Einblicke in die «Walz im Wandel»

  28.10.2026 Lützelflüh, Lützelflüh, Kultur, Bildung

Am vergangenen Donnerstagabend lud das Gotthelf Zentrum zum Anlass «Walz im Wandel» ein. Die Veranstaltung fand am 22. Oktober statt, dem 172. Todestag des Schriftstellers Jeremias Gotthelf (1797–1854) und stiess auf grosses Interesse. 
Mit der Walz, auch Tippelei genannt, wird die traditionelle, bis ins Mittelalter zurückreichende Wanderschaft von Gesellinnen und Gesellen bezeichnet, die nach Abschluss ihrer Ausbildung für meistens drei Jahre und einen Tag ihre Heimat verlassen, um sich in ihrem Handwerk weiterzubilden, Lebens- und Berufserfahrung zu sammeln und die Welt kennenzulernen. 
Gotthelf setzte sich in seinem 1846/47 erschienenen Zeitroman «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz», mit der Walz auseinander. Darin reist der deutsche Handwerker Jacob quer durch die Schweiz, lernt unterschiedliche Betriebe, Arbeits- und Lebensbedingungen kennen und begegnet verschiedensten Menschen. Auf seiner Wanderung entwickelt er sich – wenn auch über Umwege – vom naiven Burschen zu einer gereiften Persönlichkeit, die Halt im christlichen Glauben findet und schliesslich bereit ist, als Meister einen eigenen Betrieb zu führen. 
Die Organisatorinnen Patricia Zihlmann und Julia Collins-Stalder, Mitglieder des Beirats des Gotthelf Zentrums, lasen Textstellen aus dem Roman vor und diskutierten diese anschliessend mit ihren drei Gästen Anja Rieder, Landwirtin, Subhia Wawi, Korbflechterin, und Stefan Woller, Zimmermann. Die beiden Erstgenannten befinden sich gegenwärtig auf der Walz; letzterer absolvierte seine Gesellenreise vor rund 25 Jahren und arbeitet heute bei der Firma Kühni AG in Ramsei. 
Die Verbindung von literarischen Textpassagen und persönlichen Erfahrungsberichten eröffnete spannende Einblicke in Gotthelfs Roman und den Ablauf der Gesellinnen- und Gesellenreise. Auch das Publikum beteiligte sich mit zahlreichen Fragen. 
Wer auf die Walz geht, muss ledig, kinderlos, schuldenfrei und jünger als 30 Jahre sein. Oftmals begleiten erfahrene Gesellinnen oder Gesellen neue Wandernde in der Anfangsphase. Verschiedene Regeln sollen dazu beitragen, die Tradition der Wanderschaft auch in der heutigen Zeit zu bewahren. Die Wandergesellinnen und -gesellen müssen einen Abstand von 50 Kilometern zu ihrem Heimatort halten und reisen ohne Handy und Erspartes. Während der Wanderjahre tragen sie als sichtbares Erkennungszeichen die Kluft, eine traditionelle Handwerkstracht, die vielfach aus Schlaghosen, Weste, einem Stenz (Wanderstab) und einem Hut besteht. Das wichtigste Reisedokument ist das Wanderbuch. Das persönliche Hab und Gut wird in ein Tuch, den sogenannten Charlottenburger, eingewickelt. Dieses löste aus hygienischen Gründen das traditionelle Felleisen ab, mit dem Jacob in Gotthelfs Roman unterwegs war. Organisiert sind die Wandernden in verschiedenen Vereinigungen, den sogenannten Schächten.
Alle drei Gäste betonten, dass sie auf der Walz (bisher) ausschliesslich positive Erfahrungen gemacht hätten und ihnen von allen Seiten viel Goodwill entgegengebracht worden sei. 

Text und Bilder: Markus Hofer


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