freitag, 6. November und Samstag, 7. November 2026, 19.30 Uhr im Sofa-Theater Hindelbank.
Text und Bilder: Jacqueline Rüesch









